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Er will pflügen statt jäten in Bern: Der Land- und Gastwirt Stefan Rusch kandidiert als Einzelmaske für den Nationalrat

Der Lenggenwiler Land- und Gastwirt Stefan Rusch will mit der Liste «Der Pflug» ins eidgenössische Parlament – und fordert «Neudenker».
Marcel Elsener
Gewiss kein typischer Bauer: Stefan Rusch auf seinem Hof in Lenggenwil. Bild: Urs Bucher

Gewiss kein typischer Bauer: Stefan Rusch auf seinem Hof in Lenggenwil. Bild: Urs Bucher

«Neudenker», es brauche «Neudenker, mit Ausrufezeichen!», das sagt er immer wieder, «Neudenker» in allen Bereichen von Gesundheits- bis Sicherheitspolitik. Die anderen Wörter, die er mantramässig wiederholt, sind «Wandel» und «Nachhaltigkeit». Am liebsten wären ihm 51 Prozent «Neudenker» im Nationalrat, jüngere Quereinsteiger, «fertig mit Parteiblockaden, Verwaltungsrats- und Lobbyeinflüssen». Zuviel werde vom «Meins» getrieben, «das ist meins und das ist meins, es geht nur um Gier und Profit».

Hoppla! Hier steht einer auf, um die herrschenden Verhältnisse der schweizerischen Politik umzustürzen: Stefan Rusch, Landwirt in Lenggenwil und Restaurant-Geschäftsführer in Wil, bald 44-jährig, Bauernsohn und Zweitältester von vier Brüdern, Familienvater, kandidiert mit seiner Liste «Der Pflug» für den Nationalrat. «Der Pflug auf gutem Grund», oder laut früherem Slogan: «weil Jäten nichts mehr hilft».

Ein olivgrüner Kleber muss für den Wahlkampf reichen

Rusch ist ein klassischer Einzelkämpfer ohne Partei- oder Verbandsstrukturen, er hat keine Bewegung im Rücken und nicht einmal eine Facebook-Seite (die immerhin im Aufbau sei). Für den Wahlkampf müssen ein paar Kleber reichen, olivgrün prangt «Der Pflug» an seinem Auto, Plakate plant er nicht, «es hat genug Schilder mit Köpfen». Auf der Strasse werben will er aber schon noch, mit seinen Klebern. Einige Tausender wird ihn der Wahlkampf kosten.

Als ob er nicht genug zu tun hätte. Einerseits auf dem Hof in dritter Generation im Gebiet Taa-Hueb, den er 2005 neu aufgebaut hat; ein Mikrobetrieb mit zehn Hektaren, 30 Angus-Rinder in Mutterkuhhaltung, dazu Mostobst von Hochstämmern. Andererseits in «Art’s Restaurant Bar» in Wil, dem früheren «Pickwick-Pub», das er seit 14 Jahren als Geschäftsführer leitet, ein Lokal mit 100 Plätzen, mittags und abends viel Betrieb, seit dem Rauchverbot setzt er aufs Essen, vor allem Burger aus dem eigenen Rinderfleisch.

Nebst dem Doppeljob und der Familie bleibt für Sport, Vereine oder Musik keine Zeit. Warum da noch die Politik, warum tut er sich das an? Es dränge ihn nach Bern, er wolle «die Erfahrung machen», ein kantonales oder kommunales Amt interessiert ihn nicht, weil die Weichen auf Bundesebene gestellt würden. In der Familie gibt es keine Politiker, aber «darüber geredet und geschimpft haben wir immer».

Er will nicht das Benzin, sondern die Autos höher besteuern

Was hat ihn angestachelt? Kein spezielles Vorkommnis, sagt er, sondern: «Meine Kinder, für die tue ich das, sie sind die nächste Generation.» Die beiden Buben im Vorschulalter, das Mädchen in der zweiten Klasse, sind sie noch zu jung, um dem Vater etwas auf den Weg zu geben. Doch die Klimajugend beschäftigt ihn, «sie sollte man in der Klimapolitik unbedingt einbeziehen». Trotzdem hält er wenig von Verboten, sondern hofft auf «Forschen und Entwickeln», etwa von neuen Brennstoffen, da müsse man statt mit der europäischen Autoindustrie «vielleicht mit den Chinesen zusammenspannen». Klar ist, wo er steuerlich ansetzen würde: «Wir müssen nicht den Most, sondern die Schlitten höher besteuern.» Dabei würde er selber schmerzhaft zur Kasse gebeten:

«Mein Porsche Cayenne müsste kosten
wie die Sau.»

Eigenwillig auch Ruschs Ideen zur Landwirtschaftspolitik. Als Bio-Bauer und Natura-Beef-Produzent tut er einiges für die Nachhaltigkeit: zehn Prozent Ökofläche, keinerlei Gifteinsatz, später Schnitt zugunsten der Biodiversität, so mähte er dieses Jahr erstmals Ende Mai, «weitherum als L etzter». Kein Mitglied im Bauernverband, würde Rusch die Landwirtschaft «um 180 Grad kehren» und als erstes die Direktzahlungen abschaffen, «jedenfalls in der gegenwärtigen Form mit Giesskannenprinzip und flächenmässigen Anteilen». Statt hoch subventionierter Betriebe fordert er wirtschaftlichere und nachhaltigere Strukturen, etwa mit Zusammenschlüssen von Höfen und Mitteln. Allein mit dem Grundsatz «Jedes Ding an seinem Ort» könnte vieles verbessert werden, sagt er und meint auch den eigenen Betrieb: «Die Mutterkuhhaltung gehört ins Berggebiet.»

Genug der Landwirtschaft, Rusch versteht sich nicht als Bauernpolitiker und wähnt seine Wählerschaft eher im Publikum des Stadtlokals. Das steuerte die meisten der 200 Unterschriften bei, die er für seine Kandidatur benötigte. «Neudenken», da ist es wieder, will er in der Gesundheitspolitik, wo er für die Einheitskasse eintritt. Und die Armee gehöre «in dieser Form abgeschafft», er sieht keinen Bedarf fürPanzer, Flugzeuge und sonstige vergangene Waffen, vielmehr brauche es «eine Art Bundes-Security mit Grenzwacht, Polizei, Terrorismus-Abwehr...» Die Schweiz könne Vorreiterin «gegen die besorgniserregende Aufrüstung» sein und aussenpolitisch auf Freundschaften setzen – verstärkt im Efta-Verbund, und «warum nicht mit China, Russland und dem Iran?»

Linke und rechte Anliegen ohne Rücksicht auf Parteilinien

«Ziemlich links», wie er meint, auch seine Forderung nach einer Art Pauschalvergütung für Sozialfälle, ähnlich dem Grundeinkommen. Doch der angebliche Linksdrall hat rechte Untertöne: Die Pauschale soll «den Steuerzahler vor dem mehrfachen Bezahlen verschonen» und die «Sozialindustrie» bändigen. Nein, auf Seiten der «Verschenker-Linken», wie er sie nennt, sieht sich Rusch nicht. Von den bürgerlichen Parteien komme auch keine in Frage, sagt Katholik Rusch, die CVP «ohne Linie», die FDP «zu konzernfreundlich», die SVP «ständig am Blockieren». Obwohl es eine SVP-Initiative war, die ihm den «Deckel lupfte» – will heissen die Nicht-Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative: «Unglaublich, wie der Mehrheitswille der Menschen in diesem Land nicht befolgt wurde.» Dabei gehe es ihm nicht darum, «ob die Initiative richtig oder falsch war», wie er beteuert. «Ich wüsste nicht mal mehr, was ich gestimmt habe.»

Was ihm an der SVP zuwider ist, erlebte er kürzlich an einem ihrer Stammtische in Wil: «Sie schimpften nur über Ausländer, das hält man nicht aus.» Unverständlich für ihn, schon wegen seinem «super Multi-Kulti-Team» im Restaurant, mit Personen aus Burma, Thailand, Sri Lanka oder Ungarn.

Beeindruckt von Helmut Schmidt, Duttweiler und Spuhler

Wenn der sich hartnäckig allen Parteien entziehende «Pflug» doch eine Listenverbindung eingehen müsste? Mit den Parteifrei-SG-Leuten habe es Kontakt gegeben – ergebnislos. Rusch wäre angesichts seiner linken und rechten Positionen in jeder existierenden Partei ein Abweichler und würde in der Fraktion untergehen. Fühlt er sich eher Bewegungen zugehörig, wie den französischen «Gilets Jaunes», gibt es ein politisches Buch, das ihm gleichsam Bibel wäre? Rusch lacht und schüttelt den Kopf.

«Ein Neudenker kann sich nicht auf Traditionen berufen, weil es das neue Denken noch nicht gibt.»

Vorbilder zu nennen fällt ihm hingegen leicht, drei nennt er ohne zu zögern: Helmut Schmidt, der populäre SPD-Bundeskanzler, Gottlieb Duttweiler, Migros-Gründer und LdU-Nationalrat, Peter Spuhler, Zugbauer und SVP-Nationalrat. Eine schöne Auswahl, und schon ist er beim nächsten Thema: «Vergoldeter Strafvollzug und Kuscheljustiz, da muss etwas gehen.» Statt den «verfilzten» Anwälten und Richtern schwebt ihm ein Geschworenengericht vor, «zum Beispiel ein Dreier-Gremium mit nur Frauen». Eben, «Neudenken», schmunzelt er. Der Einzelkämpfer Rusch lebt mit vielen Widersprüchen. Aber damit unterscheidet er sich noch nicht von vielen Nationalräten der grossen und kleinen Parteien.

Solisten mit Achtungserfolgen

Im Wahljahr 2019 ist Stefan «Der Pflug» Rusch die einzige Einzelmaske unter den 25 St. Galler Listen für den Nationalrat. Er will nach eigener Aussage «das Prozedere einmal durchspielen» und rechnet sich realistischerweise keine Chancen aus. Vergleichswerte liefern die Stimmen der drei Einzelkandidaten, die 2015 antraten: Die frühere Wiler SVP-Frau Sarah Bösch («Das Original») erzielte 4547 Stimmen, Marcel Giger («Amden parteilos») brachte es auf 2905, und für Ignaz Bearth, einziger verbliebener Name auf der Liste seiner rechtsextremen Direktdemokratischen Partei Schweiz (DPS), resultierten 2329 Stimmen. Bestenfalls darf ein Einzelkämpfer mit einem Achtungserfolg rechnen. Oder einem regionalen Sensationsresultat, wie es 2003 der 19-jährige Lukas Sterren aus Wattwil mit seiner Liste «Mutig und innovativ, Einer für alle» schaffte: Mit 3385 Stimmen stach der Maturand, der sich selbst «irgendwo zwischen FDP und SP» verortete, manchen Kandidaten einer etablierten Partei aus.

Dass Rusch 2019 als einziger St. Galler Solist antritt, ist mit Blick auf die vergangenen Wahljahre nichts weiter als ein Zufall. Nachdem 1999 noch keine Einzelliste verzeichnet wurde, waren es 2003 zwei und 2007 sogar vier Einzelkandidaturen: Edith Zellweger («Tierschutz ist Menschenschutz») zum zweiten Mal, dazu Alice Egger («Für Kinder und Jugend»), Heiner Rietmann («Die Ostschweizer Partei DOP») und Hubert Zeis («Für unabhängige Ideen und Lösungen in der Politik»). Ein zunehmender Trend? Nein, denn vier Jahre später gab es wiederum keine einzige Einzelliste.

Während viele Solisten wieder von der politischen Landkarte verschwinden, liessen zwei Kandidaten von 2007 nicht locker: Die Eggersrieter Bäuerin Alice Egger gründete 2009 die kantonale BDP, und der Erfinder und Unternehmensberater Hubert Zeis kandidierte mehrfach (erfolglos) für ein Amt in Rapperswil-Jona, zuletzt 2016 fürs Stadtpräsidium. Dass Einzelkämpfer sich später einmal einer Partei anschliessen, ist die Ausnahme. Gängiger ist der umgekehrte Weg – siehe Sarah Bösch. (mel)

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