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Praktikantinnen und Praktikanten - im Traumberuf ausgebeutet

Wer eine Lehre in einer Kindertagesstätte beginnen möchte, muss zuerst meist ein langes Praktikum absolvieren. Politiker und Verbände fordern nun, die Praktikantinnen und Praktikanten besser zu schützen.
Nina Rudnicki
Wer ein Praktikum in einer Kindertagesstätte absolviert, hat längst nicht immer eine Lehrstelle auf sicher. (Bild: Getty)

Wer ein Praktikum in einer Kindertagesstätte absolviert, hat längst nicht immer eine Lehrstelle auf sicher. (Bild: Getty)

Es gibt kaum eine Kindertagesstätte, in der es nicht zumindest eine Praktikumsstelle gibt. Üblich sind oftmals sogar zwei oder drei meistens weibliche Jugendliche, die jeweils während eines Jahres ein Praktikum absolvieren. Sie betreuen die Kinder, helfen in der Küche mit oder putzen – kurz: sie werden als volle Arbeitskraft eingesetzt. Und das für einen Monatslohn von 800 bis 850 Franken, wie die Übersicht über die Praktikumslöhne des Kantons St. Gallen zeigt. Denn ohne Praktikum haben die Jugendlichen kaum eine Chance, eine der begehrten Lehrstellen als Fachfrau oder Fachmann Betreuung (Fabe) zu erhalten.

Ähnlich ist die Situation bei den Fachangestellten Gesundheit. Und selbst ein Praktikum ist keine Garantie auf eine Lehrstelle: Gibt es in einer Kita beispielsweise mehr Praktikums- als Ausbildungsplätze, wird zumindest eine der Jugendlichen keine Lehrstelle erhalten. Ihr bleibt dann nichts anderes übrig, als ein neues Praktikum anzutreten oder ihren Berufswunsch aufzugeben. Fachleute, Gewerkschaften und Verbände weisen schon länger darauf hin, dass die Praktikanten in Pflege- und Betreuungsberufen als billige Arbeitskräfte ausgenutzt werden.

«Leidtragende sind einmal mehr junge Frauen»

Diese Woche hat nun auch der St.Galler Kantonsrat über diese Thematik verhandelt. Die SP kritisierte in einer Interpellation das System «Praktikum vor der Lehre», das nicht in das duale Bildungssystem der Schweiz gehöre, und forderte die Regierung zu einer Stellungnahme auf. «Fabe wird insbesondere für Mädchen zunehmend zu einer der häufigsten Berufslehren», sagt der Sarganser SP-Kantonsrat Joe Walser. Das Praktikum vor der Lehre bezeichnet er als Unsitte. «Leidtragende sind einmal mehr junge Frauen, die keine grosse Lobby haben.» Schulabgängerinnen seien die falschen Adressaten, um den Spardruck weiterzugeben. Noch deutlicher wird die Gewerkschaft Unia. Sie fordert ein Verbot von Vorlehrpraktika, da sich der Spardruck nicht auf die Schwächsten auswirken dürfe.

Laut Kibesuisse, dem Verband Kinderbetreuung Schweiz, beträgt der Tagesansatz einer Kindertagesstätte derzeit im Durchschnitt 110 Franken. Ohne Praktikanten würde dieser auf 145 Franken ansteigen (siehe Interview). Das Risiko, dass Praktikanten als billige Arbeitskräfte ausgenützt werden, haben auch Bund, Kantone und verschiedene Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen erkannt. Sie haben eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht: Für Jugendliche unter 18 Jahren soll auf Praktika gänzlich verzichtet werden. Ausserdem sollen Rahmenbedingungen gelten: Der Arbeitsvertrag muss ein klares Ausbildungsziel enthalten, das Praktikum darf höchstens ein Jahr dauern, eine anschliessende Lehrstelle soll schriftlich zugesichert und die Praktikanten fair entlöhnt werden.

Mehr Praktikanten als Lehrstellen

2017 haben im Kanton St.Gallen 164 Jugendliche ihre Lehre als Fachfrau oder Fachmann Betreuung abgeschlossen: 51 davon in der Behindertenbetreuung, 112 in der Kinderbetreuung und 1 in der Betagtenbetreuung. Zahlen zu absolvierten Praktika gibt es laut dem St.Galler Amt für Berufsbildung hingegen keine, da Praktika im Gegensatz zu Lehrverträgen nicht amtlich genehmigt werden müssen. Die Organisation der Arbeitswelt für Gesundheits- und Sozialberufe (OdA GS) erhebt seit drei Jahren aber Daten zum Thema «Praktika vor Lehrbeginn». Zwar zeigt auch dieser Bericht nicht auf, wie viele Personen trotz Praktikum keine Lehrstelle in einer Kita erhalten.

Allerdings heisst es im Fazit, die Praktika seien ein fester, zunehmend als normal geltender Einstieg in die Arbeitswelt Gesundheit und Soziales. 85 Prozent der Befragten wurde im Anschluss an die einjährigen Praktika eine Lehrstelle zugesagt. Alarmierend ist der Fakt, dass jene Personen, die mehrjährige Praktika gemacht hatten, als Grund dafür häufig angaben, dass im Betrieb wesentlich mehr Praktikanten beschäftigt wurden, als Lehrstellen vorhanden waren. Für die Bewilligung und Aufsicht von Kindertagesstätten ist das Amt für Soziales zuständig. Zuhanden der Regierung erarbeitet es derzeit einen Bericht zur familien- und schulergänzenden Kinderbetreuung. Das Thema Praktika in Kindertagesstätten wird in diesem Zusammenhang ebenfalls überprüft und Massnahmen werden formuliert.

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