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Pflegenotstand soll entschärft werden

Der Mangel an Pflegefachkräften im Schweizer Gesundheitswesen kann bereits als chronisch bezeichnet werden. Verbände, Kantone und Bund sind mit Hochdruck am Erarbeiten von Lösungen. In St. Gallen werden einige bereits umgesetzt.
Sina Bühler
Fachkräfte braucht es sowohl in Spitälern als auch ausserhalb. (Bild: Ralph Ribi (St.Gallen, 30. März 2015)

Fachkräfte braucht es sowohl in Spitälern als auch ausserhalb. (Bild: Ralph Ribi (St.Gallen, 30. März 2015)

An Schweizer Spitälern und Heimen herrscht gravierender Mangel an Fachpersonal. Der Versorgungsbericht des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) 2016 zeigt, dass jährlich nur 42 Prozent der diplomierten Pflegefachpersonen und nur 66 Prozent der Fachleute Gesundheit (FaGE) ausgebildet werden, die nötig wären, um den Bedarf zu decken. Dieser errechnet sich aus einer Zunahme der älteren Bevölkerung sowie Prognosen für Hospitalisationen und Pflegeaufenthalte.

Im Kanton St. Gallen, wo aktuell 7700 Personen in der Pflege arbeiten, ist die Lage etwas entspannter. Prognosen des Obsan zeigen zwar, dass das Pflegepersonal bis ins Jahr 2030 fast verdoppelt werden muss. Sie zeigen aber auch, dass die voraussichtlichen Abschlüsse den St. Galler Bedarf besser decken als im Schweizer Durchschnitt: Bei den Pflegefachleuten sollte die Quote voraussichtlich 65 Prozent betragen, bei der beruflichen Grundbildung gar 123 Prozent.

Die Herausforderungen fest im Blick

«Die Erarbeitung von umsetzbaren Massnahmen hat eine gewisse Dringlichkeit», sagt Gesundheitsdirektorin Heidi Hanselmann dennoch – deren Wirkung setze schliesslich immer etwas zeitverzögert ein. Man sei aber im Zeitplan, denn das Thema habe seit vielen Jahren Priorität. Innerhalb ihres Departements gibt es eine Stabstelle «Fachbereich ­Pflege und Entwicklung», die sich genau diesen Herausforderungen widmet.

– Die Ausbildung: Hier hat sich schon einiges getan. So werden beispielsweise alle Spitäler auf der kantonalen Liste seit 2016 dazu verpflichtet, Nachwuchs auszubilden. Der Schlüssel richtet sich nach der Zahl der Vollzeitstellen. Erfüllt ein Spital die Ausbildungsvorgabe nicht, so muss es einen Fonds speisen, der jenen zugutekommt, welche sie übererfüllen. «Obwohl wir derzeit keinen Wachstumspfad vorgeben, haben wir in jedem Jahr eine leichte Erhöhung bei den erbrachten Ausbildungsleistungen», freut sich Heidi Hanselmann. Weitere Massnahmen sind im Gespräch. Die Ausbildungs- und Praktikumslöhne hat das Gesundheitsdepartement bereits 2014 erhöht, nun stellt sich die Frage, ob auch das Pflegestudium an einer Höheren Fachschule mit Zulagen gefördert werden könnte, so wie dies der Thurgau tut. Seit einigen Jahren können bei Kanton und Betrieben Förderbeiträge beantragt werden, was den Lohn von 1000 auf etwa 3000 Franken erhöht. Laut St. Galler Gesundheitsdepartement wird eine Arbeitsgruppe ab Februar 2019 dieses Anliegen aufnehmen und auch Massnahmen im Bereich der Quer- und Wiedereinsteigenden prüfen. Heidi Hanselmann sagt aber auch klar:

«Der Erfolg hat direkten Zusammenhang mit den Mitteln, die zur Verfügung stehen.»

Um die Finanzen der St. Galler Spitäler steht es bekanntlich nicht zum Besten, und auch der Kantonsrat gilt im Bereich Personalkosten als wenig grosszügig.

– Der Beruf: Die St. Galler Gesundheitsdirektorin will aber auch die Fluktuation beim Gesundheitspersonal senken, um Fachleute im Beruf behalten zu können (siehe Kasten). Der Kanton fördert interprofessionelle Zusammenarbeit, Kurse für Wiedereinsteigerinnen, Mentoring-Programme. Ginge dies auch über höhere Löhne? Das Lohnniveau der St. Galler Spitäler sei schon heute sehr gut, sagt Hanselmann: «Es liegt im oberen Drittel des schweizerischen Durchschnitts.» Dies verdanke das Personal aber nicht zuletzt einer Lohngleichheitsklage von 2011. Nachdem das Bundesgericht entschieden hatte, die Löhne der St. Galler Pflegefachfrauen und Hebammen seien im Vergleich zu den Löhnen von Polizisten diskriminierend, musste der Kanton die Löhne um 7,5 Prozent erhöhen.

– Die Verbände: Vorschläge kommen auch von den Verbänden. Maria Huber, Sekretärin der Gewerkschaft VPOD, meint zwar, der Kanton mache es gar nicht schlecht: «Die Ausbildungsverpflichtung der Spitäler war ein wichtiger Schritt. Nur müsste sie jetzt auch auf die Langzeitpflege ausgeweitet werden», sagt sie. Denn obwohl es sich in beiden Bereichen um Pflegeberufe handle, sei das Berufsfeld dennoch komplett unterschiedlich. Für die meisten Ausgebildeten käme ein Wechsel kaum in Frage – Alters- und Pflegeheime müssten daher selber für den Nachwuchs sorgen.

Fachkenntnisse anerkennen und Stellenwert erhöhen

Ein ganzes Massnahmenpaket kommt vom Schweizerischen Berufsverband SBK. «Man muss die Kompetenzen der Pflegefachpersonen anerkennen», sagt etwa die Geschäftsleiterin der Ostschweizer Sektion, Edith Wohlfender. Der Bund müsse Pflegeleistungen definieren, die ohne ärztliche Anweisung erbracht und selbstständig mit den Krankenkassen abgerechnet werden können.

«In der Spitex brauchen Fachpersonen für jedes Pflästerchen eine ärztliche Verordnung», sagt sie. Im Unterschied zum angelsächsischen Raum, wo Pflegefachleute einen viel höheren Stellenwert hätten, gälten sie vor dem Schweizer ­Gesetz immer noch als Hilfskräfte der Ärzte. Dies, obwohl die Pflege weit mehr beinhalte als die Ausführung ärztlicher Anordnungen. Diese und weitere Massnahmen hat der SBK in der Pflege-Initiative vereint, die er vor einem Jahr ein­gereicht hat. Sie verlangt neben einer ­Stärkung der Ausbildung, dass auch die Rahmenbedingungen in der Praxis verbessert werden. Vor wenigen Wochen hat der Bundesrat mitgeteilt, dass er die Initiative ablehnt. Im Gegensatz zu Heidi Hanselmann, die zu ihren Unterzeichnerinnen gehörte.

Nur wenige Jahre im Beruf


Viele Berufsleute in der Pflege bleiben nicht lange in der Branche. Fast die Hälfte der ausgebildeten Pflegefachpersonen steigt innerhalb von sieben Jahren aus. Die Konsequenz ist eine Verdoppelung des jährlichen Nachwuchsbedarfs. Bereits während der Ausbildung werde über den Berufswechsel nachgedacht, lauteten die Ergebnisse einer Unia-Umfrage vor drei Jahren.

Die Gewerkschaft hat mehr als 1000 Auszubildende und Studierende in der Deutschschweiz befragt. Darunter waren 45 Prozent der Ansicht, sie würden in zehn Jahren kaum noch im Beruf arbeiten. Bei den Studierenden an den Höheren Fachschulen (dreijähriges Studium mit Diplom) sind es 32 Prozent. Sie fühlen sich in ihrer Ausbildung aber erheblich besser unterstützt, als ihre Kolleginnen und Kollegen, die in der Berufsbildung zur Fachangestellte Gesundheit (dreijährige Lehre mit Fähigkeitszeugnis) oder zur Assistentin Gesundheit und Soziales (zweijährige Lehre mit Attest) sind.

Ungenügende Löhne; regelmässige Überstunden

Als Begründung geben die Gesundheitsangestellten zu 68 Prozent ungenügende Löhne an sowie die Zahl der regelmässig zu leistenden Überstunden. Und sie könnten ihre Patientinnen und Patienten nicht so pflegen, wie es ihren Vorstellungen entspräche und sie es eigentlich gelernt hätten. Durch Personal- und Zeitmangel müssten sie ihre Ansprüche herunterschrauben. Vor allem in der Langzeitpflege und bei der Spitex gaben fast die Hälfte der Auszubildenden an, sie hätten schon ihre Aufgaben und Kompetenzen überschreiten müssen. Beinahe schon überraschend ist daher ein weiteres Ergebnis der Umfrage: 85 Prozent der Berufseinsteigerinnen und -einsteiger empfinden ihre Aufgabe dennoch als «sinnvoll und erfüllend».

«Wir müssen die Berufsangehörigen irgendwie im Beruf behalten können», sagt daher auch Edith Wohlfender vom SBK. Vor allem die Berufsausübung als junge Mutter erfordere einen extremen Spagat. Sie verlangt daher flexiblere Arbeitszeitmodelle und eine bessere ­familienergänzende Betreuung. Ausserdem sei eine Mitsprache bei den Dienstplänen grundlegend. (sib)

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