PRO UND CONTRA: Glücksfall oder Überdruss?

Open Air Musikfestivals scheiden die Geister – ebenso Europas grösstes Hip-Hop-Festival auf der Frauenfelder Allmend. Während das eine Lager Toleranz und Nachsicht proklamiert, ist die andere Seite genervt und hält die Besucher für verwöhnt.

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Zehntausende von Besuchern pilgern jährlich ans Open Air Frauenfeld. Nicht jeden freut's. (Archivbild) (Bild: Reto Martin)

Zehntausende von Besuchern pilgern jährlich ans Open Air Frauenfeld. Nicht jeden freut's. (Archivbild) (Bild: Reto Martin)

"Toleranz für ein viertägiges Volksfest heisst die Devise"


(Samuel Koch, Redaktor Thurgauer Zeitung)

Frauenfeld steht fürs Open Air, das Open Air steht für Frauenfeld. Eine Symbiose, die aufgeht und die es braucht. Fetzige Beats und Bässe, die schlimmsten Finger der Hip-Hop-Welt mit ihren Hits auf der Bühne, 50000 friedlich feiernde, armwippende Besucher: Europas grösstes Hip-Hop-Festival auf der Grossen Allmend hat sich in der Kantonshauptstadt etabliert. Echt tight!

Samuel Koch.

Samuel Koch.

Fokus auf Hip-Hop-Musik hin oder her: Der grösste Thurgauer Anlass des Jahres zieht an, bewegt und überzeugt. Das vermögen auch kritische Stimmen aus konservativ-politischen Ecken nicht schlechtzu-reden. Toleranz für ein viertägiges Volksfest heisst die Devise. Denn die Besucher ziehen sich dort nicht nur freshe Konzerte rein, sondern erleben unvergessliche Momente, vom Entfliehen des Alltags ganz zu schweigen. Gerade die jüngere Generation muss sich oft dem Vorurteil stellen, übermässig Alkohol und Drogen zu konsumieren. Ein fataler Irrtum.
Klar, auch beim besten Marathonläufer drückt hie und da mal der Schuh. Dass die Besucher in unmittelbarer Nähe eines Naturschutzgebiets tonnenweise Abfall produzieren, lässt sich nicht schönreden. Die Schweizer Konsumzahlen zeigen aber: Jede Schweizerin und jeder Schweizer produziert täglich mehr Abfall als ein Open-Air-Besucher am «Frauenfelder». Zudem hat das Festival-OK mit dem Entsorgungskonzept nach dem Schlammjahr 2014, dem darauffolgenden Diss in den Medien sowie dem Zeltdepot einen erfolgreichen Weg eingeschlagen, den es beizuhalten gilt.

Den wichtigsten Faktor aber stellt der Tourismus dar sowie die unbezahlbare Werbung für Frauenfeld weit über den Thurgauer Tellerrand hinaus. Nicht nur in der Welt der Rapper, Frauenfeld ist in aller Munde. Die Besucher bringen ihr Geld, sie konsumieren, nutzen den städtischen ÖV oder nächtigen in hiesigen Hotels. Ein wahrer Glücksfall.

Frauenfeld bleibt in Erinnerung, trotz überwiegend junger Zielgruppe. Wer jung ist, wird älter, man denke da nur an die Open-Air-Anfänge in Woodstock in den 60ern. Wer es erlebt hat, schwärmt noch heute davon – ob mit oder ohne Alkohol respektive Drogen. Es braucht Nachsicht, und wer’s nicht verkraftet: Ein paar Ferientage ausserhalb Frauenfelds bewirken Wunder, aight!


"Die Besucher des «Frauenfelders» sind verdammt verwöhnt"


(Rahel Haag, Redaktorin Thurgauer Zeitung)

Wie die Heuschrecken im zweiten Buch Mose werden sie wieder über Frauenfeld herfallen. Sie sind jung, laut und viel zu gut gelaunt. So lange die Open-Air-Besucher nicht auf der Grossen Allmend sind, stören sie. Sie verstopfen Badi, Strassen und Läden.

Rahel Haag.

Rahel Haag.

Die Grossverteiler Denner und Migros in der Passage lassen, eben wegen dieser Plage biblischen Ausmasses, während des Open Airs ihre Einkaufswägeli von Securities bewachen. Die Wägeli wurden von Open-Air-Besuchern gern als Transportmittel für ihr Gepäck missbraucht. Und nicht nur das – auch als Grill mussten manche herhalten. Nach dem Festival wurden sie – selbstverständlich ohne den Einfränkler – kurzerhand am Bahnhof entsorgt. So rebelliert die weichgespülte Jugend heute.

Mittlerweile gibt es ja aber eine Migros-Filiale direkt auf dem Gelände – ohne Wägeli. Praktisch ist das dennoch und schonend für die Nerven der Frauenfelder, denn auf diese Weise bleiben die Exoten eher auf der Grossen Allmend. Andererseits ist es dem ursprünglichen Spirit, der ein Open Air ausmacht, nicht besonders zuträglich.

Spirit hin oder her. Heutzutage soll es auch während des Open Airs möglichst luxuriös sein. Schaut man sich auf der Homepage um, merkt man schnell: Geld regiert auch die Open-Air-Welt. Und dass die Besucher des «Frauenfelders» verdammt verwöhnt sind. Für 1700 Franken kann man sich zu zweit ein Premium-Loft mieten. Inklusive Bett, Bettdecke und sogar einer kleinen Holzterrasse vor dem Zimmer. Vor drei Jahren konnten sich die Besucher noch ihre eigene «Favela» zimmern. Das kam weniger gut an.

Für 1100 Franken gibt’s ein Premium-Tent. Im Angebot inbegriffen sind zwei Luftmatratzen, Schlafsäcke und eine Solarlampe. Letztere beschert den Organisatoren das Prädikat «nachhaltig». Das Fussvolk zahlt für einen 3-Tages-Pass noch 199 Franken. Klassentrennung nennt man das.
Grundsätzlich schmückt sich das Open Air Frauenfeld gerne damit, dass es das grösste Hip-Hop-Festival Europas ist. Blöd nur, dass die Stars auf der Bühne nicht immer wissen, wo sie denn eigentlich zu Gast sind. «Hello Zurich», dröhnt es dann aus den Boxen. Den Zugedröhnten vor der Bühne dürfte das aber egal sein.