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PFLEGE: Roboter gegen die Einsamkeit

Die Robotik könnte den drohenden Personalmangel in der Alterspflege mildern, hofft man mancherorts. Doch die Technik steckt in den Kinderschuhen. Ein Pflegewissenschafter der Fachhochschule St. Gallen erforscht, wie Demenzpatienten mit Robotern umgehen.
Kaspar Enz
Roboter sollen den drohenden Pflegenotstand lindern: Dieses französische Modell kann singen und tanzen. (Bild: Getty)

Roboter sollen den drohenden Pflegenotstand lindern: Dieses französische Modell kann singen und tanzen. (Bild: Getty)

Kaspar Enz

kaspar.enz

@ostschweiz-am-sonntag.ch

In Japan soll die Zukunft bereits stattfinden: Die Alterung der Gesellschaft ist weiter fortgeschritten, mit ihr auch der Mangel an Pflege- und Betreuungspersonal. Wohl deshalb hofft man dort darauf, dass bald Roboter in die Lücke springen, und die Regierung unterstützt dieEntwicklung der automatischen Pfleger. Die Berichte über die japanischen Pflegeroboter erscheinen dementsprechend futuristisch.

Die vier Robotertypen, die Thomas Beer in die Demenzabteilung eines Wiesbadener Pflegeheims brachte, scheinen gegenüber diesen Verheissungen reichlich unspektakulär. «Double» ist ein Tablet auf Rädern. Damit kann der Patient telefonieren und sieht den Gesprächspartner auf dem Bildschirm. «Johnny» ist ein einfacher Assistenz­roboter. «Er kann zum Beispiel Essen reichen», sagt der Dozent an der Fachhochschule St. Gallen. «Jenny» ist eine Jukebox auf Rädern, für musikalische Heimbewohner. Lediglich «Zeno» sieht etwas nach Science-Fiction aus: Der Roboter sieht einem Kind ähnlich, und er kann sprechen. «Zeno führte mit einigen Demenzpatienten ein Gespräch über deren Erinnerungen von früher», sagt Beer. Doch ganz allein kann der Roboterjunge das nicht. Das Team aus Thomas Beer und Forschern von deutschen Hochschulen steuerte Zeno vom Nebenraum aus, gaben ein, was er sagen sollte. Ein richtiges Gespräch würde den Roboter überfordern. «Sie sind viel zu langsam.»

Ein Kind für ein paar Augenblicke

Das gilt nicht nur für Zeno. Trotz aller Visionen steckt die Robotik noch in den Kinderschuhen. So wollten die Pflegewissenschafter des Projekts in erster Linie testen, ob Demenzpatienten Roboter überhaupt akzeptieren. Rund zwei Jahre lang beobachtete das Team elf Demenzpatienten dabei, wie sie mit den Robotern umgehen. «Demenzkranke sind wie andere Menschen auch: Sie versuchen zuerst, zu erkennen, womit sie es zu tun haben, wozu es gut ist und ob man mit dem System sozial interagieren kann», so das Resultat. «Zeno zum Beispiel war zuerst ein Kind», erzählt Beer. Aber nach kurzer Zeit fanden die Patienten heraus: «Das ist eine Puppe mit einer Schallplatte dahinter.» Das zeige, dass Demenzpatienten die Roboter durchaus als solche einordnen können – was die Kommunikation mit dem Roboter wiederum verändert. «Waren andere Menschen im Raum, sprachen die Probanden eher über als mit den Geräten», sagt Beer. «Man spricht lieber mit den Menschen.» So standen die Roboter zwar in der zweiten Reihe. Doch keiner der Probanden habe die Roboter abgelehnt. «Das hat mich überrascht», sagt Thomas Beer. Es zeige, dass Roboter durchaus einen Platz in der Betreuung und Pflege von Demenzkranken haben könnten.

Denn «wir werden in Zukunft nicht auf Robotik verzichten können», sagt Thomas Beer. Roboter würden irgendwann genauso Teil des Alltags sein, wie es Smartphones in den letzten Jahren wurden. «Vielleicht hat in ein bis zwei Jahrzehnten jeder einen Roboter, der ihm hilft, den Alltag zu organisieren.» Roboter machen dann auch nicht vor Spitälern oder Altersheimen halt – Institutionen, die vor besonderen Herausforderungen stehen. «Wir gehen auf eine Pflegekrise zu, die niemand richtig anzusprechen wagt», sagt Beer. Mit dem demografischen Wandel müssen immer weniger jüngere Menschen immer mehr ältere pflegen. Zeit also, sich Gedanken darüber zu machen, was Roboter in der Betreuung und Pflege gerade älterer Menschen leisten könnten. Als Pflegewissenschafter könne er zwar keine Roboter bauen, sagt Beer. «Aber ich will nicht, dass Ingenieure bestimmen, was gut ist für Menschen mit Demenz.»

Unterhaltung mit Robotern

Bereits heute fehle den Pflege- und Betreuungskräften oft die Zeit, sich um die Bewohner und Patienten zu kümmern. «Menschen in Alters- und Pflegeheimen sind oft einsam», sagt Beer. Zudem fehle ihnen eine Beschäftigung. «Sie leben im Stand-By-Modus. Und das fördert die Demenz.» Roboter könnten hier zumindest etwas Abhilfe schaffen: Wer «Zeno» von alten Zeiten berichtet, mit «Jenny» Musik hört oder über «Double» mit Verwandten telefoniert, ist aktiv bei der Sache. Direkter Kontakt mit anderen Menschen wäre dem zwar vorzuziehen, sagt Beer. «Aber es ist besser, als den ganzen Tag fernzusehen, wie man das leider oft sieht.»

Hier ortet Beer denn auch die wichtigsten Einsatzbereiche von Robotern ­in Alters- und Pflegeheimen. Denn «sie sind noch weit davon entfernt, Pflegefunktionen zu übernehmen. Roboter können mit unvorhergesehenen Ereignissen nicht umgehen. Und die gibt es in Pflegesituationen immer.» Noch lange werden deshalb Pflege- und Betreuungsfachleute Patienten und Bewohner waschen oder ihnen Blut abnehmen müssen.

«Eigentlich ein beruhigendes Ergebnis», sagt der Pflegewissenschafter: Roboter können Menschen nicht ersetzen. Aber sie können Menschen unterstützen. So geht Beer bereits sein nächstes Projekt an: «Wir haben gute Erfahrungen mit Telepräsenz-Systemen gemacht», sagt er. «Wir glauben, dass das für Menschen mit Demenz einfacher ist als ein Telefongespräch ohne Bildschirm. Nun wollen wir erforschen, wie sie die Systeme nutzen.»

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