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Plastik im Bodensee beschäftigt
St.Galler Politik

Nicht nur im Meer, auch in St.Galler Seen, Flüssen und Bächen treibt Kunststoff. Auf dessen Gefahren macht eine Interpellation aufmerksam. Wie steht es um die Wasserqualität im Bodensee – mitten in der Badesaison?
Katharina Brenner
Zerfallen grössere Kunststoffteile wie diese Flaschen durch Sonne, Wasser und Wind, entsteht Mikroplastik. Bild: Getty

Zerfallen grössere Kunststoffteile wie diese Flaschen durch Sonne, Wasser und Wind, entsteht Mikroplastik. Bild: Getty

Ein Wal, verendet an einem Strand in Thailand mit 80 Plastiksäcken im Magen. Ein Bild aus diesem Sommer. Ein bekanntes Motiv. Regelmässig verhungern Meerestiere, weil sie statt Nährstoffen Kunststoff fressen. Meinrad Gschwend aus Altstätten alarmieren diese Bilder. «Plastikmüll in St.Galler Gewässern», heisst die Interpellation, die der Grünen-Politiker mit 19 anderen Kantonsräten unterzeichnet hat. Sie möchten von der Regierung wissen, wie es um den Plastikabfall an und in St.Galler Gewässern steht. Und wie diese das Problem einschätzt, dass Wassertiere Plastikteilchen aufnehmen.

«Das, was man am Ufer sieht, ist vermutlich nur ein kleiner Teil», sagt Gschwend. Der «Swiss Litter Report» hat ihn ausgewertet; Freiwillige hatten an Ufern von Flüssen und Seen Abfall gesammelt. Das Ergebnis: Die Steinacher Bucht ist das dreckigste Ufer der Ostschweiz. Insgesamt sind hiesige Ufer aber sauberer als die im Rest des Landes.

Die Interpellanten fragen: Genügen die Strafbestimmungen? «Hohe Bussen sind die einzigen Massnahmen, die helfen», sagt Lukas Indermaur, Gewässerbiologe und Geschäftsführer WWF St.Gallen. Die Wurzel des Problems liege beim Produktangebot mit hohem Plastikanteil und beim Konsumverhalten. Die Behörden könnten stärker sensibilisieren.

Wassertiere verwechseln Plastik mit Plankton

Für Gschwend ist Abfall am Ufer ein Teil des Problems. Der andere sind die feinen Partikel, kleiner als fünf Millimeter: Mikroplastik. Primäres Mikroplastik gelangt über Kosmetik oder das Waschen von Kleidern in Gewässer. Sekundäres Mikroplastik entsteht, wenn grössere Kunststoffteile zerfallen, durch Sonne, Wind und Wellen. «Mikroorganismen können Plastikpartikel gar nicht oder nur sehr langsam abbauen», erklärt Andri Bryner, Medienverantwortlicher des Wasserforschungsinstituts Eawag. Wassertiere verwechseln oft Plastikteilchen mit Plankton und nehmen damit einen leeren Ballaststoff statt Nahrung auf. Das Phänomen ist aus dem Meer bekannt.

Gschwend befürchtet, dass durch Mikroplastik die Qualität des Trinkwassers eingeschränkt wird. Die Problematik werde verstärkt durch die Freisetzung toxischer Substanzen und die Kombination mit Verunreinigungen durch Pestizide, Medikamentenrückstände oder weitere Chemikalien. Indermaur nennt Mikroplastik gar eine «Zeitbombe». Doch Andri Bryner gibt Entwarnung:

«Wir haben bisher keine Hinweise, dass in den Binnengewässern Fische oder andere Wasserlebewesen durch Mikroplastik gefährdet würden.»

Die Schwermetalle im Plastik seien in der Regel biologisch nicht verfügbar, weil sie fest ins Plastik eingebaut seien und sich kaum oder nur sehr langsam im Wasser lösten. «Deshalb schätzen wir die Gefahr von Plastik mit Schadstoffen für Mensch und Tier als gering ein.»

Pestizide sind grösseres Problem als Plastik

Bryners Kollege Bernhard Wehrli von der ETH Zürich sagt, Pestizide und die Klimaerwärmung seien gefährlicher als Plastik. Zu diesem Schluss kam auch die ETH Lausanne, die 2013 im Auftrag des Bundes Schweizer Gewässer, darunter auch den Bodensee, auf Mikroplastik untersuchte: Dieses sei gegenwärtig kein vordringliches Problem für die Wasserqualität – im Gegensatz zu Mikroverunreinigungen, etwa durch Pestizide.

Das zentrale Ergebnis einer aktuellen Studie zu Mikroplastik in Binnengewässern Süd- und Westdeutschlands lautet: Im Bodensee, Hochrhein und südlichem Oberrhein ist Mikroplastik zu finden, Makroplastik dagegen kaum. Vor Romanshorn wurden 17,67 Partikel mit einer Grösse von 5 bis 20 Millimetern pro Kubikmeter gefunden, vor Friedrichshafen 5,18. «Ein Ergebnis im Spurenbereich», sagte Mitautor Jochen Stark im «Südkurier».

Vera Leib, Leiterin der Abteilung Gewässerqualität beim St. Galler Amt für Wasser und Energie, bewertet die Wasserqualität im Bodensee als «sehr gut». Baden im See? «Völlig problemlos». Insbesondere die Belastung durch gereinigtes Abwasser sei durch den Ausbau der Kläranlagen in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgegangen.

Kläranlagen werden weiter ausgebaut

Weitere Verbesserungen sind geplant: Verschiedene Kläranlagen werden in den nächsten Jahren auf die vierte Reinigungsstufe ausgebaut. Mikroverunreinigungen wie Medikamentenrückstände und Hormone sollen so eliminiert werden. Indermaur nennt den Ausbau einen guten Schritt, damit hole man aber nur einen Teil des Plastiks raus. Und aus Kostengründen werde die vierte Reinigungsstufe nicht flächendeckend realisiert.

An der Internationalen Bevollmächtigtenkonferenz für die Bodenseefischerei (IBKF) seien Plastikabfall und Mikroplastik kein Traktandenpunkt gewesen, heisst es auf Anfrage. Die IBKF gab kürzlich den zweitschlechtesten Fangertrag seit 1936 bekannt. Gründe sind der niedrige Nährstoffgehalt im See sowie Kormorane und Stichlinge, die sich ausbreiten. In ihren Mägen finden sich statt Plastik vor allem Felchen, deren Laich und Larven.

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