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PORTRÄT: Bärenbesuch inklusive: Uznacher Auswanderer und ihr Weingut in Kanada

Weinanbau ist nicht der erste Gedanke, den Besucher von Kanada haben. Doch schon seit vielen Jahren bewirtschaften die Brüder Leo und Andy Gebert aus Uznach erfolgreich ein Weingut in British Columbia.
Jan-Manuel Müller
Die Weine von Leo (links) und Andy Gebert geniessen in Kanada einen exzellenten Ruf. (Bild: Jan-Manuel Müller)

Die Weine von Leo (links) und Andy Gebert geniessen in Kanada einen exzellenten Ruf. (Bild: Jan-Manuel Müller)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

«Schon wieder ein Bär», sagt Leo Gebert verärgert, als er mit seinem jüngeren Bruder Andy auf ein gut eineinhalb Meter grosses Loch im Zaun stösst. Silberfarbene Drähte winden sich ihnen aus dem grobmaschigen Schutzzaun entgegen, der ihren Wingert umgibt. Doch in der Regel lassen die beiden Geschwister die Braunbären gewähren, wenn diese sich mit Rotweintrauben mal wieder die Bäuche vollschlagen. Der Schaden lässt sich verkraften. Denn die Rebstöcke hängen voller Trauben und auf ihrem 30 Hektaren grossen Weinberg dürfte auch in diesem Herbst wieder ein guter Jahrgang reifen.

Seit knapp 30 Jahren bewirtschaften die Brüder ihr Weingut St. Hubertus am Rande von Kelowna, das malerisch über dem Okanagan-Tal in der Provinz British Columbia thront. «Schon als junger Mann wollte ich etwas von der Welt sehen», erzählt Leo bei einem Rundgang durch die Weinberge. Der gelernte Buchhalter kündigte damals seinen Job und reiste als Rucksacktourist durch Amerika. Sein Geld verdiente der 58-Jährige als Landschaftsgärtner, bevor es ihn nach Monaten des Reisens ganz in den Westen Kanadas verschlug. Sein jüngerer Bruder Andy, der in der Schweiz als Installateur arbeitete, folgte ihm fünf Jahre später. «Die Kanadier sind sehr gastfreundlich – wir sind mit offenen Armen empfangen worden», fasst Andy seine Erfahrungen zusammen. «Die wenigen Winzer, die es damals gab, unterstützten uns, obwohl wir anfänglich nur wenig Erfahrung vom Weinbau hatten», erzählt der 50-Jährige.

Als wäre man am Gardasee

Das ist lange her. Seither bauen die Brüder aus Uznach auf ihrem Weingut Rot- und Weissweintrauben an. Jedes Jahr produzieren sie rund 120000 Liter vorwiegend Riesling und Grauburgunder, und ihre Weine geniessen über die Region hinaus einen exzellenten Ruf. Inzwischen beschäftigen Leo Gebert und Bruder Andy zehn Mitarbeiter. Vom Weingut windet sich eine geteerte Strasse durch eine Prärielandschaft aus Gräsern, Büschen und kleinen Kiefern hinauf zu den Weinbergen. Viele Besucher, die im Okanagan Valley ein Weingut wie das St. Hubertus besuchen, sind irritiert. Weinanbau in Kanada – geht das in einem Land mit fünf Monate langem, hartem Winter? Ja, es geht, und die Brüder Gebert beweisen es. «Wir liegen hier in der einzigen wüstenartigen Region des Landes, in der es im Sommer bis zu 40 Grad heiss wird», beschreibt Andy das Mikroklima. «Es gibt viel Sonne, trockene Luft und daher kaum Ungeziefer, dafür aber genügend Wasser aus dem See», erklärt er und entkorkt dabei eine Flasche Pinot blanc des Jahrgangs 2012.

Viel Sonne, trockene Luft und kaum Schädlinge: Das Mikroklima am Okanagan-See im Westen Kanadas eignet sich bestens für den Weinanbau. (Bild: Jan-Manuel Müller)

Viel Sonne, trockene Luft und kaum Schädlinge: Das Mikroklima am Okanagan-See im Westen Kanadas eignet sich bestens für den Weinanbau. (Bild: Jan-Manuel Müller)

Von der Anhöhe fällt der Blick auf den azurblauen Okanagan-See. Fast fühlt man sich an den Gardasee in Italien versetzt. Rund 135 Kilometer lang und bis zu fünf Kilometer breit schlängelt sich der See gen Süden bis fast an die Grenze zu den USA. Blendend weiss leuchten Segelboote mit dem tiefen Blau um die Wette. Für Kanadier und US-Amerikaner ist diese Region, mit der 120000 Einwohner grossen Stadt Kelowna ein beliebtes Urlaubsziel. Mehr als 30 Golfplätze gibt es hier, kristallklare Seen locken Gäste zum Baden, Surfen und Fischen. Die Bewohner entlang des Sees leben vom Obst- und Weinanbau und vor allem vom Tourismus. Die umliegenden Berge schirmen die Kälte aus dem Norden ab. Rundherum ist die Landschaft trocken – es gibt Kakteen, Klapperschlangen und eben Bären.

Noch immer mit der Schweiz verbunden

«Seit fast 30 Jahren leben wir in Kelowna – doch zu Hause wird immer noch Schweizerdeutsch gesprochen», sagt Andy Gebert stolz, während er an seinem Weinglas nippt. Seine Ehefrau Susanne sowie Leos Frau Barbara sind ebenfalls aus der Schweiz und unterstützen ihre Männer im angeschlossenen Weinladen. Ihre Kinder sind zwar in British Columbia geboren und alle bereits volljährig, aber das hindert sie nicht dar­an, mit ihren Eltern alle zwei bis drei Jahre die Verwandten in der Schweiz zu besuchen. «Wenn in unserer alten Heimat am 1. August der Nationalfeiertag gefeiert wird, holen wir in Kelowna unser Alphorn raus», scherzen Andy und Leo über ihre Heimatverbundenheit. Der Schweizer Akzent ist immer noch zu hören, auch wenn er nach all den Jahren mit vielen amerikanischen Vokabeln durchsetzt und in einem kanadischen Akzent gefärbt ist.

Bier ist in Kanada die Nummer eins

Noch in den 1960er- Jahren fristeten die Obstbauern im Okanagan Valley ein eher karges Dasein, erzählen die beiden Brüder. Heute beherbergt die Region 200 Weinkellereien. Neben der Niagara-Halbinsel in Ontario ist das Tal das Hauptzentrum des kanadischen Weinanbaus. Im Ausland ist das «Weinland Kanada» noch weitgehend unbekannt. Im internationalen Vergleich sind die Mengen gering, nur relativ wenig Wein wird exportiert. Dabei sind kleine Gebiete Kanadas klimatisch geradezu wie geschaffen für den Weinanbau. Jedes Jahr keltern im Ahornland rund 400 Winzer eine Million Hektoliter Rotwein, Weisswein, Rosé- und Eiswein. «Doch wie in Schweden und Norwegen sind auch bei uns die Steuern auf Alkohol hoch. Je nach Provinz schlägt der Staat bis zu 60 Prozent auf den Wein», sagt Leo und nimmt dabei einen Schluck aus seinem Weinglas. Auch wenn Bier noch immer die Nummer eins bei alkoholischen Getränken ist, so avanciert – trotz des gehobenen Preises – Wein immer mehr zum gefragten Lifestyleprodukt. Zum Glück für die beiden Brüder, die ihre Weine, vor allem den Pinot blanc und noir, auch erfolgreich nach Hongkong, Japan, in die Vereinigten Staaten und die Schweiz exportieren. Und sie haben einen neuen Markt im Visier – China.

Andy und Leo Gebert haben es gewagt, sich im Okanagan Valley ein neues Leben als Winzer aufzubauen. Und auf die Frage, ob es die Mühe wert war, antwortet Leo nach einem kurzen Blick zu Bruder Andy. «Ich wollte nirgendwo anders leben. Wein anzubauen, die Natur und die Tiere hier – wir leben hier in der schönsten Ecke der Welt.»

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