Persönliche Bildung lässt sich nicht kaufen

Kommentar

Adrian Vögele
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Wer seine Masterarbeit von einem Ghostwriter schreiben lässt, muss Tausende von Franken ausgeben – und riskiert eine Gefängnisstrafe, wenn er die Arbeit unter eigenem Namen einreicht. (Bild: Illustration: Patric Sandri)

Wer seine Masterarbeit von einem Ghostwriter schreiben lässt, muss Tausende von Franken ausgeben – und riskiert eine Gefängnisstrafe, wenn er die Arbeit unter eigenem Namen einreicht. (Bild: Illustration: Patric Sandri)

Es ist ein Wohlstandsproblem sondergleichen: Während für viele junge Erwachsene im Ausland ein Studium aus Kostengründen von vornherein nicht in Frage kommt, müssen sich Schweizer Universitäten mit der Ghostwriter-Frage beschäftigen. Also mit Studenten, die sich nicht nur das Studium problemlos leisten können, sondern auch noch Geld genug haben, um für schriftliche Arbeiten einen Fremdautor zu engagieren. Auch wenn es wohl nur um eine kleine Zahl schwarzer Schafe geht: Es ist richtig, dass die Universitäten St. Gallen und Bern versuchen, rechtlich gegen solche Betrügereien vorzugehen. Dass die Strafanzeigen nicht zu einer Strafuntersuchung geführt haben, ist enttäuschend. Wenn Ghostwriting an Universitäten Schule macht, werden deren Diplome in den Augen der Arbeitgeber an Wert verlieren. Das wäre ein Affront gegenüber den ehrlichen Absolventen.

Die Hochschulen sollten das Thema zum Anlass nehmen, ihre Strukturen zu überdenken. Je nach Fach und Stufe ist die Betreuung durch die Dozenten bescheiden. Es ist problematisch, wenn Studenten fremdgeschriebene Arbeiten einreichen können und niemand die Verbindung zwischen Mensch und Werk vermisst. Es könnte sich daher auszahlen, mehr mündliche Prüfungen einzuführen – auch zu Bachelor- und Masterarbeiten.

Dass viele Studenten unter hohem Druck stehen, ist unbestritten. Ghostwriting-Angebote sind Symptome einer Leistungsgesellschaft, in der Misserfolge beinahe tabu sind, erst recht in akademischen Kreisen. Aber Fremd­autoren bieten nur scheinbar einen Ausweg. Das Argument, Ghostwriting sei alltäglich, verfängt nicht: Wenn ein hochrangiger Politiker eine fremdgeschriebene Rede vorträgt, ist das nicht verwerflich: Jeder weiss, dass dieser seinen Job nicht allein erledigen kann. Im Studium aber geht es genau darum, zu beweisen, wozu man als Individuum fähig ist. Dafür erhält man das Diplom. Wer zum Portemonnaie greift, wenn er vor einer gedanklichen Herausforderung steht, ist für das Erwachsenenleben schlecht gerüstet.

Adrian Vögele

adrian.voegele

@tagblatt.ch