Kolumne

Papa-Blog: Wie mich mein Kind in die Fänge des Konsumismus treibt

Warenhäuser wecken irrationale Kaufgelüste. Darauf bin ich nie hereingefallen – bis ich Vater wurde.

Adrian Lemmenmeier
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Symbolbild: Getty

Wie in den meisten Doppelverdienerfamilien gibt es sie auch bei uns: Mamitage und Papitage. Montag ist Papitag. Dann passe ich allein aufs Töchterlein auf.

Darauf hatte ich mich schon vor ihrer Geburt gefreut. Denn ich hatte eine ziemlich genaue Vorstellung, wie ich diese Tage zubringe: Zusammen mit anderen Papis oder Mamis würde ich in einem Park sitzen, der Nachmittagshitze mit einem kühlen Bier trotzen und das Elterndasein preisen. Die Kinder spielen fröhlich im Gras. Und wenn eines hinfällt, pusten wir auf die kaum geschürfte Haut und trällern zur Ablenkung ein Kinderlied.

Doch natürlich ist die Realität eine andere. Denn aus meinem Bekanntenkreis hat niemand am Montag seinen Papitag, der meine Vorstellung des Papitags teilt. Auch ist mit bierseligem Trällern von Kinderliedern das Kinderhüten nicht getan. Und schliesslich fallen am Papitag immer Notwendigkeiten an wie Wäsche waschen, staubsaugen oder Kind baden.

Und so verbringe ich meine Montage öfter als gewollt zu Hause. Das aber ist ein Fehler. Denn nirgendwo – so mein Zwischenfazit nach einem Jahr – ist es anstrengender, auf ein Kind aufzupassen, als in den eigenen vier Wänden. Der Grund: Die Wohnung ist ein Ort der ständigen Versuchung. Zwei Sekunden nicht aufgepasst und die Kleine hat den Brei in die Parkettritzen geschmiert, die Finger in der Schublade eingeklemmt, das Stofftier im WC versenkt oder die Zunge an der Steckdose.

An welchem Ort aber lassen sich Kinderbetreuung und Ruhe am ehesten vereinen? Bei uns funktioniert das am besten dort, wo die Überfülle an Reizen die Sinne lähmt: im Supermarkt. Das Kind wird an Tausenden Produkten vorbeigeschoben. Beim Fisch stinkt’s, an der Kasse piept’s, beim Joghurt ist es kalt. Unterhaltung pur.

Der Naturalist Émil Zola hat in seinem Roman «Paradies der Damen» die ersten Grosskaufhäuser des 19. Jahrhunderts als Ort überwältigender Macht beschrieben – der Macht eines riesigen, an einem Punkt konzentrierten Warenangebots. Seine Romanfiguren kaufen unabhängig davon, ob sie die Produkte brauchen: «Die Kundin wurde von Tisch zu Tisch gezogen (…), stiess abermals auf etwas Unvorhergesehenes und gab dem Wunsch nach allerlei überflüssigen, aber hübschen Dingen nach.»

Seit ich Vater bin, ergreift diese Macht zuweilen auch mich. Manchmal will ich nur schnell Brot kaufen, Bananen oder Milch. Doch weil sich die Tochter beim Wägelifahren entspannt, sich minutenlang am Knistern von Verpackungen erfreut und bei der Fahrt vorbei an bunten Konserven staunt, als sässe sie im Glacierexpress, drehe ich einige Extrarunden. Mit dem Resultat, dass wir jetzt eine Gemüsebürste besitzen. Schokolade für ein ganzes Regiment. Und Linsensorten, die kein Mensch zubereiten kann.

Der Autor

Adrian Lemmenmeier ist seit einem Jahr Vater einer Tochter. Er wohnt mit seiner Familie in St.Gallen.

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