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PIONIERLEISTUNG: Der Bündner Steinbock ist St.Galler

Am 1. Mai feiert der Wildpark Peter und Paul sein 125-Jahr-Jubiläum. Den Gründern des St.Galler Parks ist es zu verdanken, dass der Alpensteinbock heute wieder in den Schweizer Bergen lebt.
Im Wildpark werden die Kitze mit verdünnter Kuhmilch gefüttert (ca. 1906). (Bild: Archiv Wildpark Peter und Paul)

Im Wildpark werden die Kitze mit verdünnter Kuhmilch gefüttert (ca. 1906). (Bild: Archiv Wildpark Peter und Paul)

Der Steinbock ist ein magisches Tier. Der Aberglaube, sein Horn sei ein Heilmittel und wirke gar potenzfördernd, war im 19. Jahrhundert weit verbreitet. Dies und das Aufkommen moderner Schusswaffen führten dazu, dass der König der Alpen um 1850 in der Schweiz ausgestorben war. Ausgerottet vom Menschen, der sich die Stärke des Steinbocks durch Medizin und Amulette zu eigen machen wollte. Dass der Schweizer Steinbockbestand heute wieder 15000 Tiere umfasst, ist den Gründern des Wildparks Peter und Paul zu verdanken. Um den Steinbock zurückzubringen, mussten sie den italienischen König bestehlen.

Als der Wildpark Peter und Paul 1892 gegründet worden war, beherbergte er vor allem Rehe und Hirsche. Doch das war den Gründern des Wildparkes nicht genug: Sie wollten die seltenen Steinböcke im Park züchten, um sie in der Wildnis auszusetzen. Bereits 1902 baute der Bildhauer Urs Eggenschwiler einen Kunstfelsen im Park, auf dem künftig das Steinwild tollen sollte. «Das ist wie wenn man ein Fussball­stadion baut und sich danach überlegt, wie man zu einer Mannschaft kommt», sagt Jost Schneider, Vorstandsmitglied der Wildparkgesellschaft. Die Beschaffung der Steinbock-Mannschaft stellte die Gründer vor ­einige Herausforderungen.

Gestohlene Kitze aus dem Aostatal

Im Alpenraum lebten nur noch einige hundert Steinböcke; im persönlichen Jagdgebiet des italienischen Königs – streng bewacht von Wildhütern. Der St.Galler Arzt Albert Girtanner und der Mäzen Robert Mader engagierten einen Wilderer, der ihnen zwei Tiere aus dem königlichen Jagdgebiet beschaffte und bis an den Zoll in Martigny brachte. Mader, Direktor des Hotels Walhalla, zahlte dem Wilderer 800 Franken pro Tier. «Mit diesem Betrag könnte man sich heute einen Mittelklassewagen kaufen», sagt Schneider.

Am 22. Juni 1906 trafen die ersten Kitze in St.Gallen ein. Bis 1933 schmuggelte der Wilderer Joseph Berard weitere 57 Tiere für den Wildpark über die Grenze. «Am Anfang war die Zucht ein grosser Erfolg», sagt Schneider. Für diesen Erfolg spielte unter anderem auch der Kunstfelsen, der mittlerweile vergrössert worden war, eine wichtige Rolle. «Der künstlich geschaffene Felsen lässt sich leicht reinigen. Dadurch gibt es weniger Keime, die die Gesundheit der Tiere gefährden», sagt Toni Bürgin, Vorstandsmitglied der Wildparkgesellschaft und Direktor des Naturmuseums St. Gallen. Parallel zur Zucht trieb die Wildparkgesellschaft die Auswilderung voran. Bereits 1911 setzte sie die ersten der gezüchteten Tiere im Weisstannental aus. Obwohl dieses ein Jagdbanngebiet war, fühlten sich die Böcke dort nicht wohl. Bei der zweiten Auswilderung überquerten die Steinböcke dann eine weitere Grenze: Im benachbarten Bündnerland, in der Nähe von Filisur, entliessen die «Steinbock-Väter» Mader und Girtanner eine weitere Gruppe von St.Galler Zucht-Steinböcken in die Freiheit. Doch erst die dritte Gruppe brachte den Durchbruch. Diese wurden in der Nähe von Brigels ausgesetzt. «Zwei der Steinböcke flohen vor Wilderern bis zum Piz Albris, wo sie sich ansiedelten», sagt Schneider.

Wildhüter erkennt Steinböcke nicht

Der dortige Wildhüter sah die Tiere, konnte sie jedoch nicht identifizieren – er wusste gar nicht, wie ein Steinbock aussieht. «Das muss man sich einmal vorstellen: Ein Wildhüter der die Steinböcke nicht erkennt», sagt Schneider und lacht. Am 14. Juli 1922 setzte die Wildparkgesellschaft am Piz Albris weitere Steinböcke aus, die sich zu einer grossen Herde entwickelten. «Die Bündner Steinböcke sind eigentlich alles St.Galler», sagt Schneider. Dem Wildpark sei es zu verdanken, dass der Kanton Graubünden sein Wappentier wieder in den eigenen Bergen hat.

«Es ist ein Glück, dass Mader und Girtanner Steinböcke gestohlen haben», sagt Bürgin. Denn vor allem während des Zweiten Weltkrieges jagte die Bevölkerung im Aostatal das Steinwild, wodurch der Bestand stark dezimiert wurde. «Es ist möglich, dass ohne diese Pionierleistung der Alpsteinbock ausgestorben wäre», sagt Schneider. Heute leben 45000 bis 50000 Steinböcke im gesamten Alpenraum. Noch heute wird im Wildpark Peter und Paul Steinwild gezüchtet und ausgewildert. Darin sind die St.Galler Weltmeister, wie Schneider sagt: «Es ist weltweit die erfolgreichste Wiederansiedlung von nahezu ausgestorbenen Grosssäugetieren in ihrem ursprünglichen Lebensraum.» Ein erstaunliches Resultat für eine Idee, die mit einem Diebstahl angefangen hat.

Sabrina Bächi

sabrina.baechi@tagblatt.ch

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