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POSTNETZ: «Das ist reine Augenwischerei»

Die Gewerkschaft Syndicom wirft der Post einen massiven Abbau des Service public vor. Was im Kanton St. Gallen geschehe, sei ein «krasser Kahlschlag». Eine Postagentur sei nie und nimmer ein gleichwertiger Ersatz für eine Poststelle.
Regula Weik
31 Poststellen im Kanton St. Gallen droht die Schliessung, so auch der Filiale in St. Gallen-Winkeln. (Bild: Ralph Ribi)

31 Poststellen im Kanton St. Gallen droht die Schliessung, so auch der Filiale in St. Gallen-Winkeln. (Bild: Ralph Ribi)

Regula Weik

regula.weik

@tagblatt.ch

31 Poststellen im Kanton St. Gallen würden überprüft. So formuliert es die Post. «Das ist reine Augenwischerei», sagt Dominik Dietrich, Regionalkoordinator Zürich-Ostschweiz der Gewerkschaft Syndicom. Das bedeute nichts anderes als ein absehbares Ende dieser Poststellen. «Überprüfung ist mit Schliessung gleichzusetzen», hält Dietrich klipp und klar fest. Dies zeigten die Erfahrungen anderer Kantone wie auch der Blick in die Vergangenheit. «Allenfalls bietet die Post den betroffenen Gemeinden oder Stadtquartieren eine Ersatzlösung an.» Doch für den Gewerkschafter ist klar: «Eine Postagentur ist gegenüber einer Poststelle immer ein Abbau. Sie bietet zwar oft längere Öffnungszeiten, aber eben nur ein begrenztes Angebot an Dienstleistungen.» So seien Ein- und Auszahlungen teilweise nur für Beträge bis 500 Franken möglich; es sei kein Massenversand von Briefen möglich oder dann zu einem anderen Preis als auf der Poststelle; es könnten keine ein­geschriebenen Briefe aufgegeben oder abgeholt werden.

Dietrich spricht deshalb von einem «massiven Abbau des Service public». Postagenturen, Paket- oder andere Serviceautomaten seien «nice to have», nette Zusatzangebote, aber nie und nimmer ein gleichwertiger Ersatz für eine Poststelle. Das Versprechen der Post, ersatzlose Schliessungen von Poststellen zu vermeiden, sei deshalb vielerorts nur die halbe Wahrheit. Hinzu komme: Mit der Auslagerung in Postagenturen unterlaufe die Post den Gesamtarbeitsvertrag und begehe Lohndumping. «Die Angestellten im Detailhandel sind deutlich schlechter bezahlt und weniger ab­gesichert als die Mitarbeitenden am Postschalter. Deren Anstellungs- und Arbeitsbedingungen sind klar besser.»

«Die Post betreibt eine Salamitaktik»

Der Entscheid der Post ist für Dietrich aus einem weiteren Grund unverständlich: «St. Gallen zählt nicht zu jenen Kantonen, die bislang von der neuen Strategie der Post verschont geblieben sind.» So seien beispielsweise 2012 in der Stadt St. Gallen vier Poststellen geschlossen worden, darunter jene im östlichen Quartier Heiligkreuz. Die Bevölkerung sei damals mit der nahen Poststelle Langgass vertröstet worden – «keine fünf Jahre ist es her und nun findet sich diese auf der Liste jener Stellen, die von der Schliessung bedroht sind». Dietrich wirft der Post denn auch «Salamitaktik» vor. Selbst die 41 Poststellen, welche heute als gesichert gelten, seien dies nur bis 2020 – «wie es danach weitergeht, lässt sich nur erahnen». Der Gewerkschafter geht aber von einem weiteren Abbau aus, wenn die Politik der Post bis dahin keine klaren Vorgaben mache.

Die Post stosse mit ihrer Strategie und kurzfristigen Planung Bevölkerung, Personal und Politik vor den Kopf, sagt Dietrich. So seien seit Herbst schweizweit über 50000 Unterschriften von Bürgerinnen und Bürgern zusammengekommen, die «ihre Post» verlieren. Ähnlich das Personal. 2800 Schalterangestellte, rund zwei Drittel, hätten eine Petition von Syndicom unterzeichnet und damit bekundet, dass sie mit der Strategie ihrer Arbeitgebers nicht einverstanden seien. Und schliesslich habe Ende Mai der Nationalrat mit 172 zu 13 Stimmen eine Motion überwiesen und den Bundesrat aufgefordert, die «gesetzlichen Erreichbarkeitskriterien» für die Post zu überarbeiten. Die heutige 20-Minuten-Regelung benachteilige die ländliche Bevölkerung, so Dietrich.

Hier hakt auch die St. Galler SP-Nationalrätin Barbara Gysi ein. Die Post unterlaufe mit ihren Abbauentscheiden den politischen Auftrag. Die aktuelle Forderung des Nationalrats sei klar: Die Anforderungen an den Service public müssten neu und genauer definiert werden. Die Post als Unternehmen des Service public müsse «ihre Strategie mit der Politik erarbeiten und die Vorgaben einhalten»; umso unverständlicher seien die aktuellen Entscheide der Post, so die Nationalrätin. Und sie warnt: Die 41 gesicherten Poststellen seien dies nur bis 2020 – «da gilt es sehr genau hinzuschauen, wie die Post dannzumal deren Zukunft sieht oder eben nicht». Gysi geht mit Dietrich einig: «Die Dienst­leistungen in den Agenturen sind klar schlechter. Es gibt keine Beratung, denn das Personal ist dafür nicht ausgebildet.» Es sei daher nicht korrekt, wenn die Post argumentiere, durch den Ersatz einer Stelle durch eine Agentur gingen mehrheitlich keine Dienstleistungen verloren.

Einer, der Erfahrung als Poststellenhalter wie auch als Postagenturunternehmer hat, ist der St. Galler CVP-Kantonsrat Felix Bischofberger. Unumwunden sagt der Altenrheiner: «Es gibt Dienstleistungen, die ich gerne auch anbieten würde.» Er nennt den Verkauf von Einzelbriefmarken oder die Aufgabe von Sperrgutpaketen. Im Sommer plant der Postagenturen-Verband – Bischofberger präsidiert ihn – eine nationale Kampa­gne, um auf ihre Anliegen und Angebote aufmerksam zu machen.

Wie können Poststellen noch rentabel sein?

Die Post hatte stets betont, das Gespräch mit den Kantonen zu suchen und zu führen. Hat sie die hiesigen Argumente und Überlegungen berücksichtigt? Sie habe durchaus auf den Kanton gehört – «etwas», sagt Volkswirtschaftsdirektor Bruno Damann. So seien doch 41 Post­stellen gesichert – «vorerst für drei Jahre, danach wird neu verhandelt». Auf die 31 gefährdeten Stellen angesprochen, sagt Damann: Die Post suche nun das Gespräch mit den betroffenen Gemeinden. «Dieser Verhandlungsprozess geht jetzt erst los.» Er ist denn auch froh, dass die Post eingelenkt hat und die Angebote in Orten mit Postagenturen erweitern will.

Pflegt und hegt die Gewerkschaft ein romantisches, aber längst antiquiertes Bild der Post? Verwehrt sie sich mit ihrer Kritik nicht schlicht den aktuellen Entwicklungen, etwa der Digitalisierung? Dietrich verneint. Sie hätten vielmehr im Herbst – nachdem die Post ihre Abbaupläne erstmals kommuniziert hatte – eine Aktionsgruppe «Poststelle der Zukunft» gebildet und Ideen entwickelt, wie Poststellen auch künftig erfolgreich und rentabel sein könnten. Diese Vorschläge hätten sie der Post übergeben. Was passierte dann? «Die Post nahm sie entgegen.»

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