POLIZEIAUSBILDUNG: Viele Bewerber scheitern am Deutschtest

Gute Deutschkenntnisse sind im Polizeiberuf wichtig - deshalb ist Deutsch ein Hauptfach in der Ausbildung. Viele Bewerber scheitern aber bereits beim Aufnahmetest an Grammatik und Orthographie.

Sebastian Keller
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Verkehrspolizisten bei der Arbeit – viele Einsätze ziehen Schreibarbeit nach sich. (Bild: Reto Martin)

Verkehrspolizisten bei der Arbeit – viele Einsätze ziehen Schreibarbeit nach sich. (Bild: Reto Martin)

Sebastian Keller

sebastian.keller

@ostschweiz-am-sonntag.ch

Polizisten jagen nicht nur Verbrecher, sie müssen diese Jagd auch protokollieren können. Die nö­tigen Deutschkenntnisse dafür bringen aber längst nicht alle mit, die gerne auf Verbrecherjagd gingen. Das zeigt eine Umfrage bei Ostschweizer Polizeien. «Bis zu fünfzig Prozent der Bewerber schaffen den Eignungstest wegen mangelnder Deutschkenntnisse nicht», sagt Dionys Widmer, Sprecher der Stadtpolizei St. Gallen. Im Thurgau haben den Eignungstest im Oktober 20 Prozent der Kandidierenden wegen ungenügender «verbaler Intelligenz» nicht bestanden, sagt Sprecher Daniel Meili. Und auch die Kantonspolizei Appenzell Ausserrhoden hat festgestellt, «dass im Vergleich zu Bewerbungsverfahren in den früheren Jahren den ­Bewerbern der schriftliche Ausdruck in Deutsch mehr Schwierigkeiten bereitet», wie Sprecher Marcel Wehrlin sagt.

Alle Polizeikorps in der Ostschweiz und im Fürstentum Liechtenstein führen denselben Eignungstest durch. Dieser besteht aus einem Sport- und einem Theorieteil. Im Theorieteil werden neben der verbalen auch die numerische Intelligenz sowie das schlussfolgernde Denken der Kandidaten getestet. Mit bestandenem Eignungstest in der Tasche können sich die Kandidaten bei allen Ostschweizer Polizeikorps um eine Ausbildungsstelle bewerben. Doch damit ist die Deutschhürde noch nicht in jedem Fall geschafft. Im Thurgau beispielsweise müssen die Bewerber im weiteren Verlauf des Auswahlverfahrens ein Diktat schreiben.

Auf das Sprachmanko der angehenden Polizisten hat die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften bereits reagiert: Sie bietet den Kurs «Deutsch für Polizeiaspirantinnen und Polizeiaspiranten» an (siehe Zweittext). An der Polizeischule Ostschweiz in Amriswil ist das Fach Deutsch eines der Hauptfächer, erklärt Direktor Marcus Kradolfer. «Es ist wichtig, dass Polizistinnen und Polizisten schreiben können.» Rund 60 bis 80 Prozent ihrer Arbeitszeit verbringen sie am Schreibtisch. So müssen Polizisten etwa Einvernahmeprotokolle verfassen, die später vor Gericht standhalten müssen. «Diese Texte müssen orthographisch und stilistisch einwandfrei sein.»

Niveauunterricht an der Polizeischule Ostschweiz

In Amriswil wird Deutsch seit vier Jahren in vier Niveaugruppen unterrichtet. «Ein gelernter Maurer hat andere Voraussetzungen als eine Maturandin», sagt Marcus Kradolfer, der selber das Fach Deutsch lehrt. Der Schwerpunkt liege weniger auf der Grammatik als vielmehr auf der Schreibkompetenz. Die Polizeischüler lernen, eine Situation zu beschreiben – einen Verkehrsunfall, einen Überfall oder auch ein Gewaltverbrechen. «Dieses Beschreiben müssen wir intensiv trainieren», sagt Kradolfer. Weil es nichts auf dem Markt gab, hat die Polizeischule Ostschweiz ein eigenes Deutschlehrmittel entwickelt. Unterdessen arbeitet auch die Zürcher Polizeischule damit.

Kradolfer relativiert die Möglichkeiten im Rahmen der einjährigen Polizeiausbildung. «Was in neun Schuljahren und in der Berufsschule verpasst wurde, können wir nicht kompensieren.» Teilweise sei er enttäuscht, mit welch halbvollem «Wissensrucksack» die angehenden Polizistinnen und Polzisten ausgerüstet sind. Auch im Bereich Staatskunde stellt er ein Manko fest. «Als Repräsentant des Staates müssen sie aber wissen, wie der Staat aufgebaut ist», betont Kradolfer.

An der Motivation der Aspiranten mangle es hingegen nicht. Das schlage sich auch in der Bewertung des Deutschunterrichts an der Polizeischule Ostschweiz nieder. «Dieses Fach wird von den Aspiranten stets sehr gut bewertet», sagt Kradolfer. «Sogar besser als die sicherheitspolizeiliche Ausbildung.» Er führt diese positiven Rückmeldungen auf den Niveauunterricht zurück, der die angehenden Polizisten auf ihrem Wissensstand abhole.

In Deutschland mangelt es deswegen an Polizisten

Die Schweiz ist bezüglich Deutschkenntnissen ihrer staatlichen Sicherheitskräfte aber längst kein Sonderfall. Auch im Land, aus dem wir unsere Schriftsprache importiert haben, fallen Bewerber beim Sprachtest durch. Das führte in Deutschland bereits dazu, dass das Bundeskriminalamt (BKA) darüber diskutiert, den Sprachtest für seinen Nachwuchs abzuschaffen – zumindest soll er vereinfacht werden. Wie der «Spiegel» berichtet, konnte das BKA im Herbst nur 62 neue Kommissaranwärter ernennen – 120 hätten zur Ausbildung antreten sollen.

Personalmangel aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse muss die Stadtpolizei St. Gallen aber nicht beklagen. «Wir haben keine Mühe, genügend gute Leute zu finden», sagt ihr Sprecher.

 

Deutschkurs für Aspiranten

«Eine Mehrheit tut sich schwer mit dem Schreiben zusammenhängender Texte», stellt Rosmarie Ernst fest. Sie leitet seit fünf Jahren den Kurs «Deutsch für Polizeiaspirantinnen und Polizeiaspiranten» an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Die meisten Teilnehmer des Kurses hätten aber auch Schwierigkeiten mit Orthographie und Interpunktion, etwas weniger mit Grammatik. Das Ziel des Kurses ist es, dass die Teilnehmer die Grundregeln der deutschen Orthographie, Interpunktion, Grammatik und Stilistik beherrschen. Zudem sollen sie wissen, wie polizeispezifische Texte wie Berichte und Beschreibungen abzufassen sind. Das Language Competence Center der ZHAW bietet diesen Kurs seit sechs Jahren an. Wie Kursleiterin Rosmarie Ernst sagt, kam der Anstoss dazu aus einem Polizeikorps. Und zwar von einer Person, der die teilweise ungenügenden Deutschkompetenzen der Aspiranten bestens bekannt waren.


Die Nachfrage nach dem Kurs ist so gross, dass die ZHAW pro Jahr zwei Durchgänge mit bis zu 20 Teilnehmern durchführen kann. Inzwischen gebe es Ausbildungsverantwortliche bei den Polizeien, welche die Gescheiterten auf das Angebot aufmerksam machen. Es gebe aber auch andere, die Polizeiaspiranten vor dem Beginn der Polizeischule an den Kurs schickten. Rosmarie Ernst bestätigt, dass auch regelmässig Personen aus den Kantonen St. Gallen und Thurgau den Kurs besuchen; eher selten solche aus den beiden Appenzell. Der Kurs dauert vier Samstagvormittage. Der nächste startet am Samstag, 21. Januar 2017. (seb.)