PARADEPLATZ: Kickerin mit Herz und Hund

Sie ist die Ostschweizer Fussballerin des Jahres: Laura Geering stürmt für den FC Amriswil. 21 Tore hat die Kesswilerin in der vergangenen Saison geschossen. Trotzdem hat sie den Blick fürs Ganze.

Hanna Mauder
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Laura Geering im Flutlicht auf dem Fussballplatz des FC Amriswil. (Bild: Donato Caspari)

Laura Geering im Flutlicht auf dem Fussballplatz des FC Amriswil. (Bild: Donato Caspari)

Hanna Mauder

ostschweiz@tagblatt.ch

Wenig los im Clubhaus des FC Amriswil. Auf dem grossen Bildschirm läuft Bundesliga. Zwei Herren am Tisch in der Ecke ­hören zu, wie Kult-Kommentator Frank Buschmann die Leistung einer deutschen Mannschaft zerpflückt. Hinter der grossen Glasfront liegt – noch verschlafen im Dunkeln – das Fussballfeld Tellenfeld. Plötzlich öffnet sich die Tür. Auf vier winzigen Pfoten trippelt eine Pomeranian-Hündin in die warme Stube. «Jaila, warte!», ertönt eine Stimme. Mit einem Lächeln betritt Laura ­Geering das Clubhaus. Sie bringt einen kalten Windhauch von draussen mit und gute Laune.

«Ich kann heute leider nicht mitspielen», bedauert sie. Ein Muskelfaserriss zwingt sie auf die Bank. Trotzdem hat sie den Stau in Kauf genommen und ist von Zürich nach Amriswil gefahren. Die kleine Hündin Jaila ist immer an ihrer Seite. «Sie ­gehört seit mehr als drei Jahren zu mir», sagt Laura Geering. Sogar ins Büro darf ihr treuer Begleiter mit.

Seit wenigen Monaten arbeitet Geering in einer Rechtsanwaltskanzlei mit Blick auf den ­Paradeplatz. Ein beruflicher Schritt nach vorn. Das Pendeln zwischen Zürich und Amriswil, zwischen Beruf und Sport, verschlingt viel Zeit und Energie. Umso mehr freut sich die in Kesswil aufgewachsene Sportlerin über die neue Auszeichnung.

Spagat zwischen Beruf und Sport

An der «Nacht des Ostschweizer Fussballs» wurde Laura Geering zur Fussballerin des Jahres gekürt. 21 Tore der letzten Saison gehen auf ihr Konto. Mit ihren 1,68 Metern Körpergrösse stürmt sie nach vorn. Eine junge Frau mit grossem Talent: 2008/2009 war sie mit Trainer Andreas Schmid bei der U-18 des FC Staad in der Nati-A unterwegs und wurde zweimal Schweizer Meister. Es folgte ein Engagement beim FC St. Gallen. Doch dann – irgendwo zwischen Leistungsdruck und unvollständigem Lebensmodell – erlosch ihr inneres Feuer. «Ich verlor komplett die Lust am Fussball», sagt sie. «Wir Fussballerinnen investieren so viel Zeit und Herzblut. Aber wir verdienen damit nichts.» Da bleibt nur der Spagat zwischen Beruf und Sport – und der fordert einen langen Atem. «Vielleicht hat mir der letzte Funken Ehrgeiz gefehlt», meint die 23-Jährige. Sie stellte ihre Fussballschuhe für einige Zeit in den Schrank.

«Ich bin ein Mensch wie viele andere auch», betont Geering. Sie will Zeit mit ihrem Freundeskreis verbringen. Shoppen gehen. Etwas von der Welt sehen. Es war ihr Mentor Andreas Schmid, der sie wieder aufs Fussballfeld zurückholte. Heute spielt sie in der dritten Saison beim FC Amriswil in der NLB. «Ich möchte mit einem Team Fussball spielen, das zu mir passt. Mit Kolleginnen, die mir etwas bedeuten.»

Wie aufs Stichwort kommen exakt in diesem Moment einige Spielerinnen des Clubs durch die Tür. Sie wirken aufgelöst. «Wir sind eben um Haaresbreite einem Autounfall entgangen», berichten sie. Der Schreck sitzt allen in den Gliedern. Laura Geering hört aufmerksam zu. Tröstet. Es bleiben nur wenige Minuten. Dann bricht die Mannschaft in Richtung Garderobe auf. Nachdenklich meint sie: «Das ist Fussball. Egal, was gerade geschieht. Du musst dich konzentrieren und für 90 Minuten da raus.»

Zwei Tore im Garten und dauernd gespielt

Die Fussballbegeisterung liegt bei Laura Geering in der Familie. Aufgewachsen ist sie mit ihren Geschwistern Jennifer, Joey und Denny in Kesswil. «Zu Hause hatten wir zwei Tore im Garten und spielten bei jeder Gelegenheit», erinnert sie sich. Jennifer war es, die Laura im Alter von sieben Jahren mit zum FC Amriswil nahm.

«Es hat sofort gepasst», meint die Ostschweizer Fussballerin des Jahres heute. Wie sie sich selbst sportlich einschätzt? «Meine Kondition ist meine Schwäche», sagt sie. «Die lässt sich aber trainieren.» Was sie auszeichnet, ist ihr Blick für das Geschehen auf dem Feld. «Ich erkenne Strategien und habe ein Gespür für das, was im Spiel passiert.» Spielintelligent. Torgefährlich. Laura Geering ist eine, die den letzten und entscheidenden Pass spielen kann.

Als Trainerin «dem Sport etwas zurückgeben»

Draussen gehen die Flutlichter an. Geering packt ihren Vierbeiner in die Tasche und tritt hin­aus. Noch kurz muss sie auf den Fototermin warten. Auch in dieser Hinsicht ist sie Profi. Posiert mit und ohne Jacke. Mit Ball. Mit Hund. Und ohne. Sie bleibt konzentriert und verzieht trotz frostiger Temperaturen keine Miene. «Ich könnte mir gut vorstellen, einmal Junioren zu trainieren», sagt sie und lächelt in die Kamera. «Damit könnte ich dem Sport etwas zurückgeben.»