POLAROID: Macht-Mechaniker aus Wartau

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Gemeindepräsidenten im Kanton St.Gallen haben anständige Löhne. Das wissen wir spätestens seit dem grossen Lohnvergleich der St.Galler Medien vor einer Woche. Und seither wird auch leidenschaftlich über einzelne Saläre diskutiert. Beispielsweise über jenes von Beat Tinner, Gemeindepräsident von Wartau. Tinner arbeitet zwar nur im 80-Prozent-Pensum. Mit einem Jahreslohn von 178'000 Franken und 14'000 Franken Spesen verdient er aber mehr als diverse Amtskollegen mit Vollpensum. Dass Tinner seinen Lohn widerstandslos offenlegte, war einigermassen überraschend. Vom Öffentlichkeitsgesetz hält er nämlich nicht viel. Als im September 2015 im Thurgau ein ähnliches Gesetz zur Debatte stand, diktierte Tinner der Journalistin: «Ich empfehle dem Thurgau, das Gesetz nicht einzuführen. Damit öffnet man Journalisten und Querulanten Tür und Tor, um Verwaltungen zu beschäftigen.» Sätze, die für Dorfkönige und andere kommunale Halb-Autokraten typisch sind. Tinner ist aber kein klassischer Gmeindsmuni, das Grobschlächtig-Joviale geht ihm ab. Seine Auftritte haben etwas Blass-Nüchternes, schon fast Priesterseminarhaftes. Dabei ist Tinner, Jahrgang 1971, ein mit allen Wassern gewaschener Mechaniker der Macht. Seit zwei Jahrzehnten sitzt er in Wartau fest im Sattel, zwölf Jahre war er Präsident der einflussreichen Gemeindepräsidenten-Vereinigung. Nebenbei redet er als Vizepräsident beim halbstaatlichen IT-Unternehmens VRSG mit und führt im Kantonsrat die FDP-Fraktion. 178'000 Franken Jahreslohn? Den Wartauern muss Tinner das Geld allemal wert sein. (ar)