Kolumne

Papa-Blog: Ein Markt voll ungeduschter Jungväter – oder weshalb Kinder alt machen

Seit ich Vater bin, habe ich mit einer Gruppe der Gesellschaft so viel Kontakt wie nie zuvor: mit Rentnerinnen und Rentnern.

Adrian Lemmenmeier-Batinić
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Symbolbild: Getty

Was gibt es nicht alles für Väter: junge Väter; alleinerziehende Väter; Väter, die auch die Grossväter ihrer Kinder sein könnten; schwule Väter; Rabenväter; Stiefväter; Überväter und und und. Kürzlich hörte ich im Radio einen älteren Vater darüber sprechen, was denn die Vorteile seien, wenn man erst nach dem fünfzigsten Geburtstag Vater werde. Er argumentierte, dass einen Kinder jung hielten. Zum einen verlangten sie viel Bewegung. Zum anderen habe man in der Schule oder in der Kita oft mit anderen Eltern zu tun, weshalb man oft in Kontakt sei mit jüngeren Generationen.

Das ist Humbug. Mich zumindest halten Kinder nicht jung. Sollten sie tatsächlich Einfluss auf das gefühlte Alter haben, dann machen sie eher alt. Und zwar nicht nur wegen Schlafentzugs, Sorgen oder ständigen bandscheibenbelastenden Bückens nach heruntergeschmissener Nahrung. Auch sozial gesehen. Denn seit ich Vater bin, habe ich mit einer Gruppe der Gesellschaft so viel Kontakt wie nie zuvor: mit Rentnerinnen und Rentnern.

Ein Beispiel. Weil unsere 17 Monate alte Tochter am Morgen ohnehin keine Ruhe gibt, gehe ich mit ihr an Samstagen manchmal spazieren, sobald sie wach ist. Meistens schlendern wir durch die St.Galler Altstadt. Dort gibt es keine Autos. Und im Gegensatz zu den Affen im Walter-Zoo kann man den Bären auf dem Bärenplatz anfassen. Wenn um 8 Uhr die ersten Marktstände öffnen, beäugen wir die Erdbeeren, kaufen Salat oder lassen einfach den Kinderwagen übers Kopfsteinpflaster rattern.

Ich bin nicht der einzige, der das macht. Samstags in der Früh spazieren viele Eltern mit Kindern an den Händen über den Markt. Ungeduschte Jungväter mit verschlafenen Frisuren, müdem Lächeln und Rotzflecken am Hosenbein. Wesentlich mehr Frische strahlt die andere Gruppe aus, die zu dieser Uhrzeit bereits unterwegs ist. Rentner warten im sanften Morgenlicht darauf, dass die Blumenhändlerin die Kasse öffnet. Wir stehen daneben. Ein «guten Morgen» hier, eine «jöö, wie heisst denn das Maitli?» da. Immer wieder kurze Gespräche über Kinder, Krokusse, Käse oder Oliven. So viel spontanen Austausch mit der älteren Generation gab es in meinem vorväterlichen Dasein nie.

Dasselbe zeigt sich im öffentlichen Verkehr. Wer mit einem Kind Bus fährt, wird oft angesprochen. Dabei sind es weniger andere Familien oder gar Jugendliche, die den Kontakt suchen. Babysmalltalk wird besonders von älteren Männern und Frauen gepflegt. Sobald meine Tochter sie anhimmelt, erzählen sie über die ersten Worte ihrer Enkeltochter – oder davon, dass ihr Ältester im Alter meiner Tochter auch noch wenig Haare hatte. Kinder verbinden. Genauso wie gewisse gesellschaftliche Vorzüge, die Eltern und Rentner geniessen. So bieten auch mir Menschen ihren Sitzplatz an, wenn ich mit umgeschnalltem Kind den Bus betrete. Ich könnte mich daran gewöhnen.

Der Autor

Adrian Lemmenmeier ist seit 17 Monaten Vater einer Tochter. Er wohnt mit seiner Familie in St.Gallen.

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