Picknick-Demonstration
«Mein Hund darf in die Beiz, aber ich nicht»: 350 Coronaskeptiker demonstrieren mit Picknick am St.Galler Bahnhof

Am Freitagabend haben sich in St.Gallen 350 Personen am Bahnhof getroffen, um ihren Unmut gegen die Zertifikatspflicht auszudrücken.

Melissa Müller 1 Kommentar
Drucken
Teilen
Die Demo am St.Galler Kornhausplatz: Eine friedliche Stimmung wie am Open Air.

Die Demo am St.Galler Kornhausplatz: Eine friedliche Stimmung wie am Open Air.

Bild: Melissa Müller

Plötzlich werden auf dem ganzen St.Galler Kornhausplatz beim Bahnhof Picknickdecken ausgebreitet, Campingstühle aufgeklappt, Körbe geöffnet. Jugendliche, ältere Leute und Familien mit Kindern und Hunden treffen sich. Man winkt und umarmt sich. Bierflaschen werden geöffnet, Chips geknabbert, Apéroplättli herumgereicht. Eine beschwingte Stimmung wie am Open Air.

Doch hier geht es um etwas anderes. Die rund 350 Leute demonstrieren gegen die Zertifikatspflicht. Polizistinnen und Polizisten überwachen das Picknick. Laut der Polizei wurde die Demonstration kurzfristig bewilligt. Eine Bewilligung hatte auch die Demonstration am Donnerstagabend, bei der 1400 Personen durch die St.Galler Innenstadt gezogen waren, um gegen die Massnahmen zu protestierten.

Raclette am Bahnhofsplatz: Unter den Demonstranten sind einige alleinerziehende Mütter.

Raclette am Bahnhofsplatz: Unter den Demonstranten sind einige alleinerziehende Mütter.

Bild: Melissa Müller

Ein Mädchen in einer rosa Jacke breitet neben einem Plüschesel ein Plakat aus, auf dem steht: «Maske, Test, Impfen, Zertifikat, Ausschluss. Sklaverei – ohne mich!» Eine junge Mutter gibt ihrem Baby die Brust. Ihr Mann sagt:

«Wir sind hier, weil wir uns zeigen möchten. Wir wollen nicht mehr zu Hause die Faust im Sack machen gegen den Impfzwang.»
Auch Kinder sind bei der Aktion dabei.

Auch Kinder sind bei der Aktion dabei.

Bild: Melissa Müller

Eine andere Frau trägt einen Panamahut, auf dem «Freiheit» steht. Eine andere verschenkt bunte Steine in einer herzförmigen Schale. «Die Menschen hier sind für mich keine Wildfremden», sagt sie. «Von der Seele her kennen wir uns alle.»

Eine alleinerziehende Mutter isst mit einer Freundin und ihrer Tochter Raclette mit Gschwellti. «Jetzt wird mir auch noch die Bildung verweigert. Ich darf nicht mehr in die Bibliothek», empört sich die Impfgegnerin. Eine andere Demonstrantin erzählt, dass sie sich Sprüche anhören müsse wie: «Alle Impfgegner sollen daheim verrecken, statt anderen die Spitalbetten wegzunehmen.» Dabei bestehe sie doch nur auf ihrer Entscheidungsfreiheit. Da sie niemanden anstecken wolle, meide sie Menschenmengen.

Ein Jungunternehmer hat einen schicken gelben Campingtisch aufgebaut, an dem seine Kumpel sitzen. «Mein Hund darf in die Beiz und ich nicht. Das stimmt etwas nicht», sagt der elegant gekleidete und sorgfältig frisierte Mann. Corona spalte die Gesellschaft wie kein anderes Thema und schüre den Hass aufeinander:

«Familien, Beziehungen und Freundschaften werden gespalten.»

Er wünsche sich eine Gesellschaft, in der ein offener Diskurs möglich ist. Das wünscht sich auch ein anderer Mann, der einen Pulli mit dem Aufdruck trägt: «Schön, dass es dich gibt. Für mehr Nächstenliebe statt Social Distancing».

In Reims in Frankreich gab es bereits im August ein ähnliches Picknick. Zertifikatsgegner setzten sich provokativ vor Restaurants auf den Boden, um zu essen. Auch in Winterthur fand kürzlich eine Picknickdemo statt.

Die Polizei hält die Picknicker im Auge.

Die Polizei hält die Picknicker im Auge.

Bild: Melissa Müller
1 Kommentar

Aktuelle Nachrichten