Platz für Loben und Murren

OBERBÜREN. Die Äbtissin des Klosters St.Gallenberg, Schwester M. Bernarda, hat am Freitag ihre Amtsinsignien abgelegt – im Alter von 72 Jahren. Nach 25 Jahren übergibt sie das Amt an eine Mitschwester, die in den nächsten Wochen gewählt wird.

Sabine Rüthemann
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Die langjährige Äbtissin des Klosters St. Gallenberg, Schwester M. Bernarda Meile, hat ihr Amt niedergelegt. (Bild: Sabine Rüthemann)

Die langjährige Äbtissin des Klosters St. Gallenberg, Schwester M. Bernarda Meile, hat ihr Amt niedergelegt. (Bild: Sabine Rüthemann)

Viel erlebt und viel bewegt hat Schwester M. Bernarda im Kloster St. Gallenberg. Am 23. März 1988 wurde sie zur Konventualpriorin gewählt, am 27. April 1994 zur Äbtissin. Die Weihe durch Bischof Otmar Mäder erfolgte am 4. Juni. Die benediktinische Spiritualität zu vertiefen durch Impulse, Ansprachen, Tischlesungen und Einkehrtage, war der heute 72-Jährigen stets ein wichtiges Anliegen. Schwester M. Bernarda und ihre Mitschwestern passten das Zusammenleben massvoll der heutigen Zeit an. In vielen Konventsitzungen wurde diskutiert und gerungen.

Vom Sie zum Du

«Vor zehn Jahren haben wir den Schritt vom Sie zum Du gemacht», erzählt Schwester M. Bernarda. In der Entscheidungsfindung habe eine Mitschwester gesagt: «Wir sind in unseren Gebeten mit dem Herrgott per du, dann können wir es auch untereinander sein!» Das war ein wichtiger Impuls zum Ja der Gemeinschaft. «Wir haben uns umarmt und das Du mit dem Herrgott würdig gefeiert», erinnert sich die ehemalige Äbtissin. Ebenfalls eine Anpassung an die heutige Zeit und an die Bedürfnisse der Schwestern war die Einführung von zehn Ferientagen.

17 Todesfälle, vier Neueintritte

Den Weg mit den Schwestern zusammen zu gehen, war der Äbtissin stets wichtig, gerade in Konfliktsituationen. «Die gibt es selbstverständlich, wir sind nur Menschen», sagt Schwester M. Bernarda und lacht herzlich. Und im Kloster leben zwei Generationen zusammen – vier jüngere Schwestern zwischen 43 und 51 Jahren und fünf Über-70-Jährige.

Die ehemalige Äbtissin erzählt von den monatlichen Zusammenkünften unter dem Titel «Miteinander auf dem Weg». «Da dürfen wir loben und murren.» Die Gemeinschaft ist kleiner geworden. In der Amtszeit von Schwester M. Bernarda stehen 17 Todesfälle vier Neueintritten gegenüber. «Das macht das Zusammenleben nicht einfacher», weiss die Ordensfrau. Während die Zahl der Ordensleute abnimmt, steigt die Zahl der Angestellten im Kloster, und die Benediktinerinnen dürfen auf viele Ehrenamtliche zählen. Auf der Glattburg wird die Ewige Anbetung gepflegt. 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche, beten Menschen in der Klosterkirche. Die Gemeinschaft kann dies nicht allein leisten, seit 1999 helfen ehrenamtliche Laien. Die Schwestern hatten gegenüber dieser Idee ihrer Äbtissin anfänglich Bedenken, fürchteten um Ruhe und Privatsphäre. Heute sind es 65 Gläubige, die «Bet-Schichten» übernehmen. Schwestern wie Beterinnen und Beter erfahren dieses Miteinander als wertvolle Bereicherung.

Gemäss dem benediktinischen «ora et labora» – bete und arbeite – ist jedes Kloster spirituelles Zentrum, aber auch ein Betrieb, der professionell geführt sein will, um der Gemeinschaft die notwendigen Mittel zum Leben zu erhalten. Der Unterhalt der Gebäude ist aufwendig, die Finanzen sind knapp. Äbtissin Bernarda hat viele Renovationen erlebt. Dächer mussten saniert werden; um Energie zu sparen, wurden Fenster mit Dreifachverglasung eingebaut. Im Jahr 2000 ging die Landwirtschaft zuerst im Pachtverhältnis, 2012 dann im Baurecht an den Pächter über. Ein renoviertes Haus auf dem Gelände mit drei Wohnungen bringt dem Kloster ein regelmässiges Einkommen.

Ordensfrau statt Bäuerin

Dass die Zahl der Benediktinerinnen abnimmt, ist für Schwester M. Bernarda eine schwierige Erfahrung. Erst im November 2012 musste sie Abschied nehmen von ihrer Cousine Schwester Josefa. Sie durfte daheim sterben, die Gemeinschaft auf der Glattburg ist die Familie der Schwestern, und in gewisser Weise erlebt die ehemalige Äbtissin die Seelsorge und das Gebet für die Menschen und ihre Anliegen als «geistige Mutterschaft». 2014 wird sie die goldene Profess feiern. Am 17. Oktober 1963 ging sie auf dem Stoffel in Mosnang aus der Stube ihres Elternhauses und wusste: «Hierher komme ich nie mehr zurück.» Es sei ein Gefühl von grosser Freude und grossem Schmerz gewesen, erinnert sich die ehemalige Äbtissin. Besuche daheim waren damals nicht vorgesehen. Und sie nahm zugleich Abschied von früheren Lebensträumen. «Ich wollte heiraten, Bäuerin werden und Kinder haben», sagt Schwester M. Bernarda.

Mut, Freude, Offenheit

Doch der Ruf ins Kloster wurde in der jungen Frau immer stärker. «Ich habe gezappelt wie ein Fisch auf dem Trockenen», sagt sie. Nach zwei Jahren innerem Kampf trat sie als Kandidatin ins Kloster Glattburg ein, das tiefe Glücksgefühl in der Feier der ewigen Profess 1967 ist ihr bis heute erhalten geblieben. Was braucht es heute, damit junge Frauen sich für das Ordensleben entscheiden? «Mut und Freude, Offenheit für die Berufung – und unser glaubwürdiges Zeugnis», sagt Schwester M. Bernarda. Nicht zuletzt dadurch wird sie ihrem Kloster weiterhin dienen, seit Freitag wieder in den Reihen der Schwestern.

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