Presseschau
«Reisst euch am Riemen», «Gummischrot löst keine Probleme»: Die Krawallnächte in St.Gallen sorgen national für Schlagzeilen – und international

Ausschreitungen am Karfreitag, rigoroses Durchgreifen der Polizei am Sonntag: Die Krawalle in der St.Galler Innenstadt sorgen schweizweit für Aufsehen. Die Wegweisungen seien unverhältnismässig oder man müsse die Jugendlichen in die Coronapolitik einbinden, schreiben andere Medien.

Sabrina Manser
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Am Karfreitag versammelten sich bis zu 1000 Jugendliche in St.Gallen.

Am Karfreitag versammelten sich bis zu 1000 Jugendliche in St.Gallen.

Bild: Michel Canonica

Auf die Ausschreitungen in der St.Galler Innenstadt sind längst auch nationale Medien aufmerksam geworden. «Gummischrot löst keine Probleme.» So heisst der Titel des Kommentars von Sandro Inguscio, Nachrichtenchef von «Blick».

Er führt aus: «Randale wie in St.Gallen lösen keine Probleme. Im Gegenteil, sie lenkt vom eigentlichen Problem ab und bietet notorischen Krawalltouristen eine Plattform. Dass Jugendliche ein Ventil brauchen, ist als Erklärung zu einfach.» Es gehöre zum Erwachsenwerden, Regeln und Gesetze zu respektieren und sich auf anderem Weg Gehör zu verschaffen. Weiter schreibt Inguscio:

«Nur: Jugendliche müssen dafür auch Gehör finden.»

Die Politik habe es verpasst, die Jugendlichen in den Coronadiskurs zu integrieren. «Mit dem Fortschritt der Impfkampagne und den Möglichkeiten der Test-Offensive müssen jetzt Öffnungen von Terrassen, Outdoor-Bars und Freiluft-Clubs ernsthaft diskutiert werden.»

Internationale Berichterstattung

Was die Jugendlichen in St.Gallen anstellen, interessiert nicht nur in der Schweiz, sondern auch im Ausland. Deutsche Medien wie der «Südkurier» oder «Focus Online», aber auch österreichische Medien wie «ORF» berichteten über die Krawalle. Auch der kroatische Nationalsender «HRT» sowie diverse serbische und bosnische Medien griffen die Ausschreitungen auf.

«Unrecht gegen Unrecht verhindern»

500 Wegweisungen hat die Polizei am Ostersonntagabend in der Innenstadt ausgestellt. Auch Personen, die sich zum falschen Zeitpunkt in der Stadt aufhielten, hätten eine Wegweisung erhalten. Stefan Millius, Chefredaktor von «Die Ostschweiz», schreibt: «Dabei wurden grundlegendste Bürgerrechte ausser Kraft gesetzt. Aber derzeit scheint eben einfach alles ‹erlaubt›.» Die Polizei habe die maximale Dauer der Wegweisung eingesetzt, ohne den individuellen Fall zu prüfen.

«Sie hat es ganz einfach ‹ab Stange› getan.»

Dass die Stadt St.Gallen Ausschreitungen verhindern wolle, sei verständlich. «Auch und gerade in schwierigen Situationen müssen gesetzliche Rahmenbedingungen und die Verhältnismässigkeit hochgehalten werden. Das hat die Stadt St.Gallen nicht getan.»

«Ganz gewöhnliche Radaubrüder»

«Die Jugendlichen, die in St.Gallen als Saubannerzug durch die Altstadt gezogen sind, sind keine Freiheitshelden, sondern ganz gewöhnliche Radaubrüder», schreibt Christina Neuhaus in der NZZ. Vor wenigen Monaten hätte die Zerstörungswut für Unverständnis gesorgt, heute würden die Erwachsenen Verständnis zeigen.

«Das ist entlarvend.»

Lange sei es verpönt gewesen, auf die sozialen Folgen der Pandemiepolitik aufmerksam zu machen. «Auf die Nöte der Jugendlichen hinzuweisen, trauten sich nur wenige. Es musste offenbar eskalieren, bevor die Diskussion über ihre Situation beginnen konnte.» Jugendliche würden für die Coronapolitik einen hohen Preis zahlen. «Die ganz grosse Mehrheit tut dies mit bewundernswerter Solidarität und Disziplin.»

Am Ostersonntag griff die Polizei durch: 500 Wegweisungen für 30 Tage wurden ausgestellt.

Am Ostersonntag griff die Polizei durch: 500 Wegweisungen für 30 Tage wurden ausgestellt.

Bild: Raphael Rohner

«Die Krawallbrüder von St.Gallen sind nicht als ‹die Jugend› anzusehen»

Fabian Renz schreibt im «Tages-Anzeiger»: «Reisst euch am Riemen, liebe Junge.» Die Jugendlichen würden für ihren Frust viel Verständnis ernten. «Doch das Narrativ, das Junge zu den Hauptopfern der Pandemie erklärt, ist falsch», schreibt Renz. «Zunächst einmal sind die Krawallbrüder von St.Gallen nicht als ‹die Jugend› anzusehen, als Megafone ihrer Generation.»

Die Jugendlichen seien zweifellos auch Opfer der Pandemie. «Zu hinterfragen ist sodann das schleichend sich festsetzende Narrativ.» Als Beispiel nennt Renz Studierende, die ihr Studium mit dem Geld der Eltern finanzieren würden. Seit der Krise hätten sich Verdienstmöglichkeiten erschwert. «Solche Zusammenhänge werden bezeichnenderweise eher selten diskutiert, werfen sie für die Politiker doch ungemütliche Fragen auf.» Er fährt fort:

«Bequemer ist es, die Teenager um ihr weggebrochenes Partyleben zu bedauern.»

«Wegen eines Jahres eingeschränkten Nacht- und Reiselebens von einer ‹geraubten Jugend› zu reden, ist übertrieben. Und schlichtweg zynisch – angesichts vieler Älterer (und auch Jüngerer), denen das Virus Leben oder Gesundheit genommen hat.»