PRÄVENTION: Cybermobbing: Wo Bosheiten Spuren hinterlassen

Mobbing, Gewaltvideos und Pornos sind für viele Jugendliche Alltag. Mobilgeräte und Laptop machen es möglich. Rollenspiele helfen Schülern zu verstehen, wie gravierend die Folgen sein können.

Ursula Wegstein
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Cybermobbing hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Internet und Smartphone machen es möglich, ein Opfer rund um die Uhr zu belästigen. (Bild: Getty)

Cybermobbing hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Internet und Smartphone machen es möglich, ein Opfer rund um die Uhr zu belästigen. (Bild: Getty)

Ursula Wegstein

ursula.wegstein@ostschweiz-am-sonntag.ch

Ein Bub von vielleicht 13 Jahren ist unterwegs in einer Stadt. «Du bist hässlich», heisst es in der Whatsapp-Nachricht, die ihm ein anonymer Absender schickt. Auf dem Zwischenstreifen mitten im Verkehr bleibt er wie angewurzelt stehen. Seine Nase beginnt zu bluten. «Du bist schwul» – noch eine Nachricht von unbekannt, diesmal auf dem Laptop. Sein Auge wird blau wie nach einer Schlägerei. «Du bist dick und keiner mag dich», erscheint auf Snapchat. Jetzt hat er auch einen verbundenen Gipsarm.

«Wie würdest du dich fühlen?», fragt Luke Culhane in diesem Videoclip zum Thema Cybermobbing, das auf Youtube mehr als eine Million mal angeklickt wurde und das Andreas Butz vom Kinderschutzzentrum St. Gallen an diesem Morgen den Schülern der ersten Sekundarklasse im Oberstufenzentrum Flawil zeigt.

Mehr als 150 Präventionsanlässe im Jahr

Es ist einer von etwa 150 Präventionsanlässen, die das Kinderschutzzentrum St. Gallen im Jahr zum Thema «Computer, Handy & Co.» im Kanton St. Gallen für Schüler, Lehrpersonen und Eltern anbietet, um über Gefahren im Zusammenhang mit den neuen Medien aufzuklären.

Die Botschaft des Videos kommt bei den Schülern an. Jeder Schüler, jede Schülerin ist schon einmal mit Cybermobbing in Berührung gekommen. Sei es als Täter, als Opfer oder als Aussenstehende, der oder die Cybermobbing von anderen unmittelbar miterlebte. Von Cybermobbing ist die Rede, wenn mehrere Täter eine Person im Internet oder mittels Smartphone über ­einen längeren Zeitraum absichtlich beleidigen, bedrohen oder blossstellen. Meist bleiben die Angreifer dabei anonym.

Warum Unterstützung Zivilcourage braucht

Um zu verstehen, wie sich jemand, der regelmässig gemobbt wird, fühlen mag, sollen die Schüler überlegen, wo und wie sich ein Mobbingopfer im Klassenzimmer platzieren würde. Einer stellt sich vorne rechts in die Ecke. Ein anderer in die hintere Ecke – jeweils mit dem Rücken zur Klasse. «Was brauchen die jetzt? Was würden sie sich wünschen?», fragt der Referent die Schüler. «Unterstützung», sagt eine Schülerin sofort. Sie soll sich zu einem Opfer in die Ecke begeben und merkt, dass es Mut braucht, und man sich exponiert, ja sogar etwas riskiert, will man jemanden beistehen. Ein anderer Schüler stellt sich in die andere Ecke – zu seinem Freund. Ob ihm das Auf- und Beistehen auch bei jedem anderen so leichtgefallen wäre? Er weiss es nicht.

«Mobbing kann jedem passieren», sagt Andreas Butz und schildert, wie das Selbstwertgefühl von Mobbingopfern in eine Abwärtsspirale gerät – bis hin zu Suizidgedanken. Eine Schülerin sagt, sie glaube, dass bei Mobbing oft Eifersucht eine Rolle spiele.

Umgang mit Fremden in Chats und Games

In einer interaktiven Chat-Simulation sollen die Jugendlichen ihr Gefahrenbewusstsein schulen, indem sie darauf achten, wie sich die einzelnen Chatteilnehmer präsentieren. Und wie ein Fremder im Chat zu identifizieren sein könnte. In einer Fünferreihe stellen sie sich vor der Klasse auf. Zwei haben eine Maske auf. Einer verdeckt seine Augen mit einer Kapuze. Eine andere gibt sich betont sexy. Nach dem anfänglichen Austausch von Belanglosigkeiten kommen plötzlich Fragen wie «Wer von euch hatte schon Sex?» oder «Hast du ein Foto von dir?». Am Ende entpuppt sich die sexy 14-jährige Kim als ein deutlich älterer, erwachsener Mann.

Dass Neugier zum Thema Sexualität normal ist, es aber verboten ist, unter 16-Jährigen pornografisches Material zur Verfügung zu stellen, und welche Aufklärungsseiten lohnend sind, erfahren die Schüler zum Thema «Sex, Porno und so». «Vertraut eurem Bauchgefühl», sagt Butz. Pornos vermittelten ein unrealistisches Bild und vieles sei nur mit Hilfe von Schmerz- und Potenzmitteln möglich.

In der Absicht, die Schüler zum Nachdenken anzuregen, erarbeitet Andreas Butz mit der Klasse, weshalb Standortortung in einem Chat oder Game gefährlich ist, und warum Mark Zuckerberg an seinem Laptop Kamera und Lautsprecher abgeklebt hat. Oder was zu beachten ist, wenn man eine Chat- oder Internetbekanntschaft tatsächlich treffen möchte. Und wem Skype, Insta­gram oder Whatsapp gehört und wie viele Millionen Personen diese Plattformen erreichen. An­dreas Butz macht deutlich, in welchen Situationen man die Eltern oder Fachpersonen einschalten muss und dass gepostete Inhalte aus dem Internet praktisch nicht zu entfernen sind.

Was die Schüler von diesem Morgen mitgenommen haben, sollen sie auf eine Postkarte schreiben: «Krass, was im Internet so abläuft», schreibt einer. «Nie eine Internetbekanntschaft alleine treffen», eine andere. Dass sie nun besser verstehen, wie es ist, gemobbt zu werden, steht auf vielen Karten.