Pro Senectute und die Risikogruppe 65+: «Wir müssen sehr auf der Hut sein, was die soziale Isolation betrifft»

Thomas Diener, Vorsitzender der Geschäftsstelle von Pro Senectute Kanton St.Gallen, über eine ältere Generation, die noch gelassen auf das Corona-Virus reagiert, die Solidarität der Jungen und die Gefahr der sozialen Isolation.

Christoph Zweili
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In Zeiten von Corona ist die Haushilfe von Pro Senectute doppelt gefragt.

In Zeiten von Corona ist die Haushilfe von Pro Senectute doppelt gefragt.

Philipp Schmidli

Pro Senectute steht im Kanton St.Gallen in engem Kontakt mit der am stärksten betroffenen Risikogruppe, die sich zum eigenen Schutz zunehmend in die eigenen vier Wände zurückziehen muss.

Sie sind die Stimme der älteren Generation im Kanton St.Gallen. Betreibt Pro Senectute eine Corona-Hotline?

Thomas Diener: Wir haben keine eingerichtet. Pro Senectute ist per se eine Anlaufstelle für ältere Menschen. Wir haben eine grosse Kundschaft durch die drei Bereiche, die wir abdecken: Das sind der Beratungsdienst, die Hilfe und Betreuung zu Hause und das Kurs- und Veranstaltungswesen.

Was werden Sie bezüglich Corona am meisten am Telefon gefragt?

Die Menschen erkundigen sich, ob dieser Kurs oder jene Veranstaltung stattfindet. Oder ob sie am Schalter vorbeikommen können.

Von Panik keine Spur?

Ich spüre keine Panik zum jetzigen Zeitpunkt. Das Gros der Risikogruppe geht sehr vernünftig und auch gelassen mit der Situation um und achtet auf die Hygienemassnahmen. Wir haben mit einer Welle von Anfragen gerechnet, nachdem Italien die Grenzen dicht gemacht hat.

Es gibt keine Ängste?

Thomas Diener.

Thomas Diener.

Hanspeter Schiess

Doch, die gibt es schon. Die Menschen reagieren unterschiedlich, die einen verunsichert, andere fatalistisch-negierend, dritte sind sehr ängstlich und wollen sich am liebsten einschliessen. Wir haben alle Kunden angeschrieben oder per E-Mail informiert und fragen nach, wie die Situation für sie ist. Und wir erklären, wie wir uns verhalten, wenn wir ins Haus kommen.

Es ist Freitagnachmittag. Bei Ihnen klingelt das Telefon unaufhörlich, das Wartezimmer ist leer. Warum?

Wir haben den Publikumsverkehr eingeschränkt. Aktuell läuft der Steuererklärungsdienst: Normalerweise machen wir das mit unseren Kunden gemeinsam. Nun bitten wir sie, uns ihre Unterlagen per Post zuzustellen. Die Sozialberatungen machen wir wenn möglich telefonisch oder gehen nach Hause – mit entsprechenden Vorsichtsmassnahmen. Hätten wir hier im Haus einen Corona-Fall, stünden wir sofort unter Quarantäne. Das ist nicht lustig.

Kann eine Mehrheit der älteren Menschen die verhängten Massnahmen nachvollziehen?

Ja, sie sind erstaunlich gut informiert – viele auch übers Internet. Das Händewaschplakat des Bundesamts für Gesundheit ist sehr gut gemacht. Und die Medien informieren viel, auch wenn sich hier irgendwann eine gewisse Sättigung einstellen wird. Ältere Menschen lernen schnell ...

... wie meinen Sie das?

Sie sind an der Haustür rasch auf die Ellbogen-Begrüssung eingegangen. Jetzt berührt man sich auch mal Bein – es ist ein humorvolles Spiel daraus geworden.

Wer noch selbstständig lebt, muss Entscheidungen treffen, was wann zu tun oder zu unterlassen ist: Das ist nicht einfach.

Das kann zunehmend verunsichern, im Sinne von «Darf die Altersgruppe 65+ überhaupt noch auf die Strasse?».

Der Ausdruck 65+ wird der Generation der fitten Alten ohnehin nicht gerecht.

Mit dem Ausdruck fühlt sich wohl eher die Generation der über 75-Jährigen angesprochen; die 65-Jährigen wohl nur dann, wenn sie eine ernsthafte Vorerkrankung haben.

Um die Alten zu schützen, ­sollen die Jungen jetzt auf vieles verzichten. Verändert das Corona-Virus das Verhältnis von Jung und Alt?

Die Jungen verhalten sich sehr solidarisch mit der älteren Generation, die durch das Corona-Virus ernsthaft gefährdet ist.

«Rund um diese unterschiedliche Verletzbarkeit wächst ein neues Bewusstsein.»

Umgekehrt könnten die Älteren den Jungen rund um die Klimakrise mehr Solidarität zeigen.

Das ist durchaus vorstellbar. Die gesteigerte gegenseitige Aufmerksamkeit kann einen positiven Effekt haben, was die gesellschaftliche Wahrnehmung betrifft.

Ältere Menschen sind gesundheitlich, aber auch sozial vom Virus betroffen. Wie gehen sie damit um?

Mit verschärften Massnahmen droht die soziale Isolation. Diese ist ohnehin eine der grössten Herausforderungen der Zukunft. Können die sozialen Kontakte nicht mehr aufrechterhalten werden, schlägt das auf die Psyche älterer Menschen durch. Oft werden sie dann auch somatisch krank.

Die Risikogruppe 65+ – das sind 1,5 Millionen Menschen in der Schweiz – könnte in die soziale Isolation abgleiten?

Da müssen wir wahnsinnig auf der Hut sein. Pro Senectute hätte alle Kurse absagen können. Das haben wir nicht gemacht. Wir haben unser Kursangebot nach Rücksprache mit dem Kantonsarzt reduziert und halten es offen, solange das zu verantworten ist. Das machen wir, um die soziale Isolation nicht zu verschärfen.

Was machen ältere Menschen, die für Besorgungen und Botengänge nicht auf ein Netzwerk zurückgreifen können?

Wir haben einen sehr grossen Haushilfe-Dienst, der jährlich 270'000 Stunden bei rund 7000 Hochbetagten leistet. Kommen weitere Isolierte dazu, können wir auf Freiwillige zurückgreifen. Und wir können bei Bedarf noch weitere mobilisieren.