Thurgauer pendeln in alle Richtungen

Wohnen im Kanton Thurgau, arbeiten ausserhalb: Dieses Lebensmodell wird immer populärer. Die Zentren Zürich und St.Gallen sind als Arbeitsort etwa gleich attraktiv und akzentuieren so den Thurgauer Ost-West-Graben.

Christian Kamm
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45'000 Thurgauerinnen und Thurgauer pendeln täglich zu einem Arbeitsplatz ausserhalb des Kantons. (Bild: Susann Basler)

45'000 Thurgauerinnen und Thurgauer pendeln täglich zu einem Arbeitsplatz ausserhalb des Kantons. (Bild: Susann Basler)

Eigentlich müsste es heissen: Glücklicher Thurgau. Denn immer mehr Menschen wollen hier wohnen. Folge: Die Kantonsbevölkerung wächst seit Jahren überdurchschnittlich stark. Unglücklicher Thurgau: Denn die wenigsten Zuwanderer kommen wegen eines Jobs, sondern arbeiten als Pendler weiterhin auswärts.

Folge: Nach Angaben der Dienststelle für Statistik hat sich die Zahl der Wegpendler aus dem Kanton zwischen 2000 und 2016 um 70 Prozent erhöht: Von knapp 27'000 Personen auf gut 45'000.

Sog nach Zürich und St.Gallen

Wie eine Analyse der Pendlerströme zeigt, zieht es Thurgauer Arbeitnehmer unterdessen fast gleich stark zum St.Galler wie zum Zürcher Arbeitsmarkt. Im Kanton Zürich arbeiteten 2014 rund 21'000 Thurgauer, im Kanton St.Gallen waren es nur ein paar Hundert weniger. Mit grossem Abstand folgen Schaffhauen (2188), Ausserrhoden (914) und der Aargau (594).

Für den Thurgau besonders relevant: Sämtlich Pendlerbilanzen sind negativ. Das beginnt bei der Gesamtzahl aller Zupendler aus den Kantonen (20'500 verglichen mit den 45'000 Wegpendlern) und gilt auch für jeden Kanton einzeln: Zürich (Negativbilanz 15000), St.Gallen (über 9000) und auch nach Schaffhausen pendeln viel mehr Arbeitnehmer aus dem sich zum Wohnkanton entwickelnden Thurgau als umgekehrt (Negativsaldo 870).

Etwas Schützenhilfe für den heimischen Arbeitsmarkt leisten die Grenzgänger: Immerhin 5500 Grenzgänger aus Deutschland haben im Thurgau Lohn und Brot gefunden und verbessern so die Bilanz.

Kaum ein Frauenfelder verirrt sich nach Arbon

Neben der zunehmenden Tendenz zum Schlafkanton zeigen die detaillierten Zahlen, dass der Thurgau zwar etwa gleich stark im Sog der Zentren Zürich und St.Gallen steckt, aber eben an zwei Enden gezogen wird: Im Osten (Oberthurgau) pendelt man nach St.Gallen, im Westen Richtung Winterthur/Zürich.

Die Befunde auf der Ebene einzelner Gemeinden sind frappant. Aus der Stadt Arbon etwa fahren rund 1350 Arbeitnehmer täglich in den Raum St.Gallen/Wittenbach. Zürich (58), Winterthur (29) und auch Frauenfeld (23) spielen praktisch keine Rolle. Das umgekehrte Bild am anderen Ende des Kantons: 870 Frauenfelder pendeln allein in die Stadt Zürich zur Arbeit, nach Winterthur sind es noch mehr (1183). Kaum ein Frauenfelder Arbeitnehmer verirrt sich hingegen nach Arbon (10) oder Romanshorn (29).

Gemäss diesen Pendlerzahlen verläuft der Thurgauer Ost-West-Graben irgendwo zwischen Amriswil und Weinfelden. Während in Amriswil die Sogwirkung St.Gallens zwar abnimmt (598 Pendler) aber immer noch dominiert, hat der Wind 15 Kilometer westlich in Weinfelden definitiv gedreht. Hier geben Zürich und Co. bereits den Ton an: 259 Pendler nach Zürich, 253 nach Winterthur und nur noch 164 nach St.Gallen. Aber am häufigsten arbeiten die heimlichen Hauptstädter aus Weinfelden, wenn sie auswärts arbeiten, in der richtigen Hauptstadt Frauenfeld (437).

Nachgefragt beim Direktor der IHK Thurgau

Peter Maag. (Bild: mte)

Peter Maag. (Bild: mte)

Peter Maag, der Thurgau hat eine deutlich negative Pendlerbilanz. Verfügt die heimische Wirtschaft über zu wenig attraktive Arbeitsplätze?

Es gibt in unseren Unternehmen attraktive Arbeitsplätze, die nicht oder nur mit Mühe besetzt werden können. Wir stehen im Wettbewerb mit dem Wirtschaftsmotor Zürich. In einzelnen Sektoren wie Aviatik, Finanzen und Versicherungen, Hochschulen oder Pharma ist das Stellenangebot bei uns zudem beschränkt.

Wohnen im Thurgau, arbeiten andernorts – droht das Schicksal eines Wohnkantons?

Die Bevölkerungsentwicklung zeigt, dass der Thurgau als sehr attraktiver Wohnkanton punktet. In anderen Kantonen wie Freiburg oder Schwyz wird die Debatte über den Schlafkanton intensiv geführt, im Thurgau nicht. Man nimmt die Situation als weniger belastend wahr.

Die wirtschaftliche Dynamik ist im Thurgau unterentwickelt. Im Ostschweizer Vergleich ist der Beschäftigungszuwachs hier am geringsten. Wo liegt das Problem?

In den letzten Jahren hat die Beschäftigung stetig zugenommen. Der Trend ist positiv. Im Zuge der Eurokrise gingen in der Industrie Arbeitsplätze verloren. Der Rückgang konnte durch das Gesundheitswesen zum Teil wettgemacht werden. Inzwischen holt die Industrie wieder auf.

Was braucht es, um mehr attraktive Arbeitsplätze in den Kanton Thurgau zu holen?

Wir müssen den Thurgauer Unternehmen das Wirtschaften leicht machen, damit sie hier und nicht andernorts ausbauen, beispielsweise mit raschen Verfahren. Auswärtigen Investoren müssen wir gute Gründe liefern, damit sie sich für den Standort Thurgau entscheiden.

Wo besteht aus Sicht der Wirtschaft vor allem Nachholbedarf?

Die Unternehmen in den Regionen Oberthurgau, Mittelthurgau und Kreuzlingen stufen die Erreichbarkeit auf der Strasse als ungenügend ein. Dies zeigt eine aktuelle Studie. Die Bodensee-Thurtalstrasse und die Oberlandstrasse werden die Situation stark verbessern. (ck)