«Plötzlich hat der Dialekt etwas Kultiges»: Die St.Galler hocken nicht mehr aufs Maul

Lange galt die St.Galler Mundart als Unart, nun erklingt der Dialekt mit einem selbstbewussten Unterton.

Noemi Heule
Drucken
Teilen
Das Monopoly im St.Galler Dialekt war innert weniger Monate ausverkauft.

Das Monopoly im St.Galler Dialekt war innert weniger Monate ausverkauft.

Bild: Benjamin Manser

Gruusig oder chaibe schö? Die Meinungen zum St.Galler Dialekt sind gemacht. Gruusig, lautet das Urteil in der restlichen Schweiz und auch die St.Galler selber sind bisweilen bescheiden bis beschämt, wenn es um ihre Mundart geht.

Garstig, grell, schrill, spitzig, giftig, bestenfalls zackig. So lauten weitere Werturteile, die am St.Galler Selbstwert kratzen wie Fingernägel auf einer Schiefertafel – ein Geräusch mit dem der St.Galler Dialekt zuweilen verglichen wird. Als wäre das nicht Qual genug landet er auch noch regelmässig auf den hintersten Rängen, wenn die Schweizer Dialekte nach ihrem Wohlklang bewertet werden. Zuletzt untersuchte eine Studie der Uni St.Gallen im Dezember Urteile und Vorurteile der Bevölkerung gegenüber 16 Schweizer Städten. Wenig überraschend war St.Gallen Schlusslicht punkto Dialekt.

Ohalätz, könnte man da denken. Doch die St.Galler haben aufgehört, kleinlaut zu sein, sondern begegnen der immer gleichen Schmach mit neuem Selbstbewusstsein. Ob Spiele- oder Liedermacher, die St.Galler hocken nicht mehr aufs Maul.

Kein Bündner Naturbursche, kein gemütlicher Berner Geselle

Im November erschien zum ersten Mal die Monopoly-Version «Sanggalä». Im Dialekt wird das Brettspiel zum «Spiil um dä gross Diil». Hat jemand eine «Brodwurscht mit Senf gässä», muss er eine Strafe zahlen, zahlen muss man auch, wenn es heisst: «D’Chrankäkassä isch türär wordä.» Die Version für die Stadt St.Gallen ist nach Bern, Basel und Luzern die vierte in Mundart. Und für die Spielemacher die Tüpfli auf dem Ü: Die 3000 Exemplare der limitierten Version waren ruckzuck ausverkauft.

Für die Übersetzung sei ein namhafter Experte engagiert worden, sagen die Spielemacher aus Liechtenstein. Hinter den vielen Äs, Ös und Üs steckt Ralph Weibel. Der Poetry-Slamer, Satiriker beim «Nebelspalter» und Mundart-Schriftsteller hielt die ungeschriebene Grammatik nach seinen eigenen Regeln fest. Das Ä sei authentisch, begründet er die vielen Umlaute. Er verstehe, wenn der kopfstimmige Dialekt nicht gefällt, sagt der ehemalige Radiomacher – «nicht ohne stolz darauf zu sein». Den Bonus des Bündner Naturburschen oder des gemächlichen Berner Gesellen habe der St.Galler nicht. «Er sei lustig, trotz seines Dialekts», hört Weibel jenseits der Kantonsgrenzen oft. Er selbst fasst es so zusammen:

«Der St.Galler Dialekt tönt wie Hip-Hop, Berndeutsch wie Walzer.»
Ralph Weibel über den St.Galler Dialekt.

Ralph Weibel über den St.Galler Dialekt.

Bild: PD

Dass St.Gallerdeutsch ortsfremden Ohren nicht schmeichelt, liegt laut Ralph Weibel aber nicht nur an der Melodie der Mundart, sondern auch an der Ignoranz im Land. «Viele kennen St.Gallen schlicht nicht», sagt er. Und was man nicht kenne, sei suspekt. Wie im Jura komme man auch in St.Gallen nicht einfach so vorbei, St.Gallen liege nicht am Weg. Oder wie es die SBB jeweils über Lautsprecher verkündet, wenn der Zug in St.Gallen einfährt: «Dies ist die Endstation dieses Zuges».

Ein Vorkämpfer, der keiner sein will

Sind die St.Galler tatsächlich stolz auf ihre verlachte Aussprache? Oder ist das neue Selbstbewusstsein nur die Arroganz, derjenigen, die einen Minderwertigkeitskomplex kompensieren? Stolz sind die St.Galler sicherlich auf ihren derzeit meist zitierte Vorsprecher: Manuel Stahlberger, Namensgeber der gleichnamigen Band. Immer wieder fällt der Name, wenn es um den Dialekt geht. Er hat denn auch geschafft, was zuvor nur Trudi Gerster gelang, die das St.Gallerdeutsch mit märchenhafter Note in die Schweizer Kinderzimmer trug: Er hat den Dialekt positiv besetzt. «Stahlberger adelt den St.Galler Dialekt zur poetisch skurrilen Kunstsprache», schrieb diese Zeitung einst über den Sänger, Texter, Kleinkünstler und Comiczeichner. Und plötzlich wird die Mundart ausserhalb St.Gallens mit Adjektiven wie schön oder fein geschmückt. Stahlbeger selbst sagt gewohnt nonchalant und fadegrad: 

«Ich habe mir nie viele Gedanken über den Dialekt gemacht – ich habe halt nur diesen einen».

Er mache den Leuten ein Angebot, sagt er, der noch bis November als Kabarettist durch das Land tourt:

«Und sie zahlen ja noch Geld dafür».

Obwohl: Zu Beginn seiner Karriere machte sich auch Stahlberger sehr wohl Gedanken zum Dialekt. Als Teil des Duos Mölä & Stahli überraschte er in breitem Berndeutsch. «Es war eine Verkleidung, ein Jux», sagt er heute. Mit der Sprache sei er in eine fremde Rolle geschlüpft. «Englisch war die Sprache der Rockmusik, Berndeutsch die Mundart der Liedermacher.»

Erst mit seinem zweiten Duo Stahlbergerheuss legte er den verbalen Schutzschild ab und sang erstmals in seiner Muttersprache. Und konnte auf keine Referenz zurückgreifen; als einziges Vorbild nennt er den mittlerweile verstorbenen Schaffhauser Liedermacher Dieter Wiesmann. Er habe den Dialekt zuerst zähmen und «zrecht büschelen» müssen, damit er singbar wurde, sagt Stahlberger. Jene, die nach ihm kamen, geben nun ihn als Referenz an. Dennoch: 

«Ich sehe mich nicht als Vorkämpfer für den St.Galler Dialekt.»
Manuel Stahlberger über die Sprache.

Manuel Stahlberger über die Sprache.

Bild: Benjamin Manser

Mit Punk-Interpreten gegen das Bünzli-Image

In seinem Windschatten eroberte etwa das Popduo Dachs die Schweizer Bühnen, das sich nicht zuletzt mit der neusten Platte «Immer schö lächlä» aus diesem Schatten löste. Sebastian Bill, der sich selber Mundart-Troubadour nennt, blieb zwar vorwiegend auf Stadtsankgaller Boden. Er beruft sich aber ebenfalls auf Stahlberger, der in dazu anspornte, statt auf Englisch auf Mundart zu singen.

Auch Marius Tschirky nennt Stahlberger einen Vorreiter, der den Dialekt salonfähig gemacht habe. Zusammen mit Jack Stoiker und seiner Band Knöppel, die den St.Galler Dialekt in trashigen Punk mit vorpubertärem Text verpackt – und damit in der ganzen Deutschschweiz punktet. Stoiker wurde nicht zuletzt zur Ikone, weil seine kernige Sprache so gut zum kernigen Sound und zur markigen Person passt. Marius Tschirky, der mit der seiner Jagdkapelle ein viel jüngeres Publikum anspricht, sagt:

«Plötzlich hat der St.Galler Dialekt etwas Kultiges.»
Marius Tschirky über die Vorreiter des St.Galler Dialekts

Marius Tschirky über die Vorreiter des St.Galler Dialekts

Bild: PD

 Zuvor habe dem Dialekt etwas Bünzlihaftes angehaftet, mit Exponenten wie Kurt Furgler oder Kliby und Caroline. Auch Tschirky startete einst mit englischem Rock, wechselte auf Hochdeutsch bis er sich auf Mundart getraute. «Wie füdliblutt auf der Bühne» habe er sich gefühlt. Auch für Kinderpoplieder eigne sich der St.Galler Dialekt besonders, denn man könne «so schön blöd tue».

Der Experte nimmt die Euphorie

Der Dialektforscher Martin Graf vom Schweizerischen Idiotikon bremst diese Euphorie. Er hat eine gute und eine schlechte Nachricht für die St.Galler. Die Gute: Sie reden gar nicht gruusig. Die Schlechte: Ihr Dialekt wird den Ruf als Stiefkind in der Schweizer Mundartlandschaft dennoch kaum los.

«Dass die Ostschweizer Dialekte negativ aufgenommen werden, hat aussersprachliche Gründe», sagt der im Thurgau wohnhafte Sprachwissenschaftler. Klangästhetisch gibt es nichts, was den St.Galler Dialekt diffamieren würde. Die hellen Vokale – die ihm die Beiworte spitz oder grell einbrachten – hat auch das Italienische, dem niemand seine Grandezza absprechen würde.

Gerne wird auch über das Näselnde genölt, während niemand den Charme des Französischen anzweifeln würde – dem nasalen Klang zum Trotz. Untersuchungen mit Fremdsprachigen haben denn auch gezeigt. Ob Berner, Bündner oder St.Galler ist für Zuhörer aus Paris oder Cambridge Hans wie Heiri.

Weshalb also gilt die St.Galler Mundart andernorts als Unart? Martin Graf sagt: 

«Der Blick nach Osten ist immer ein abwertender Blick.»

Die Westdeutschen witzeln über die Ossis, die Schweizer über die Österreicher, diese wiederum veralbern die Burgenländer an der Grenze zu Ungarn. Graf sucht den Grund in der Antike. Ob Perser oder Hunnen, was aus dem Osten kam, war generell unerfreulich – und dieser Beigeschmack blieb. Hässliche Viertel werden in englischen Städten als «East End» bezeichnet, egal, ob sie tatsächlich im Osten liegen oder nicht.

Da helfen also auch keine erfolgreichen Dialekt-Exporteure wie Stahlberger, Jack Stoiker und Co. Ohnehin sagt der Experte: «Sobald eine Person bekannt ist, wird sie nicht mehr unbedingt als Trägerin des Dialekts wahrgenommen.» Manuel Stahlberger steht nicht stellvertretend für St.Gallen, sondern ist einfach Stahlberger.

Wie Ralph Weibel sieht Graf den Grund auch darin, dass St.Gallen vielen einfach unbekannt ist. Die Dialekte grosser Städte oder Tourismusregionen hatte jeder schon einmal in den Ohren – entsprechend wächst die Sympathie nicht nur für die Stadt, sondern auch für ihre Mundart. Die St.Galler Stimmen können also Stadt und Kanton immerhin in der Restschweiz bekannter machen. Und zeigen, dass das «East End» mehr ist als die Endstation des Zuges von Genf nach St.Gallen.

Mehr zum Thema