Kolumne

Papa-Blog: Das erste Jahr als Vater – eine Bilanz

Logisch: Das Herz eines jungen Vaters ist voller Liebe, Sorge und Stolz. Doch fühlt man auch Dinge, mit denen man nie gerechnet hätte. 

Adrian Lemmenmeier
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Symbolbild: Olaser, iStock Unreleased

In wenigen Wochen vollendet meine Tochter ihr erstes Lebensjahr. Bevor ich Kuchen backe, nutze ich die Gelegenheit, um auf mein erstes Jahr als Vater zurückzublicken. Es war ein Jahr mit wenig Ruhe, viel Freude und Unmengen verschmiertem Rotz. Voller vermeintlicher erster Worte, Spieldosengeklimper und sinniger Diskussionen über Existenz und Kotkonsistenz. Und wie erwartet: voller Liebe. Aber nicht nur. Hier fünf Gemütszustände, mit denen ich im Voraus nicht gerechnet habe:

1. Bedingungsloser Optimismus

So verläuft bei mir ein Morgen mit Kind: Aufwachen, Kind beruhigen, Faxen machen, Kind anziehen, Kind in den Kinderstuhl setzen, Faxen machen, in die Küche gehen, Frühstück vorbereiten… Zurück im Esszimmer erfasst mich dann oft ein mir sonst fremder, bedingungsloser Optimismus. Schuld ist dieser kaum fassbare Blick meiner Tochter. Die aufgerissenen Knopfaugen verstrahlen eine nie gesehene Mischung aus Tatendrang, Neugierde und Schalk. Als sagten sie: «Was machen wir heute? Mir egal, ich bin sowieso dabei, denn es gibt eh nur Freude auf der Welt!» Kitsch – ich geb's zu. Aber manchmal halt trotzdem saugut.

2. Ruhe in der Nase

Wieso schreien Babys? Weil sie Hunger haben. Weil sie Schmerzen haben. Weil sie einsam sind. Oder: einfach so. Manchmal heult unsere Tochter, ohne dass wir wissen, weshalb. Eine bewährte, im Internet sehr populäre Methode zur Beruhigung ist es, das Kind unter den Dampfabzug zu halten. Dessen Rauschen klingt anscheinend ähnlich wie das in der Gebärmutter – weshalb sich jeder verstörte Säugling sofort zu Hause fühlt.* Für Eltern ist das praktisch, auch weil man während dieser Beruhigungsmassnahme wunderbar kochen kann (mit einem Tragetuch und der nötigen Vorsicht). So vermischten sich dieses Jahr in meinem Gehirn ab und an zwei Informationen zu einem völlig neuen Gefühl der Entspannung: Die erlösende Gewissheit, dass meine Tochter eingeschlafen ist, und der Duft einer im Olivenöl geschwenkten Zwiebel.

*Wer keinen Dampfabzug hat, findet stundenlanges Dampfabzugrauschen auf Youtube

3. Beliebt dank Baby

Mürrische Blicke und gegenseitiges Ignorieren gehören zum öffentlichen Raum wie mit Kaugummi verklebte Trottoirs. Ist man allerdings mit einem Baby unterwegs, sind viele fremde Menschen auf einmal unglaublich nett. Manche werden gar redselig («wiä heisst denn dä Schnügel?»). Wenn das Kind schreit, sind die Reaktionen zwar unterschiedlich. Auf jeden Fall gilt: Als Vater mit Kleinkind geniesst man unerwartet viel Aufmerksamkeit im öffentlichen Nahverkehr.

4. Gemeinsam im Rausch der Viren

«Wenn Menschen in der Blüte ihres Lebens auf einmal ständig krank sind, dann hat das oft einen Grund: Sie haben Kinder.» Mit diesen Worten begann eine Fernseh-Dokumentation, die ich mir kürzlich anschaute, als ich wieder einmal krank im Bett lag – niedergestreckt von aus der Kita angeschleppten Viren, gegen die mein erwachsener Körper keine Abwehrkräfte hat. Weil es meiner Frau oft nicht anders erging, dämmerten wir dieses Jahr oft genug gemeinsam im Rausch der Viren und Bakterien. Ein völlig neues Gefühl der Zweisamkeit. Ich werde es nicht vermissen.

5. Frei ohne Beinfreiheit

Unlängst reisten wir für vier Tage nach Berlin. Allein. Unsere zehn Monate alte Tochter liessen wir bei ihrer Tante. Beim Abendessen mit Bekannten fragte uns jemand, ob wir unser Kind nicht vermissten. Ob es uns nicht schwergefallen sei, es in der Schweiz zu lassen? Eine Frau sagte: «Ein zehn Monate altes Kind alleine lassen – ich glaube, das könnte ich nicht.» Glauben Sie mir, man kann. Und es fühlt sich sogar sehr gut an. Allein die Zugreise war himmlisch. Noch nie fühlte ich mich auf so engem Raum so frei. Zwar konnte ich die Beine kaum strecken, dafür in aller Ruhe lesen, Musik hören, essen, nachdenken – ganz ohne Badaaahh, Plääähh, Tataaaa!

Der Autor

Adrian Lemmenmeier ist seit elf Monaten Vater einer Tochter. Er wohnt mit seiner Familie in St.Gallen.