POSTSTELLEN: Die Angst vor dem Kahlschlag in der Ostschweiz

In der Ostschweiz sind Dutzende Poststellen bedroht. Davon geht die Gewerkschaft Syndicom aus. Die Kantone nennen keine konkreten Zahlen, die Post hält ihre Pläne unter Verschluss.

Katharina Brenner, Regula Weik
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Die Zahl der Poststellen wird weiter sinken. (Bild: Georgios Kefalas/KEY)

Die Zahl der Poststellen wird weiter sinken. (Bild: Georgios Kefalas/KEY)

Die Liste ist lang, erschreckend lang. 63 Poststellen im Kanton St.Gallen sind von der Schliessung bedroht; so viele führt die Gewerkschaft Syndicom als «gefährdet» oder «im Schliessungs­prozess» an. In Appenzell Ausserrhoden sind es sechs, in Innerrhoden keine, im Thurgau 29. Die aktuellen Abbaupläne der Post hätten «nichts mehr mit einem gut ausgebauten Service public zu tun», sagt Christian Capacoel, Leiter Kommunikation bei Syndicom. Auf die Frage, ob ihre Auflistung nicht überzeichnet sei, antwortet er: «Wir haben uns an die Kriterien der Postverordnung gehalten und die eigenen Beurteilungskriterien der Post berücksichtigt.» Diese geben unter anderem die 20-Minuten-Regel vor: 90 Prozent der Schweizer Bevölkerung müssen innerhalb von 20 Minuten eine Post erreichen können. Capacoel spricht von einem weiteren «Kahlschlag». Die gleichen Worte hatte die St.Galler SP-Nationalrätin Barbara Gysi im Herbst gebraucht, als die Post bekanntgab, in den kommenden vier Jahren bis zu 600 Poststellen zu schliessen. Welchen Stellen das konkret droht, ist noch ­offen. Die «Schliessungsliste» soll im Frühling stehen.

Definitive Liste bis im Frühling

Aktuell ist die Post mit den Kantonen im Gespräch. Das bestätigt Thomas Unseld, stellvertretender Generalsekretär des St.Galler Volkswirtschaftsdepartements. Im Dezember habe die Post dem Kanton ihre Vorschläge für das künftige St. Galler Postnetz vorgestellt. Die Regierung werde dazu Stellung nehmen, der Zeitpunkt sei aber noch offen. Keine Angaben macht Unseld zur Frage, wie viele St.Galler Poststellen von einer Schliessung bedroht sind. Bei 13 Poststellen werde derzeit überprüft, ob ihre Form noch bedarfsgerecht sei. Die Post habe dem Kanton auch eine Liste mit jenen Poststellen präsentiert, die bis 2020 ­sicher nicht überprüft würden. Welche dies sind, sagt Unseld nicht.

Eine Nachfrage bei der Post ergibt kein genaueres Bild. Nach Abschluss der Gespräche mit den Kantonen im Frühling will sie aber eine Liste mit Poststellen präsentieren, «welche aufgrund ihrer mit dem Kanton besprochenen Bedeutung für die Region in den kommenden Jahren unverändert bleiben». Dann könne auch gesagt werden, welche Poststellen bis 2020 nicht verändert werden. Mit der aktuellen «Gefährdungskarte Poststellen Schweiz» von Syndicom konfrontiert, sagt Barbara Gysi: «Ich finde es ungehörig. Das ist ein Abbau des Service public, der nicht im Sinne der Bevöl­kerung ist. Die Leidtragenden sind die Kundinnen und Kunden und das Personal.» Für Syndicom-Sprecher Capacoel ist klar: «Die heutigen Kriterien sind ­ungenügend.» Es gehe nicht an, dass die Post die Kriterien für die Schliessung der Stellen faktisch selber festlege. «Die Politik muss die Anforderungen an den Service public neu und genauer definieren. Die heutigen Vorgaben lassen der Post einen zu grossen Spielraum.» Die Post werde von sich aus an ihren Abbauplänen kaum rütteln, sagt Capacoel. Umso wichtiger sei es, jetzt «auf die Bremse zu treten und Politik und Bevölkerung aufzurütteln». Die Syndicom fordert deshalb ein «Abbau-Moratorium» für die Post, bis «die Politik die Kriterien für den Service public neu definiert hat». Die Post als Unternehmen des Service public müsse «ihre Strategie mit der Politik erarbeiten und die Vorgaben einhalten», sagt Gysi. «Die Digitalisierung und die teils veränderten Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden müssen angegangen werden.»

Ist der Weg der Post, mit Kantonen und Gemeinden über einzelne Poststellen zu diskutieren, falsch? «Er führt zu einer Ausmarchung unter den Gemeinden», sagt Capacoel. Wer gute Fürsprecher habe, werde bessere Chancen haben. Auf keinen Fall dürfe passieren, dass die ländlichen Gebiete gegenüber den städtischen noch weiter ins Hintertreffen gerieten, denn: «Die heutigen Kriterien bevorzugen die urbanen Regionen.» Die 20-Minuten-Regel benachteilige die ländliche Bevölkerung. Mit der zunehmenden Urbanisierung müsse die Landbevölkerung häufiger mit einer Postagentur vorliebnehmen. «Eine Postagentur ist gegenüber einer Poststelle immer ein Abbau», sagt Capacoel. «Sie bietet zwar oft längere Öffnungszeiten, aber nur ein begrenztes Angebot an Dienstleistungen.» So seien Ein- und Auszahlungen teilweise nur für Beträge bis 500 Franken möglich; es sei kein Massenversand von Briefen möglich oder dann nur zu einem anderen Preis als auf einer Poststelle; es könnten keine eingeschriebenen Briefe aufgeben oder abgeholt werden. Hinzu komme: Nicht jede Agentur bietet denselben Service – «das führt zu einer Ungleichbehandlung der Bürgerinnen und Bürger». Gysi geht mit Capacoel einig: «Die Dienstleistungen in den Agenturen sind klar schlechter. Es gibt keine Beratung, denn das Personal ist dafür nicht ausgebildet.» Und: Mit der Auslagerung in die Postagenturen werde der Gesamtarbeitsvertrag unterlaufen. «Die Angestellten im ­Detailhandel sind deutlich schlechter bezahlt und weniger abgesichert.»

Wunsch nach mehr Flexibilität

Einer, der Erfahrung als Poststellenhalter wie auch als Postagenturnehmer hat, ist der St. Galler CVP-Kantonsrat Felix Bischofberger. Er sagt: «Postagenturen sind Poststellen nicht gleichzusetzen.» Ihre Angebote seien unterschiedlich. Unumwunden sagt der Altenrheiner: «Es gibt Dienstleistungen, die ich als Postagenturnehmer gerne auch anbieten würde.» Er nennt den Verkauf von Einzelbriefmarken, die Aufgabe von Sperrgutpaketen oder von Massenbriefsendungen. Bischofberger wünschte sich in diesen Fragen «mehr Flexibilität» von der Post. «Die Kundinnen und Kunden sollen vor dem Gang auf die Postagentur nicht überlegen müssen, was sie dort ­erledigen können und was nicht.»