Interview

Politisch sind mehrere Anläufe für eine Metropolitanregion gescheitert: Jetzt steht der «Metropolitanraum Bodensee» vor der Umsetzung

Die Regio Appenzell AR-St.Gallen-Bodensee feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Geschäftsführer Rolf Geiger wartet mit einer Überraschung auf.

Interview: Christoph Zweili
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Das Rheintal – im Bild die Gemeinde Oberriet – ist für den Metroraum Bodensee wichtig. (Bild: Kurt Latzer)

Das Rheintal – im Bild die Gemeinde Oberriet – ist für den Metroraum Bodensee wichtig. (Bild: Kurt Latzer)

Die Regio stösst die Zwischennutzung auf dem Lattich-Areal beim Güterbahnhof St.Gallen an bis die dritte Autobahnröhre kommt. Sie setzt beim Bund und bei den SBB den Vollknoten St. Gallen durch und wirbt erfolgreich für den Bahnausbau und die bessere Erreichbarkeit der Region. Die Regio Bodensee geht unkonventionelle Wege. Mit Erfolg, wie der Blick auf das 10-Jahr-Jubiläum zeigt.

Die Regio Appenzell AR-St.Gallen-Bodensee rühmt sich, das schweizweit erfolgreichste Agglomerationsprogramm auf die Beine gestellt zu haben. So viel Selbstbewusstsein traut man der Ostschweiz gar nicht zu.

Rolf Geiger: Diese Aussage machen wir an der Beurteilung des Bundes fest, der die Agglomerationsprogramme misst. Wir sind trotz sehr grosser Konkurrenz schweizweit die einzigen, die neun von zwölf Wirkungspunkten erhalten haben. Weil unser Programm mit 380 Millionen Franken Gesamtinvestitionen (Bundesanteil 150 Millionen Franken) sehr teuer ist, wurde der Mitfinanzierungsgrad bei uns von 40 auf 35 Prozent gesenkt.

2014 stiessen fünf Oberthurgauer Gemeinden zur Region dazu, das nicht ohne eine gewisse Skepsis gegenüber dem grossen Zentrum St.Gallen: Sind diese Gemeinde heute gut in die Regio eingebunden?

Es war ein Abwägen: Integrieren wir diese fünf Gemeinden in der bestehenden funktionierenden Struktur oder schaffen wir ein neues, kleines Agglomerationsprogramm für diese Kommunen. Die Erfahrung zeigt, dass wir diese Gemeinden gut integrieren und die entsprechenden Bundesmittel mobilisieren konnten. Wir haben mit sehr geringem Aufwand ein Maximum an Wirkung für Amriswil–Romanshorn herausholen können. Als Agglomeration mit 250000 Einwohnern ist man ein anderer Bittsteller in Bern als dies eine Klein-Agglo mit 25000 Einwohner ist.

Das 10-Jahr-Jubiläum wurde gestern im temporären Lattich-Bau auf dem St.Galler Güterbahnhofareal gefeiert: Welchen Anteil hat die Regio an dieser Zwischennutzung?

Die Regio mit ihrer professionellen Geschäftsstelle ist Initiantin und Bodenbereiterin für diese Zwischennutzung.

Sie selber sind seit der Grundsteinlegung für die Regio und die Wirtschaft St.Gallen-Bodensee als Geschäftsführer dabei: Wie haben sich die Programmschwerpunkte verschoben?

Das Aggloprogramm ist ein wesentlicher Teil der Arbeit, das ist konstant geblieben. Aber innerhalb des Programms gibt es Dutzende von Teilprojekten, die sich Laufe der Zeit gewandelt haben. Siedlungs- und Verkehrsthemen standen anfangs im Fokus. Das tun sie zwar heute immer noch, aber im dritten Aggloprogramm kam neu der Schwerpunkt Landschaft dazu. Damit haben wir gepunktet: Wir waren damit Vorreiter in der Schweiz, weil wir das Landschaftsthema überkommunal vorangetrieben haben.

Die Regio hat 2016 eine Verbundlösung für die an Fehlbeträgen leidenden regionalen Hallenbäder propagiert: Kommt sie 2020 tatsächlich zum Fliegen?

Sie kommt vermutlich 2021 zum Tragen. Da ist noch Überzeugungsarbeit zu leisten, von den Nicht-Standortgemeinden ist etwa die Hälfte dabei. Von den 47 Agglogemeinden macht eine Mehrheit nicht mit, alle Ausserrhoder Gemeinden zum Beispiel, sind dagegen. Technisch brauchen wir eine «Wohnorterkennung», um unterscheiden zu können, ob jemand aus einer Verbundgemeinde kommt oder nicht und demnach den höheren Eintrittspreis bezahlen muss.

Ihnen liegt viel an den Künstlerzwillingen Frank und Patrik Riklin: Sie teilen deren Vision des «Null Stern Hotels» und des riesigen Picknick-Tuchs, das 2043 fertiggestellt werden soll. Wofür stehen die Brüder?

Sie sind Querdenker und kommen mit unkonventionellen Ideen, die weltweit für Aufsehen sorgen. Ihre Aktionen prägen anders und positiv die Wahrnehmung unserer Region mit. «Bignik» ist Standortmarketing anders gedacht.

Das «Raumkonzept Schweiz» diktiert mehr oder weniger die Vergabe von Bundesgeldern: Die Regio sieht sich nun auf dem Weg zu einem Metroraum Bodensee. Bisher war die Idee aber nicht mehrheitsfähig.

Nachdem erste Versuche gescheitert sind, haben wir auf dem Weg zur Konstituierung in den letzten drei Jahren bottom up, also von unten, einen Prozess geführt. Dieser Prozess war wesentlich von der Wirtschaft getrieben, die die Vision vom gemeinsamen Metropolitanraum unbedingt umsetzen will. Mit zwei Denkwerkstätten in der Ostschweiz haben wir mit Politikern und Wirtschaftsvertretern ein gemeinsames Verständnis dieses Metroraums erarbeitet, der mit Wil, St. Gallen-Bodensee, Rheintal und Werdenberg-Liechtenstein vier Agglomerationsräume zusammenführt. Das ist ein zusammenhängender Agglomerationsraum mit klaren gemeinsamen Interessen gemäss Definition des Bundes.

Die da wären?

An vorderster Stelle steht die Erreichbarkeit entlang der strategischen Entwicklungsachse Zürich–St. Gallen–Vorarlberg–München. Von Anfang war klar, dass das grenzüberschreitende Rheintal für diesen Raum sehr wichtig ist. Es gab daher auch eine Denkwerkstatt mit Vorarlberger und mit Rheintaler Akteuren.

Wie ging es weiter?

Die drei Denkwerkstätten mündeten im Entwurf einer Charta. Im vergangenen halben Jahr gab es dazu eine Vernehmlassung bei allen wirtschaftlichen und politischen Träger- und Körperschaften. Das stiess mit einer Ausnahme auf eine positive Resonanz. Darum steht der Konstituierung aktuell nichts mehr im Weg.

Was ist der nächste Schritt?

Die Regio hat das Szepter an den St.Galler Bauchef Marc Mächler übergeben. Der Metroraum Bodensee kommt.

Die Anfänge

(cz) 2007/08 haben verschiedene, in Regionalplanungsgruppen organisierte Gemeinden den grossen Schulterschluss zwischen St.Gallen-Appenzell und Rorschach-Bodensee gemacht; dies vor allem mit Blick auf die Agglomerationspolitik des Bundes und die Neue Regionalpolitik. Auch die regionale Wirtschaft ist bis heute wichtiger Treiber geblieben – aus der Struktur mit den beiden Vereinen ist eine Art Public Private Partnership entstanden, repräsentiert von einer gemeinsamen Geschäftsstelle mit der klaren Absicht, eine schlagkräftige Organisation aufzubauen. Schon früh stand fest, dass die Regio projektbezogen arbeiten will. 

Die Thurgauer Gemeinden Arbon, Roggwil und Horn waren von Beginn weg Teil der Regio Appenzell AR-St.Gallen-Bodensee, später kam Egnach dazu. Mit dem Aggloprogramm der dritten Generation stiessen weitere fünf Oberthurgauer Gemeinden dazu. Die Regio, die heute 250'000 Einwohner repräsentiert, umfasst heute 47 Gemeinden.