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Pfusch bei der Kosmetik-LAP? Ostschweizer Ausbildnerinnen und Absolventinnen üben Kritik

Fehler, Platzmangel und Expertinnen, die Kandidatinnen gezielt verunsichern: Bei der Lehrabschlussprüfung 2018 wurde gepfuscht, sagen Kosmetikerinnen aus der Ostschweiz. Die Verantwortlichen weisen die Vorwürfe zurück.
Linda Müntener

Monica Walther sitzt am Esstisch in ihrer Wohnung, vor ihr liegt ein Stapel Sichtmäppli. Mails, Briefe, Prüfungsunterlagen, geordnet und datiert. Monica Walther ist Kosmetikerin und bildet in ihrem Studio in Romanshorn Lernende aus. Wie lange sie das noch tun will, weiss sie nicht. Bei der Lehrabschlussprüfung im vergangenen Jahr sei so vieles falsch gelaufen, dass sie sich überlege, aufzuhören. Sie ist nicht die einzige.

Juli 2018, Lehrabschlussfeier, Suhr. Monica Walther und ihre Freundin Cornelia Höltschi, ebenfalls Kosmetikerin, feiern den Abschluss von Höltschis Lernenden. Am Apéro werden die Frauen von Absolventinnen und Eltern angesprochen. Diese erzählen von Missständen bei der Lehrabschlussprüfung, dem sogenannten Qualifikationsverfahren. Höltschi und Walther haben beide eine höhere Fachprüfung und waren lange Prüfungsexpertinnen, bis sie vor ein paar Jahren zurückgetreten sind. Sie raten den Absolventinnen, sich bei der Prüfungskommission zu beschweren.

Was die beiden aufhorchen lässt: Es beschweren sich auch solche, die bestanden haben.

Sieben Stunden dauert die praktische Prüfung

Organisiert und durchgeführt werden die Qualifikationsverfahren in Zürich von den Prüfungskommissionen. Auch die Lernenden aus St.Galler Lehrbetrieben im Beruf Kosmetiker/in EFZ besuchen die Berufsfachschule und das Qualifikationsverfahren im Kanton Zürich. Grundlage dafür ist ein Beschluss des Amtes für Berufsbildung des Kantons St.Gallen. Das Verfahren ist intensiv. Gesichtspflege, Wachsepilation, Manicure, Handmassage, Rückenmassage, Abend-Make-Up: Sieben Stunden dauert die praktische Prüfung. Hinzu kommen ein schriftlicher und ein mündlicher Teil.

Wie viele Kandidatinnen die letztjährige Prüfung bestanden haben, lässt sich nicht prüfen. Die Zahlen werden entweder erst noch erhoben oder sind aus Datenschutzgründen nicht zugänglich, heisst es auf Anfrage beim Zürcher Bildungsamt. Auf die schriftlichen Beschwerden hätten die Absolventinnen keine Stellungnahme erhalten, sagt Walther. Deshalb entschloss sie sich, mit Cornelia Höltschi aktiv zu werden.

Die Vorwürfe: unerfahrene Expertinnen, falsche Protokollen, Platzmangel, rauer Ton

Als sich das in der Branche herumspricht, kommen mehrere Ausbildnerinnen auf sie zu: Kosmetikerinnen aus der Ostschweiz, aus dem Bündnerland oder dem Raum Zürich. Die Mails liegen der Redaktion vor. Es ist die Rede von unerfahrenen Expertinnen, falschen Protokollen, Platzmangel und einem rauen Ton, der die Kandidatinnen gezielt verunsichere. Lernende von Expertinnen würden bevorzugt, nicht alle könnten die gleiche Infrastruktur nutzen. Mittagspausen seien verkürzt oder gar nicht eingehalten worden. «Als meine Lernende während der Pause auf die Toilette wollte, wurde sie masslos angefahren», schreibt eine Ausbildnerin.

Eine Absolventin erzählt, dass eine Chefexpertin ihre Wimpernfärbeschale aus Versehen beschädigt und nicht aufgeräumt habe – die junge Frau habe die Prüfung mit nassen Geräten durchführen müssen. Sie legte Rekurs ein, er wurde gutgeheissen. Eine Kosmetikerin schreibt: «Es ging so weit, dass ich dachte, dass ich meine Zeit als Ausbildnerin beenden muss.»

Für Monica Walther ist spätestens jetzt klar: Es besteht Handlungsbedarf. Denn:

«Als Kosmetikerin wird man nicht reich. Das ist eine Berufung. Wer den ganzen Tag für diesen tiefen Lohn im Studio steht, hat mindestens eine faire Prüfung verdient.»

Sie meldet sich beim Zürcher Bildungsamt, beim Fachverband, bittet den Thurgauer Regierungsrat um Unterstützung. Sie stellt den Antrag, die Chefexpertin durch Cornelia Höltschi auszuwechseln. Zehn Ausbildnerinnen unterzeichnen. «Danach habe ich lange nichts gehört.» Kurz vor seinem Rücktritt überlegt sie gar, sich an Alt-Bundesrat Johann Schneider-Ammann zu wenden. Dann kommt die Antwort: Man habe ihr Schreiben zur Kenntnis genommen, die Prüfungskommission habe eine ordnungsgemässe Durchführung der Prüfung aufgezeigt. Monica Walther reicht das nicht: «Es geht hier um Gerechtigkeit.»

Verantwortliche weisen die Vorwürfe zurück

Niklaus Schatzmann ist Leiter des Zürcher Mittelschul- und Berufsbildungsamts. Die Beanstandungen der Kosmetikerinnen seien intern thematisiert worden, sagt er auf Anfrage. «Es fand eine Aussprache zwischen dem Präsidenten der Prüfungskommission, dem zuständigen Berufsinspektor sowie dem Leiter des Bereichs Qualifikationsverfahren statt.» Alle Briefe seien vom damaligen Bereichsleiter beantwortet worden. Zudem habe die Chefexpertin schriftlich zu den Vorwürfen Stellung genommen. Monika Walther verneint das.

Weder die Chefexpertin noch der Präsident der Prüfungskommission bestätigten die Vorwürfe, sagt Schatzmann. Zur Platzfrage hält er fest: «Aus Sicht aller Angehörten waren die Platzverhältnisse ausreichend.» Auch die Infrastruktur sei als gut bezeichnet worden. Dies habe man den Lehrbetrieben mitgeteilt. In der Stellungnahme weisen die Expertinnen die Vorwürfe zurück. Darin heisst es:

«Wir handeln immer im Sinne der Kandidatin und sind stets bemüht für einen reibungslosen Ablauf.»

Wie wird das überprüft? «Bei praktischen und mündlichen Abschlussprüfungen sind zwei Expertinnen anwesend», sagt Schatzmann. Die Prüfung werde protokollarisch festgehalten. «Danach tauschen sich die Expertinnen aus und setzen die Note fest.»

Bei der Wahl einer Expertin berücksichtige man fachliche Bildung und pädagogische Fähigkeiten. «Neue Expertinnen besuchen einen Einführungskurs und einen berufsspezifischen Expertenkurs.» Cornelia Höltschi liegt eine Liste vor, wonach einzelne Expertinnen aus dem Jahr 2018 erst in diesem April geschult werden. Auf den Antrag, sie als Chefexpertin einzusetzen, ist man nicht eingegangen. «Frau Höltschi ist keine gewählte Expertin und kann daher auch nicht als Chefexpertin gewählt werden.» Es stehe ihr frei, ein Gesuch bei der Prüfungskommission zu stellen. «Dieser Antrag traf bisher nicht ein.»

Für Monica Walther ist ein Wechsel des Expertenteams unabdingbar. «Sonst wird sich nichts ändern.» Inzwischen wurde das Aufgebot für die diesjährigen Prüfungen verschickt. Sie finden an einem neuen Ort statt. Das Lokal sei grösser, sagt Höltschi. «Immerhin.» Ihre Lernenden will sie künftig dennoch in einem anderen Kanton prüfen lassen. Monica Walther erwägt das auch.

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