Preisträgerin
Der Chäserrugg ist ausgezeichnet – die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz ernennt das Gebiet im Obertoggenburg zur «Landschaft des Jahres 2021»

Die Toggenburg Bergbahnen AG wird für ihre behutsame Erneuerung der Infrastruktur in dem Tourismusgebiet gewürdigt: Sie ist Trägerin des diesjährigen Preises der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz.

Regula Weik
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Gipfelrestaurant auf dem Chäserrugg.

Gipfelrestaurant auf dem Chäserrugg.

Bild: Urs Bucher

Der Anruf kommt aus dem Toggenburg. Am Draht ist Mélanie Eppenberger, Verwaltungsratspräsidentin der Toggenburg Bergbahnen AG. «Es gibt Neuigkeiten.» Frühlingstauwetter! Das Verhältnis der beiden Bergbahnbetreiber am Fusse der Churfirsten ist seit Jahren zerrüttet und frostig. Nun also Annäherung, Zuversicht, Aufbruch. «Es geht nicht um die Bergbahnen.» Und schon ist er geplatzt, der Traum vom Ende des Bergbahnenstreits im oberen Toggenburg, der Riss durch die heile Bergwelt bleibt. Es sei etwas passiert, dass sie so nicht erwartet habe, sagt Mélanie Eppenberger. Also doch noch Hoffnung. Sie könne im Moment noch nicht darüber sprechen. Die Informationen kämen aber rechtzeitig.

Sichtbares Engagement

Mélanie Eppenberger, Verwaltungsratspräsidentin der Toggenburg Bergbahnen AG.

Mélanie Eppenberger, Verwaltungsratspräsidentin der Toggenburg Bergbahnen AG.

Bild: Hanspeter Schiess

Da ist sie wieder, die geheimnisvolle «Französin», wie Mélanie Eppenberger immer dann genannt wird, wenn man im Tal auf Distanz zu ihr gehen will. «Es ist falsch, wenn behauptet wird, unser Unternehmen sei nicht im Toggenburg verankert, nur weil die Präsidentin die Wurzeln im Ausland hat. Ich habe über mein Engagement eine echte Verbundenheit zur Region entwickelt», sagte sie im ersten grossen Interview mit dieser Zeitung.

Und dieses Engagement ist sichtbar – draussen in der Toggenburger Landschaft. So liess sie auf dem Chäserrugg ein neues Gipfelrestaurant errichten, gebaut von den Basler Architekten Herzog & de Meuron. Zu «mondän» für das obere Toggenburg, wurde hinter vorgehaltener Hand moniert. In den letzten Jahren sind diese Stimmen leiser geworden. Gar mancher Nörgler oder auch Neider dürfte inzwischen auf dem Berg eingekehrt sein.

Weltbekannt und altbekannt im Toggenburg

Der Espel-Pavillon.

Der Espel-Pavillon.

Bild: Katalin Deer/chäserrugg.ch
Bergstation der Stöfeli-Bahn.

Bergstation der Stöfeli-Bahn.

Bild: Katalin Deer/chäserrugg.ch

Herzog & de Meuron sind nicht nur weltbekannte Architekten. Sie sind inzwischen auch altbekannt im Toggenburg. Denn es blieb nicht beim Gipfelgebäude auf 2262 m ü. M. Sie haben seither auch die Stationen der Stöfeli-Bahn vom Espel auf den Chäserrugg und am Fusse der Bahn den Espel-Pavillon realisiert. Sie baue keine billige Bahn mit futuristischen Kunststoffstationen, hielt Mélanie Eppenberger schon früh fest. Ihre Herangehensweise ist eine andere: «Wir bemühen uns, eine Architektur zu haben, die dieser wunderbaren Landschaft gerecht wird. Wir lassen uns von der Topografie der Landschaft inspirieren.»

Sich aktiv mit der Landschaft auseinandersetzen

Raimund Rodewald, Geschäftsleiter Stiftung für Landschaftsschutz Schweiz.

Raimund Rodewald, Geschäftsleiter Stiftung für Landschaftsschutz Schweiz.

Bild: Gaetan Bally / KEYSTONE

Aufgefallen ist dies auch der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz. «Hier wird keine Beliebigkeitsarchitektur, keine Designinszenierung gepflegt», sagt Raimund Rodewald, Geschäftsführer der Stiftung. Am Chäserrugg werde mit «viel Wertschätzung der Landschaft und der Kultur» gebaut. Dabei seien spezifische, auf die Region abgestimmte Antworten und Lösungen gefunden worden. Ist dies in einem derart sensiblen Gebiet – der Chäserrugg ist nationales Landschaftsschutzgebiet – überhaupt möglich? Ist nicht jede touristische Erschliessung ein Eingriff in die Natur?

Tourismus sei nicht a priori ein Feindbild des Landschaftsschutzes, sagt Rodewald. Es gehe weder um eine Romantisierung noch um eine Überinszenierung der Landschaft. «Wir wollen keine musealen Gebiete.» Es gehe vielmehr um eine aktive Auseinandersetzung mit der Landschaft. Am Chäserrugg sei dies vorbildlich gelungen. Die Bauten fügten sich in die Landschaft ein. «Es wird dabei weder etwas verkitscht noch etwas kaschiert. Es geht nicht darum, ein Wahrzeichen zu setzen. Es sind präzise Eingriffe, welche die Qualität der Landschaft unterstützen.» Darüber hinaus werde auf bauliche Pistenkorrekturen und ganzjährig sichtbare Planierungen verzichtet.

Diese klare, gelebte Strategie setze neue Massstäbe, auch für andere Tourismusgebiete, sagt Rodewald. Und so zeichnet die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz den Chäserrugg als «Landschaft des Jahres 2021» aus. Preisträgerin ist die Toggenburg Bergbahnen AG als «Vorreiterin für Kultur und Charme im Bergtourismus». Der Preis ist mit 10000 Franken dotiert.

Was der Preis will

Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz ernennt seit 2011 jeweils eine «Landschaft des Jahres». Damit soll die Vielfalt schweizerischer Landschaften aufgezeigt sowie für Gefährdungen und Möglichkeiten zur Erhaltung der Gebiete sensibilisiert werden. Es werden jeweils bewusst auch «infrastrukturgeprägte Räume» in die Auswahl genommen. Mit der Auszeichnung werden konkrete Leistungen der Menschen vor Ort zu Gunsten ihrer Landschaft honoriert. Der allererste Preis ging ans bündnerische Val Sinestra. Mit dem Chäserrugg-Gebiet wird erst zum zweiten Mal eine Ostschweizer Landschaft gewürdigt; 2015 wurde die Innerrhoder Streusiedlung ausgezeichnet. Die Preissumme beträgt 10000 Franken. Ein öffentlicher Festakt ist geplant, aufgrund der Pandemie ist das Datum noch offen. (rw)

In Engelberg scheint man die Entwicklung am Chäserrugg bereits genau beobachtet zu haben: Auf dem Titlis-Gipfel sollen ebenfalls Herzog & de Meuron bauen. Dies sei «eine Chance, Bausünden zu beheben», sagten die dortigen Bahnverantwortlichen bei der Präsentation des Projekts.

Fernab von Funpark und Disneyland

Mélanie Eppenberger hat stets betont: Pistenbolzerei und frequenzgetriebenes Freizeitverhalten sind ihr fremd. Sie will ihren Gästen Entschleunigung am Berg, lokale Spezialitäten und Kultur bieten – fernab von Funpark und Disneyland. «Es ist eine wahre Freude, diese Auszeichnung für das Zusammenspiel von Infrastruktur und Landschaft im Chäserrugg-Gebiet zu erhalten», reagiert die Verwaltungsratspräsidentin denn auch auf die aktuelle Anerkennung. «Wir sind dankbar dafür, dass unser Engagement für einen gelebten, rücksichtsvollen Tourismus in der Nähe der Agglomerationen Anklang findet.»