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PLATZGESTALTUNG: Bauspiele am St. Galler Marktplatz

Die Stadt St.Gallen tut sich schwer mit der Aufwertung ihres Marktplatzes. Zwei Anläufe sind gescheitert, nun werden neue Ideen diskutiert. Eine Wirtschaftsgruppe träumt von einer Piazza und will dafür Gebäude verschieben – die Vision ist schon älter.
Marcel Elsener
Steht einer Piazza vor dem Amtshaus (links) im Weg: das 1934 gebaute Bankgebäude am St. Galler Marktplatz. (Bild: Urs Bucher)

Steht einer Piazza vor dem Amtshaus (links) im Weg: das 1934 gebaute Bankgebäude am St. Galler Marktplatz. (Bild: Urs Bucher)

Marcel Elsener

marcel.elsener@tagblatt.ch

Dritte Auflage einer leidigen Planungsgeschichte: Nach den gescheiterten Abstimmungen von 2011 und 2015 nimmt die Stadt St.Gallen einen neuen Anlauf zur Neugestaltung ihres zentralen Innenstadtraums mit Marktplatz, Bohl und Blumenmarkt. Wie schon für das Areal Bahnhof Nord (Fachhochschule), sollen in einem partizipativen Verfahren neue Ideen gefunden und strittige Fragen geklärt werden; ein erstes Forum hat im ­Januar stattgefunden, das zweite ist für Ende April angekündigt. Breiter Konsens herrscht darüber, dass es einen Korridor für den öffentlichen Verkehr braucht (die Haltestelle Bohl ist die zweitwichtigste in der Agglomeration) und dass der Platz autofrei und vielfältig belebt sein soll. Zwei gewichtige Steine des Anstosses scheinen ausgeräumt: Die Wartehalle Calatravas auf dem Bohl bleibt unangetastet, und eine Parkgarage am Schibenertor wird wohl nicht gebaut (wobei die Bauherrschaft gegen die nicht erteilte Baubewilligung der Stadt rekurriert).

Über Städtebau reden statt über Bänke und Bushäuschen

Platz frei für einen städtebaulichen Wurf? Es wäre an der Zeit, meint die Wirtschaft Region St.Gallen (WISG) und lanciert einen frechen Vorschlag: In ihrer «Vision Marktplatz+», als Faltblatt in alle Haushaltungen verteilt, fordert sie beim Vadian-Denkmal einen «neuen, grossen und nach Süden ausgerichteten Marktplatz». Zu diesem Zweck sollen die Gebäude von Acrevis-Bank und Restaurant Marktplatz nordwärts verschoben werden, hin zur ÖV-Strasse, quasi aus dem Weg geräumt. Kein Witz, sondern Anstoss für eine «Diskussion auf der richtigen Ebene», wie WISG-Präsident David Ganz sagt. Statt in der Bratwurst-Bürli-Bier-Stadt weiterhin über das «Triple-B der Bänkli, Bushüsli, Bäumli» zu reden, müssten die St. Galler klären, was sie von ihrem Marktplatz erwarten und was darauf stattfinden soll. Ihre Vision einer geschlossenen Piazza nach dem Vorbild italienischer Städte wie Siena – «maximale Idealvariante» – unterstreicht die WISG mit Bildern aus Basel oder Paris, die Gestaltungen anregen sollen, wie attraktive Fussgängerwege zum künftigen Campus der Universität am Platztor.

Die klotzigen Bauten, die den Marktplatz durchschneiden, zu verschieben ist buchstäblich eine verrückte Vorstellung. Bei den Eigentümern von Bank und Beiz (Brauerei Schützengarten) hat die Vision Heiterkeit ausgelöst: «Sagt uns dann früh genug, wenn es losgeht, damit es uns beim Transport nicht von den Stühlen fegt», lacht Hugo Lo­retini, stellvertretender Geschäftsleiter der Acrevis. Ernsthaft kann er sich eine Hausversetzung nicht vorstellen; die Bank hat vor einem Jahr ihre Kundenhalle umgebaut und vor acht Jahren die Büros im zweiten und dritten Stock renoviert; manches stehe unter Schutz.

Jedoch trifft die Vision einen wunden Punkt der Stadtentwicklung: Das Bankgebäude – früher CA – steht nicht irgendwo am Marktplatz. Vielmehr nimmt der neuklassizistische Bau von 1933/34 den Platz des früheren Rathauses ein, das 1877 nach heftigen Debatten abgebrochen wurde. «Ein solches Gebäude einfach so nach Lust, Laune, Sonne und Pizza zu verschieben entspricht nicht einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Städtebau», sagt der Kunsthistoriker Peter Röllin, der das Grundlagenwerk zur Stadtveränderung St.Gallens im 19. Jahrhundert geschrieben hat. Dort lässt sich das Dafür und Dawider einer Bebauung des Marktplatzes nachlesen, in mancher Hinsicht eine Vorwegnahme der aktuellen Debatte. «Viel hundert Jahr versperrt uns schon das Rahthaus dorten quer die Gasse, doch wenig Jahre wird’s noch gehen, wird endlich frei auch uns’re Strasse», hiess es 1874 auf einer Umzugsinschrift. Auf der andern Seite schimpfte der Architekt Eugen Faller 1899 in seiner Studie zum Rathausneubau, dass die Marktgasse nach dem Abbruch «gestaltlos» wirke – sie ähnle «einem grossen Dorfplatz, eine Missgeburt». Heute sei das Problem am wieder überbauten Platz weniger das Gebäude Marktplatz 1, sondern dessen Nutzung, meint Röllin. «Die hohen Räume am zentralsten Ort der Stadt wären prädestiniert für ein Grand Café mit drei Platzseiten. Der schöne Arkadenraum wirkt abstossend leer.»

Clericis Entwurf für Stadthalle, Bankneubau und Bibliothek

Die Idee, Gebäude zu verschieben (oder gar abzubrechen) und damit den Marktplatz neu zu definieren, findet bei Fachleuten Gehör. «Sehr interessant» findet etwa Kantonsbaumeister Werner Binotto den Anstoss und erinnert an frühere Pläne für neue Gestaltungen dieses ­Innenstadtraums mit öffentlichen Gebäuden. Eine bestechende Vision für die gegenwärtigen Fragestellungen wurde 1986 im alten Lagerhaus ausgestellt: die Diplomarbeit des St. Galler Architekten Bruno Clerici an der Kunstakademie Düsseldorf unter Professor James Stirling, dem britischen Meisterarchitekten.

Bruno Clerici wertet in seiner Arbeit «Stadthalle am Marktplatz» den unklaren, vom Verkehr beeinträchtigten Platz auf – als bürgerlichen Gegenpol zum ruhigen Klosterplatz. Am Ort der Rondelle entwirft er eine Stadthalle mit offenem Marktbetrieb im Untergeschoss, einem Restaurant im ersten und einem Saal für Veranstaltungen im zweiten Stock; den Kernpunkt der Anlage bildet ein Turm mit Aussichtsplattform (Belvedere). Das «Marktplätzli» fände hier Platz, die ebenfalls abgebrochene Bank käme in Neubauten am Blumenmarkt, angeschlossen ans Union-Gebäude. Nebenbei skizziert Clerici am Ort des früheren Stadttheaters und heutigen McDonalds-Gebäudes einen runden Bibliotheksbau.

Hochaktuelle Pläne, die der Architekt nun wieder aus der Schublade gezogen hat. An diesen zentralen Ort gehöre zwingend ein Gebäude mit öffentlicher Nutzung, meint er. Von einer Bibliothek war tatsächlich schon einmal die Rede: Im Projekt «KuBi» wurde 2007 für die Kantonsbibliothek auch das Union-Gebäude mit Anbau auf dem Blumenmarkt geprüft. Möglich, dass die Idee als Alternative zur Bibliothek in der Hauptpost (die sich als Schulstandort anbietet) nach dem Ende der Tiefgaragenpläne wieder aufs Tapet kommt. Es ist wirklich höchste Zeit, dass St.Gallen rund um den Marktplatz seinen Städtebau diskutiertAABB22– grössere Schübe, Ab- und Aufbrüche anstelle von Bänkli, Büshüsli, Bäumli.

Im Sommer wird eine geschützte Villa am Rosenberg verschoben

Die Verschiebung von Gebäuden am St.Galler Marktplatz erscheint unwahrscheinlich, doch technisch wäre das Vorhaben machbar. Und es wäre nicht die erste Hausversetzung in der Stadt: Diesen Sommer wird die Villa Jacob, ein historischer Kunkler-Bau am Rosenberg, um 25 Meter verschoben. Aus diesem Grund hat man in diesen Wochen Fahrzeuge der auf Gebäudeverschiebungen spezialisierten Innerschweizer Firma Iten in der Stadt gesichtet. Die denkmalgeschützte Villa macht einem Betagtenheimneubau der Gemeinnützigen Gesellschaft St.Gallen (GHG) Platz. Die Verschiebung des 2700 Tonnen schweren Baus kostet über eine Million Franken und ist heikel: Eine Hausecke steht auf dem abgestützten Bereich des Schorentunnels, der keineswegs zusätzlich belastet werden darf.

Die spektakulärste Gebäudeverschiebung in jüngster Zeit war die «Züglete» des früheren Direktionsgebäudes der Maschinenfabrik Oerlikon: Der 6200 Tonnen schwere Backsteinkoloss wurde im Mai 2012 um 60 Meter versetzt, damit der Bahnhof für die Zürcher Durchmesserlinie erweitert werden konnte. Schweizer, wenn nicht weltweite Rekorddimensionen einer Versetzung, und natürlich ein Fall für Iten: Die Morgarter Firma hat seit ihrer Gründung 1953 schon über 350 Bauten verschoben, darunter Mehrfamilienhäuser, Kirchen, Brücken und sogar den Teufelsstein.

In der Ostschweiz waren Itens Spezialisten zuletzt ebenfalls 2012 gefragt: In Arbon musste der schützenswerte Altstadtbau Breitehof wegen der neuen Linienführung der Kantonsstrasse um neun Meter verschoben werden. Das Versetzen von Häusern sei im Thurgau «keine exotische Lösung mehr, sondern eine oft praktizierte Alternative zu einem Abriss», sagte damals der kantonale Strassenbau-Projektleiter; der Breitehof war bereits die fünfte Hausversetzung, die er begleitete. Weitere Haustransporte in der Region fanden etwa in Bottighofen, Siegershausen, Speicher und Teufen statt. In St.Gallen ist ausserdem die Verschiebung eines Einfamilienhauses am Rosenberg (1971) zu nennen. (mel)

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