POLITIKVERDROSSENHEIT: Die «politische Pubertät» setzt später ein

Der Mythos, dass die Schweizer Jugend sich immer weniger für Politik einsetzt, gilt nur mit Vorbehalt. Fühlen sie sich betroffen, gehen die Jungen an die Urne. Das politische Interesse der Jugendlichen hängt somit stark vom Thema ab.

Annika Schmidt
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Jugendliche demonstrieren mit Plakaten gegen Abbau im Bildungsbereich. (Bild: Peter Schneider/Keystone (Bern, 24. März 2015))

Jugendliche demonstrieren mit Plakaten gegen Abbau im Bildungsbereich. (Bild: Peter Schneider/Keystone (Bern, 24. März 2015))

Annika Schmidt

annika.schmidt@ostschweiz

-am-

sonntag.ch

«Werden Spontanpartys verboten oder wird die Reithalle in Bern geschlossen, dann gehen die Jungen auf die Strassen», sagt Franz Schultheis, Professor für Soziologie an der Universität St. Gallen. Gleiches gilt für politische Anlässe wie das kürzliche G20-Treffen in Hamburg. Ein kurzfristiges Aufbegehren also, aber keine nachhaltige Politik. Die Frage, ob sich die Jugend immer weniger für die Politik interessiert, ist umstritten.

Im Rahmen der Studie «Ostschweizer Jugendliche» der Pädagogischen Hochschule St. Gallen hat das Institut Bildung & Gesellschaft 1333 Oberstufenschüler aus St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden unter anderem zu ihrer Haltung zur Politik befragt. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen geben an, sich wenig oder gar nicht für Politik zu interessieren. Ein Grund dafür könnte das Alter sein. Laut Lukas Golder, Co-Leiter von GFS Bern, bildet sich ein Interesse für Politik erst in der Pubertät. «Der Ausbildungsweg und die Zeitspanne, während der die Jugendlichen von ihren Eltern abhängig sind, sind länger geworden. Deshalb setzt die ‹politische Pubertät› heute später ein», so Golder.

Wenn überhaupt. In allen westlichen Demokratien herrsche eine gewisse Demokratiemüdigkeit, sagt Soziologe Schultheis. «Die Wahlabstinenz hat stark zugenommen.» Der Trend: Je jünger die Generation, desto mehr bleiben von den Wahlen fern. Schultheis stellt dazu zwei Thesen auf. Der Rückgang könnte im Zusammenhang mit einem wachsenden Vertrauensverlust der Jugend in die Politiker stehen. Oder aber Ausdruck von Zufriedenheit mit dem politischen System sein. Nach dem Motto: «Es läuft ja alles prima, warum dann abstimmen?» Im Vergleich zu unseren Nachbarländern haben Schweizer Jugendliche ein sehr hohes Wohlbefinden, sagt Golder. Darauf deutet auch das CS-Jugendbarometer 2016 hin: Über 70 Prozent der Jugendlichen sehen keinen Reformbedarf am politischen System. Unter diesem Aspekt ist es laut Schult- heis wahrscheinlich, dass die Jugendlichen den Urnen fernbleiben, weil sie wenig Bedarf an Veränderung sehen.

Flüchtlinge und Ausländer sind die Topthemen

«Die Nicht-Wahlbeteiligung ist aber nicht mit politischem Desinteresse gleichzusetzen», so Golder. «Wenn eigene Betroffenheit vorliegt, engagieren sich die Jungen stark.» Gemäss dem CS-Barometer gelten für 48 Prozent der befragten Jugendlichen politische Parteien als «out». Lediglich sechs Prozent gaben an, Mitglied einer Partei zu sein. Das Engagement ist interessenbezogen. Organisationen wie der WWF oder Greenpeace könnten daher künftig mehr Zulauf erhalten, sagt Golder.

Bei genauerem Betrachten der GFS-Studie «Easyvote-Politikmonitor» wird deutlich: Das Interesse der Jungen an Schweizer Politik ist seit 2014 zwar um sechs Prozent zurückgegangen. Dafür geben vier Prozent mehr an, sich für die internationale Politik zu interessieren. «Die amerikanischen Präsidentschaftswahlen haben diese Entwicklung stark angekurbelt», sagt Golder. Zu- dem mobilisierten auch der Brexit und der Konflikt in Syrien und im Irak. «Es gibt in jeder Generation sogenannte Kristallisationsmomente, deren emotionale Aufladung die Politisierung der Jugend fördert», sagt Golder. Trump habe mit seinen Pöbeleien und radikalen Äusserungen definitiv für eine solche gesorgt. Flüchtlings- und Ausländerfragen sind zurzeit die Topthemen der Jugendlichen. Auf Platz drei folgt der Umweltschutz.

«Sobald Emotionalität im Spiel ist, interessieren sich die Jungen viel stärker», erklärt Golder. Man könne jedoch auch differenzierte Sachverhalte emotional vermitteln. Dies sei im Kampf gegen die Durchsetzungs-Initiative der SVP gelungen. «Die Ausschaffung krimineller Jugendlicher ist ein sehr emotionales Thema. Darauf zielte die Partei ab. Im Grunde genommen ging es in der erfolgreichen Kampagne gegen die Initiative aber um eine abstrakte Veränderung des Gesetzes.» Trotzdem war die Wahlbeteiligung der Jungen an dieser Abstimmung so gross wie nie zuvor.

Generation Z tritt lautstark in den sozialen Medien auf

«In den sozialen Medien funktioniert das Einbinden von Emotionen hervorragend», sagt Golder. Die Vertreter der Generation Z beherrschen dieses Spiel mühelos. Zu dieser Gruppe zählen die heutigen 14- bis 18-Jährigen. Also jene, die «mit dem Smartphone herumlaufen und sich dabei filmen». Diese Generation sei es sich gewohnt, ihre Meinung auf dem Netz herauszuposaunen, um kurz darauf eine Reaktion zu erhalten, so Golder. In ihrem «Egoismus» sei aber durchaus ein politisches Element vorhanden. «Wenn Junge der Generation Z sich ungerecht behandelt fühlen, begehren sie schnell auf und kritisieren das System.» Soziologe Franz Schultheis sieht im Gebrauch von Social Media eher eine Gefahr: «Im Netz tauscht man sich in einer sehr plakativen und pauschalen Form aus.» Verletzende Aussagen und Schwarzweissmalerei seien häufig zu finden. Es fehle somit eine distanzierte und reflektierte Meinungsbildung. «Ein grosses Potenzial hingegen hat Social Media in Staaten, welche die Presse stark einschränken», so Schult-heis. Die Protestbewegungen in Hongkong hätten dies gezeigt.

Im Gegensatz zu Ländern wie China oder Amerika mit einem Ein- oder Zweiparteiensystem bietet die Schweiz der Jugend mehr politische Optionen. «Daher gibt es hierzulande wenig bis keinen Extremismus», so Schultheis. Laut Jugendbarometer 2016 haben in den letzten zwei Jahren mehr Junge vom rechten ins linke Lager gewechselt. Insgesamt seien die Schweizer Jugendlichen aber im politischen Mittelfeld angekommen. «Die Jungen teilen weitgehend die politische Orientierung ihrer Eltern», erklärt Schultheis. «Das war früher anders. Es gab tiefere Gräben.» Ein überraschendes Ergebnis zeigt sich in der Ostschweizer Studie: Die Jugendlichen orientieren sich stärker an den politischen Wertvorstellungen des Vaters als an jenen der Mutter.

Jugend wächst in einer Risikogesellschaft auf

Jugendliche vertreten laut der CS-Studie vermehrt die Ansicht, dass Politiker versagen oder die Umsetzung nicht dem Volkswillen entspricht. «Trotz direkter Demokratie teilen Schweizer Jugendliche zudem das Gefühl mit Gleichaltrigen anderer Länder, in einer politisch undurchschaubaren Welt zu leben», so Schultheis. «Die Jugend wächst in einer Risikogesellschaft auf. Sie erleben extreme Veränderungen wie die Flüchtlingskrise und die Klimaerwärmung», sagt Golder. Deshalb suchen sie Rückzug und das behütete Umfeld der Familie. Dennoch sind sie Individualisten, die ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen wollen. Dabei kümmern sie sich als erstes um sich selbst. «Das ist schlecht für das Allgemeinwohl», so Schultheis.

«Die Generation Z wird Forderungen stellen, die etablierte Politiker vor den Kopf stossen könnten», sagt Golder. Eingeschlafen sei die Jugend damit definitiv nicht. Ein wenig skeptischer sieht dies Schultheis: Bezüglich der Wahlabstinenz meint er: «Wenn das so weiter geht, wo landen wir dann?»