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Priestermangel in der Ostschweiz: Toggenburger Pfarrer hofft auf Lockerung des Zölibats

Bis 2035 gehen fast 90 Prozent der Pfarrer in Pension. Weitere scheiden aus, weil sie sich verlieben wie jüngst der Pfarrer von Brigels. Schon heute betreuen die Geistlichen oft mehrere Pfarreien gleichzeitig – womit nicht alle gleich gut zurechtkommen.
Janina Gehrig
Josef Manser betreut im Toggenburg sechs Pfarreien. Am Wochenende hält er jeweils drei Gottesdienste – nebst Taufen, Hochzeiten und Trauerfeiern. (Bild: Michel Canonica)

Josef Manser betreut im Toggenburg sechs Pfarreien. Am Wochenende hält er jeweils drei Gottesdienste – nebst Taufen, Hochzeiten und Trauerfeiern. (Bild: Michel Canonica)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Nach dem Gottesdienst hat Josef Manser jeweils zehn Minuten Zeit, um die Leute persönlich zu verabschieden, mit ihnen über ihre Anliegen und Sorgen zu sprechen oder einen Termin zu vereinbaren. Dann muss der Pfarrer weiter, in die nächste Pfarrei, zum nächsten Gottesdienst, bevor er nachmittags noch ein Paar traut, ein Kind tauft oder einen Trauergottesdienst hält. Mansers Wochenenden sind durchgetaktet. «Es ist schwieriger geworden, den persönlichen Kontakt mit den Leuten zu pflegen», sagt er. Früher habe er diese intensiver «von der Wiege bis zur Bahre» begleiten können. 2006, als der katholische Priester von Uznach/Schmerikon ins Toggenburg kam, betreute er die Gemeinden Bütschwil und Ganterschwil. Zwei Jahre später kam Lütisburg dazu, danach Mosnang, Mühlrüti, Libingen.

In den vergangenen 20 Jahren hat das Bistum St.Gallen die ursprünglich 142 Pfarreien zu 33 Seelsorgeeinheiten zusammengefasst. Nun kümmert sich ein Pfarrer mit einem Pastoralteam um mehrere Pfarreien. Die Aufgaben, die früher der Priester allein wahrnahm, werden aufgeteilt und abgesprochen. Es gibt Jugendarbeiter, Pastoralassistentinnen und -assistenten (Theologen ohne Priesterweihe), Katecheten und Ordensleute aus den Klöstern, die mithelfen. Manser sagt, er arbeite grundsätzlich gern im Team.

«Es gibt aber auch Pfarrer, die unter dieser Organisation leiden.»

Und: Alle Aufgaben können die nicht Ordinierten nicht übernehmen. Viele von Mansers Kirchgängern bedauern etwa, dass sie an Sonntagen an ihrem Wohnort nur noch alle zwei Wochen ­Eucharistie feiern können. Denn Sakramente spenden wie das Brotbrechen dürfen nur geweihte Priester.

Die grösste Pensionierungswelle folgt erst

Besserung ist nicht in Sicht. Die grosse Pensionierungswelle von Pfarrern steht erst noch an. Zwischen 2020 und 2030, so hat Urs Brosi, Generalsekretär der ­katholischen Landeskirche Thurgau, ausgerechnet, werde es zu einem rasanten Rückgang, geradezu einem Wegbrechen des Seelsorgepersonals kommen. 70 Prozent der heute in der Seelsorge tätigen Personen werden bis 2030 pensioniert, bis 2035 sind es 86 Prozent. Dabei ist die Zahl der zu betreuenden Katholiken über lange Zeit konstant geblieben. Obwohl es immer mehr Konfessionslose gibt, haben vor allem die Katholiken von der Migration aus Südeuropa profitiert. Aber es fehlt an Nachwuchs. Wurden zwischen 1925 und 1945 pro Jahr noch rund 30 Priester für das Bistum Basel ­geweiht, dem die Thurgauer Katholiken angehören, sind es seit dem Jahr 2000 noch rund ein bis vier pro Jahr.

Beim Bistum St.Gallen übt man sich in Optimismus. Die Zahl der Priester nehme zwar weiter ab. «Wir sehen aber auch mit Freude, dass in den letzten 40 Jahren dank der neuen pastoralen Dienste neue Berufsgruppen entstanden sind. Dank dieser Männer und Frauen sieht die Situation nicht so dramatisch aus», sagt Guido Scherrer, Generalvikar beim Bistum St.Gallen. Die absolute Zahl der Seelsorgerinnen und Seelsorger habe sogar etwas zugenommen. Gemäss dem Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI) sind über 2000 Seelsorgende mit einem Universitätsabschluss bei den Schweizer Bistümern tätig. Auch behilft man sich am Bistum St.Gallen mit Priestern aus Polen, Afrika und Indien. Von rund 100 Priestern stammen 20 aus dem Ausland.

Priester mit Managerqualitäten gefragt

Allzu pessimistisch möchte es auch Hansruedi Huber, Sprecher des Bistums Basel, nicht sehen. Es habe schon immer Zeiten mit vielen oder wenigen Priestern gegeben. Es bestehe noch Hoffnung auf eine Trendwende. Doch auch die Tatsache, dass man in einen personellen ­Engpass geraten werde, räumt Huber ein. Auch die katholische Landeskirche Thurgau schuf in den vergangenen zehn Jahren in einem Restrukturierungs­programm grössere Pastoralräume. Das führte zu einer weiteren Aufgabenteilung und Spezialisierung und hatte auch Auswirkungen auf die Rolle der Priester.

«Heute ist ein Priestertyp mit unternehmerischem Flair gefragt.»

Es sei nicht sinnvoll, überall dasselbe Programm wie vor 40 Jahren anzubieten. Je nach Pastoralraum sind neue Angebote wie etwa spirituelle Workshops oder auch Kurse für Migranten gefragt. Dieser Kulturwandel brauche Zeit. Da gebe es auch Widerstände, sagt Huber.

Auch die reformierte Kirche kämpft mit Pfarrermangel. Von den rund 100 evangelischen Pfarrpersonen im Kanton St.Gallen stammen 29 aus dem Ausland, vor allem aus Deutschland. Die grösste Pensionierungswelle findet wie bei den ­Katholiken aber erst in den kommenden 15 Jahren statt. Mit den erwarteten Studienabgängen könne nur die Hälfte aller Stellen wieder besetzt werden, sagt Thomas Schaufelberger, Leiter der Arbeitsstelle für die Ausbildung der evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer in Zürich. Der Personalmangel werde besonders kleinere Städte und Agglomerationen treffen.

Studiengang für Quereinsteiger und Lockerung des Zölibats

Wie ist das Problem zu lösen? 2015 ist an den Unis Zürich und Basel ein Studiengang für den vereinfachten Quereinstieg in das reformierte Pfarramt gestartet. «Wir sind begeistert, wie gross das Interesse ist», sagt Schaufelberger. Der Studiengang werde das Problem abmildern, aber nicht gänzlich lösen können.

Pfarrer Manser aus dem Toggenburg hält erst einmal inne. «Wir müssen diesen Hunger und diesen Durst aushalten», sagt er. Persönlich hoffe er, dass sich die Zulassungsbedingungen zum Amt verändern würden. «Die Mehrheit meiner Kollegen begrüsste es, wenn auch Frauen geweiht werden könnten.» Zudem ist er für eine Lockerung des Pflichtzölibats, so der 54-Jährige.

Auch für Huber ist klar: «Die Personalstrategie ist entscheidend. Wir hängen nicht am Zölibat. Auch über Frauenordinationen muss man sprechen.» Unter Papst Franziskus werde es dazu aber vermutlich nicht mehr kommen.

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