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PIERIN VINCENZ: Die Entzauberung des Pierin Vincenz

Nach der Finanzkrise schaffte er das Unmögliche: Er war Chef einer grossen Bank und trotzdem äusserst beliebt. Jetzt nimmt die Finma ihn ins Visier. Das Bild des guten Bankers bekommt Risse.
Kaspar Enz
Pierin Vincenz ist ins Visier der Finma geraten. (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY (St. Gallen, 27. Februar 2015))

Pierin Vincenz ist ins Visier der Finma geraten. (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY (St. Gallen, 27. Februar 2015))

Kaspar Enz

kaspar.enz@ostschweiz-am-sonntag.ch


Dieser Artikel erschien erstmals am 26.November 2017 in der «Ostschweiz am Sonntag».

Er wolle der Stadt etwas zurückgeben, sagt Pierin Vincenz. Es ist Frühling 2005, sechs Jahre schon ist er CEO der Raiffeisen-Gruppe. Ebenso lang breitet sich der Hauptsitz der Genossenschaftsbank im Bleicheli-Quartier aus, Neubau um Neubau.

«Die Errichtung von Bürogebäuden sorgt nicht gerade für die Belebung eines Quartiers», sagt Vincenz. Deshalb will er St.Gallen ein Wohnzimmer geben. Eine «Stadt-Lounge», ersonnen von der Ostschweizer Künstlerin ­Pipilotti Rist. Ihre Wände sind die Fas­saden des modernen Hauptsitzes.

Der Boden ist rot wie der brandneue Schriftzug der Bank, elegant, gradlinig. Vincenz ersetzte die Ähren, das Logo der verstaubten Bauernbank, deren Präsident sein Vater einst war. «Tutti-Frutti-Logo», so nannte er es insgeheim, erzählte er der «Handelszeitung».

Ein neuer Anstrich

Nicht nur die Farbe ist neu. Schon als Vincenz noch Finanzchef des Verbands der Raiffeisenbanken war, wuchs Raiffeisen, man dachte an die Eroberung der Städte.

Als CEO forcierte er den Wachstumskurs, eröffnete Filialen in Zürich, Bern oder Basel, ermutigte die Genossenschaften, die Fühler in Richtung Stadt zu recken. 2004 stieg Raiffeisen bei der Privatbank Vontobel ein, begann die Zusammenarbeit mit Helvetia.

Mitgliederzahl verdoppelt

Die Zahl der Mitglieder hat sich seit Amtsantritt verdoppelt, die Bilanzsumme liegt einen Drittel höher. Ein paar alte St.Galler stänkern noch über den Verlust des schäbigen Quartiers, aber die Schweizer Medien bejubeln das neue Wahrzeichen der Stadt und den Bankdirektor, der an der Medienkonferenz Witze macht. Dabei hat die Vincenz-Show noch gar nicht richtig begonnen.

Der Volks-Banker

Er habe früher mal Showmaster werden wollen, gibt Pierin Vincenz zu. «Und das Image von uns Bankern ist jetzt etwa auf dem Niveau von euch Komikern», sagt er zu Viktor Giacobbo. Ein letzter Höhepunkt eines Interviews, in dem Vincenz seine «Best Of» zum Besten gibt: ­Bescheidenheit, Selbstironie, ein paar Seitenhiebe in Richtung Grossbanken.

Vincenz muss die Nummer nicht spielen, und sie kommt an. Vor allem seit in der Finanzkrise klar wurde, dass die hochgestochene Sprache der Banker nur verbergen soll, dass sie ihre Produkte selber nicht verstanden. Langweiliges Bauernbanking bei der Genossenschaft war plötzlich modern.

Und einer wie Vincenz kam gerade recht, einer, der seiner Zunft auf die Füsse trat. Der das Bankgeheimnis schon 2012 für beendet erklärte. Der über die Banken wetterte, die sich vom Staat retten lassen müssen, weil sie zu gross geworden sind, «Too Big To Fail».

Der eine Bank führte, bei der man nicht bis zum Umfallen arbeitet, sondern bis es Wichtigeres zu tun gibt. «Bei uns kann man auch Freunde und Familie haben», versichert er Giacobbo.

Er baute sein Unternehmen nicht ohne Grund zu einem der familienfreundlichsten im Land um. Nachdem seine erste Frau im Jahr 2000 gestorben war, war Vincenz einige Jahre alleinerziehender Vater. «Ein brutaler Job», sagte er dem «Bund».

Pierin Vincenz ist der beste Werbeträger seiner Bank, und der fliegen die Kunden nur so zu. 2014, als Vincenz bei Giacobbo und Müller auftrat, hatte Raiffeisen schon 188 Milliarden Franken in den Büchern, fast dreimal mehr als bei Amtsantritt.

Während UBS und CS schrumpfen, wächst Raiffeisen. Im Juni 2014 erklärt die Nationalbank Raiffeisen für systemrelevant: «Too Big To Fail.»

Der Griff nach Grösse

Es ist nur ein Häufchen Genossenschafter, die sich im März 2012 in Berg versammeln. Sie sind beunruhigt. «So etwas passt nicht zu Raiffeisen», sagt einer von ihnen dem «Tagblatt». Auch der Bankleiter der lokalen Raiffeisenbank muss besorgte Mitglieder beruhigen.

Dabei hat er es selber nur kurz vor der Presse erfahren: Raiffeisen kauft die Privatbank Wegelin, zumindest den Teil, der nicht in den Steuerstreit mit den USA involviert ist. Wegelin, die älteste Bank der Schweiz, mit Hauptsitz am St.Galler Marktplatz, heisst nun Notenstein.

Sie «startet als eine der saubersten Banken der Schweiz», versichert Vincenz. Aber er räumt nicht alle Fragen aus. Raiffeisen sei die Bank der soliden Sparer, nicht der Grossanleger, moniert ein Genossenschafter per Leserbrief. Und «man muss sich fragen, wie viel Entscheidungsgewalt der oberste Chef der Raiffeisengruppe hat, und ob die Geschäftsleitungen der einzelnen Raiffeisenbanken überhaupt etwas zu sagen hatten.»

Doch der Kurs des Chefs verspricht Erfolg, bald verstummen die Kritiker. Als das Grüppchen von Berg an der Generalversammlung der Raiffeisenbank Steinach-Berg-Freidorf ihre Anliegen vorbringen, werden sie beschwichtigt: «Der Kauf verstärkt die Kernkompetenzen.»

Die Ernüchterung

Hatte der Leserbriefschreiber recht, damals? Ende Oktober wurde bekannt, dass die Finanzaufsichtsbehörde Finma Raiffeisen und deren ehemaligen CEO unter die Lupe nimmt.
Dabei soll es um die Beteiligungsfirma Investnet gehen: Unter Pierin Vincenz war Raiffeisen dort eingestiegen, er ist immer noch Verwaltungsratspräsident und selber am Unternehmen beteiligt.

Kurz darauf kündigte auch die Aduno-Gruppe eine Untersuchung an. Der Zahlungsverkehr-Dienstleister gehört Raiffeisen und weiteren Banken, Vincenz war bis im Sommer Präsident.

Einige Deals werfen Fragen auf. Und Vincenz verlässt auch das Verwaltungsratspräsidium der Leonteq. Das Unternehmen des Appenzellers Jan Schoch spezialisierte sich auf strukturierte Produkte – die Konstrukte, die die Kapitalmärkte vor zehn Jahren lahmgelegt hatten.

Auch daran hatte Vincenz Raiffeisen beteiligt. Das waren nicht die einzigen Akquisitionen, deren Ergebnis zweifelhaft war. Liess der Erfolg ihn die Vorsicht vergessen? Mit Abenteuern «würden wir den Kunden und der Marke Raiffeisen fremd werden», sagte er 2008 der «Handelszeitung».

as passte zum Bild des guten Bankers bei der bodenständigen Genossenschaftsbank. Doch dieser Vincenz hätte Raiffeisen nie zur «coolen Marke» gemacht. Das sei Raiffeisen heute, sagte Vincenz bei seinem Abschied von der Bank der «Bilanz».

Von der Tradition liess er, der seine Bankkarriere als Händler in Zürich und Chicago begann, sich nie bremsen. «Wenn etwas strategisch Sinn macht, darf man sich nicht wegen des Genossenschaftsimages limitieren lassen.»

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