Politik im Edelweisshemd

Die Bedeutung der Landwirtschaft für die Schweizer Wirtschaft sinkt seit Jahren. Der Einfluss der Bauern im eidgenössischen Parlament ist aber nach wie vor hoch – nicht zuletzt dank der Ostschweizer Kantone.

Andri Rostetter
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Sympathieträger für die Partei: Die Ostschweizer Bauernvertreter Hansjörg Walter und Toni Brunner im Nationalratssaal. (Bild: Keystone)

Sympathieträger für die Partei: Die Ostschweizer Bauernvertreter Hansjörg Walter und Toni Brunner im Nationalratssaal. (Bild: Keystone)

Tagelang weibelte er im Hintergrund. Sprach mit Parteifreunden. Mit Vertrauten. Mit Journalisten. Zwölf St. Galler Kandidaten für den Nationalrat – und darunter nur ein Bauer! Für Toni Brunner war das klar zu wenig. An der Delegiertenversammlung im Januar redete der SVP-Präsident seinen Leuten ins Gewissen. Die SVP dürfe das bäuerliche Terrain auf keinen Fall CVP und FDP überlassen. Die Partei müsse mehr Bauern nominieren. Brunners Überzeugungsarbeit zeigte Wirkung: Die Delegierten nominierten drei Bauern.

Macht und Sympathie

Brunners Einsatz für die Bauern hat mehrere Gründe. Die einfachste Rechnung: Je mehr Bauern im Parlament, desto besser für die Landwirtschaft. Weniger offensichtlich ist ein weiterer Grund: Bauern sind Sympathieträger für eine Partei. Gerade in ländlichen Regionen wie der Ostschweiz geniesst die Landwirtschaft nach wie vor ein stabiles Image – nicht zuletzt dank millionenteuren Kampagnen des Schweizerischen Bauernverbands. Wie nachhaltig diese sind, zeigte eine HSG-Studie von 2007: Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass sie die Landwirtschaft möglichst in ihrer bisherigen Form erhalten möchte.

3,6 Prozent aller Erwerbstätigen

«Die schweizerische Agrarpolitik ist komplex und für die normal interessierten Bürgerinnen und Bürger praktisch nicht überschaubar», halten die Agrarexperten Hans Rentsch und Priska Baur in ihrem Buch «Agrarpolitische Mythen» fest. Umso mehr würden die «Bilder einer Landwirtschaft», die bei einer Mehrheit der Bevölkerung Sympathie wecken, zur politikgestaltenden Kraft.

Nur: Eine grosse wirtschaftliche Bedeutung haben die Bauern schon lange nicht mehr. Zwischen 2000 und 2013 ist die Zahl der Beschäftigten in der Schweizer Landwirtschaft um knapp 45 000 Personen gesunken. Ende 2013 arbeiteten noch 159 000 Personen im Agrarsektor. Das sind 3,6 Prozent aller Erwerbstätigen in der Schweiz. Ein weiterer Vergleich: Die Schweizer Wirtschaft erreichte 2013 eine Bruttowertschöpfung von 614 Milliarden Franken. Die Landwirtschaft machte gerade mal 0,7 Prozent davon aus.

Weit vorne im Ausgabenranking

Gleichzeitig gibt der Bund für die Bauern immer noch viel Geld aus: Die Landwirtschaft liegt im Ausgabenranking an sechster Stelle – hinter sozialer Wohlfahrt, Finanzen und Steuern, Verkehr, Bildung/Forschung und Landesverteidigung.

Vier von zwölf sind Bauern

Im eidgenössischen Parlament ist von diesem Bedeutungsverlust noch nichts zu spüren. 26 Mitglieder – oder 13 Prozent – des Nationalrats arbeiten im Agrarsektor. Einen hohen Anteil stellen die beiden Ostschweizer Kantone St. Gallen und Thurgau: Vier der zwölf St. Galler Nationalräte sind Landwirte: Toni Brunner, Walter Müller, Markus Ritter und Jakob Büchler. Die FDP ist als einzige Partei im Kanton sogar ausschliesslich mit einem Landwirt in der grossen Parlamentskammer vertreten. Die CVP hat mit Ritter und Büchler zwei ihrer drei Sitze im Nationalrat mit Bauern besetzt. Der Thurgau verfügt über sechs Nationalratssitze, dank den SVP-Vertretern Hansjörg Walter und Markus Hausammann gehören zwei davon der Landwirtschaft. Die beiden Kantone kommen damit auf fast ein Viertel aller Bauernvertreter in Bern.

Kürzungen gestrichen

Über welchen Einfluss die Koalition der Landwirte vor allem im Nationalrat verfügt, zeigte sich zuletzt in der Dezembersession während der Debatte über die Direktzahlungen. Der Bundesrat hatte dem Parlament vorgeschlagen, die Beiträge für die Landwirtschaft im Jahr 2015 um 128 Millionen Franken zu kürzen. Das Parlament strich die Einsparungen weitgehend zusammen. Die Direktzahlungen bleiben damit nahezu auf dem Niveau von 2014 – bei 2,8 Milliarden Franken.

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