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Interview

Polit-Experte Hanspeter Trütsch:
«Es wird nie so viel gelogen wie im Vorfeld von Bundesratswahlen»

Er war die Stimme der SRF-Bundeshausredaktion, seit Februar ist er pensioniert. Der St. Galler Hanspeter Trütsch weiss, wie der Hase im Politbetrieb der Bundesstadt läuft.
Bruno Scheible, Andreas Ditaranto
Der langjährige Bundeshauskorrespondent Hanspeter Trütsch. (Bild: Benjamin Manser)

Der langjährige Bundeshauskorrespondent Hanspeter Trütsch. (Bild: Benjamin Manser)

Seit einem halben Jahr sind Sie pensioniert. Haben Sie Entzugserscheinungen, fehlt Ihnen der Parlamentsbetrieb? Oder geniessen Sie ganz einfach das Leben abseits des Politbetriebs?

Hanspeter Trütsch: Es ist von allem ein bisschen. Natürlich, ich habe ein Stück weit Entzugserscheinungen. So habe ich beispielsweise die Wohnung in Bern immer noch und bin in der Regel einmal pro Woche in Bern, war aber seit meinem letzten Arbeitstag am 31. Januar nicht mehr im Bundeshaus. Ich habe alles von aussen betrachtet.

Wurde als Co-Autor für ein Buch über Toni Brunner angefragt: Hanspeter Trütsch.

Wurde als Co-Autor für ein Buch über Toni Brunner angefragt: Hanspeter Trütsch.

Es gäbe sicherlich Anekdoten zuhauf aus Bundesbern, die Sie in einem Buch schildern könnten und das auf Interesse stiesse – gibt es entsprechende Pläne?

Nicht in Richtung Anekdoten, jedoch habe ich erst kürzlich zwei Anfragen für andere Buchprojekte erhalten. Zum einen geht es um Wanderbücher – weil ich in einer Radiosendung sagte, ich sei ein passionierter Wanderer. Bei der anderen Anfrage geht es um ein Porträt über einen Ostschweizer Politiker, den ich seit seiner Wahl in den Nationalrat intensiv verfolgt habe.

Müssen wir raten?

Er stammt aus dem Toggenburg.

Toni Brunner?

Ja. Es wurden verschiedene Autoren angefragt. Ich wäre einer der Co-Autoren, der seine Herkunft, seine politische Vergangenheit im Kanton St. Gallen zu beschreiben hätte.

«Operative Hektik kompensiert den geistigen Stillstand, besagt ein Bonmot. Wir rennen von Thema zu Thema, ohne die wirklich brennenden Probleme des Landes zu lösen.»

Sie überschauen Bundesbern. Was hat sich im vergangenen Vierteljahrhundert geändert?

Nun, ein Bonmot besagt, operative Hektik kompensiere den geistigen Stillstand. Wir rennen von Thema zu Thema, ohne die wirklich brennenden Probleme dieses Landes zu lösen, wie etwa die Kosten im Gesundheits­wesen oder das KVG. Wir haben auch keine Lösung bei der AHV. Man diskutiert über Zweit- und Drittrangiges. Es muss wieder mehr Substanz in die Politik, damit die realen Probleme des Landes gelöst werden. Denn dafür sind die Leute, die in Bern sitzen, gewählt, und nicht, um sich irgendwelche Schaukämpfe zu liefern wie zuletzt über die Selbstbestimmungs-Initiative, die ohnehin chancenlos ist.

Es scheint, der Umgangston in den Debatten ist ruppiger geworden, die Polarisierung hat zugenommen. Wie haben Sie diese Entwicklung erlebt?

Ich habe die Debatten früher, als sie noch nicht so steif organisiert waren, lebhafter und dynamischer empfunden. Heutzutage sind die taktischen Spiele das Problem: Wir haben im Nationalrat sogenannte organisierte Debatten, in welchen die Redezeit auf die Anzahl Parlamentarier beziehungsweise Fraktionen verteilt wird. Dann schreiben sich beispielsweise 83 Parlamentarier ein, und darunter gibt es Redner, die einfach reden, damit sie gesprochen haben, obwohl sie nichts zu sagen haben. Das ist ein Schau­laufen, das man abstellen müsste.

«Ich habe die Debatten früher lebhafter und dynamischer empfunden. Heutzutage sind die taktischen Spiele das Problem.»

Welche Bundesräte haben Sie während Ihrer Zeit als Bundeshausredaktor beeindruckt?

Ich habe viele Bundesräte sehr eng und nahe erlebt, ohne mit ihnen auf Du und Du zu sein. Kurt Furgler habe ich zu Beginn meiner Berufszeit als eine sehr starke, autoritäre Persönlichkeit kennen gelernt. In jüngerer Zeit beeindruckten mich Pascal Couchepin, ein Querdenker auch in der eigenen Fraktion, oder Moritz Leuenberger, ein Schöngeist, der dem Gremium gut getan hat. Ich möchte aber niemanden auf den Schild heben, alle haben ihre Qualitäten. Ich bin beeindruckt, was eine Bundesrätin oder ein Bundesrat heute an zeitlicher Verfügbarkeit leisten muss. Das ist «Service public» im besten Sinne.

«Ich bin beeindruckt, was ein Bundesrat heute an zeitlicher Verfügbarkeit leisten muss. Das ist Service public im besten Sinne.»

«Die Ostschweiz braucht wieder einen Bundesrat!», postulierten Sie an einer Veranstaltung. Ist diese Forderung so zwingend?

Ich denke, dass die Ostschweiz von ihrer Bedeutung, von der Grösse, der Bevölkerungszahl und auch von der Grenzregion her Anspruch auf einen Bundesratssitz hat. Sie braucht wieder eine Stimme in Bern. Das Problem der Ostschweiz ist, dass sie schwer zu definieren ist: Wo beginnt sie und wo hört sie auf. Zudem ist die Ostschweiz in sich nicht geschlossen. Wir haben in letzter Zeit auch das Nein-Sager-Image bekommen – das Nein zur Expo etwa hat man in der übrigen Schweiz stark zur Kenntnis genommen.

Bundesrätin Karin Keller-Sutter? Für Hanspeter Trütsch sind ihre Chancen sehr intakt.

Bundesrätin Karin Keller-Sutter? Für Hanspeter Trütsch sind ihre Chancen sehr intakt.

Welche Chancen geben Sie der St. Galler Ständeratspräsidentin Karin Keller-Sutter, falls Bundesrat Johann Schneider-Ammann wie erwartet dieses Jahr zurücktreten sollte?

Ihre Chancen sind sehr intakt. Aber Bundesratswahlen sind unberechenbar. Es wird nie so viel gelogen wie im Vorfeld von Bundesratswahlen. Jeder sagt über den anderen nur das Beste, und hintenherum hört man Kritik.

Zuletzt noch dies, es wurde eingangs erwähnt: Sie sind ein leidenschaftlicher Wanderer. Welche Tour empfehlen Sie unseren Leserinnen und Lesern?

Gerade an heissen Sommertagen ist die Wissbachschlucht zwischen Degersheim und Gossau ein echter Geheimtipp für jene, die etwas Abkühlung suchen. Zudem laden viele schöne Feuerstellen zum Verweilen ein.

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