Papa-Blog: Das Corona-Virus ist nicht das Problem – mein Kind hat Angst vor der Dusche

Wie ungeahntes Unbehagen die alltäglichen Abläufe torpediert.

Adrian Lemmenmeier
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Bild: Getty

Ein Kind zu haben, heisst vor allem eines: Planen. Wer holt die Kleine wann aus der Kita? Wer leistet an welchen Tagen Babysitter-Pikettdienst, falls es im Büro länger dauert? Wann muss man aufstehen, um rechtzeitig den Bus zu den Grosseltern zu erwischen – wenn man davor Windeln wechseln, Frühstück verfüttern, rumblödeln, duschen, und, unter teils erbittertem Widerstand, ein Kind einkleiden muss?

Allerdings kann man noch so viel planen: Höhere Gewalt macht das beste Zeitmanagement im Nu zunichte.

Die Rede ist nicht etwa vom Corona-Virus. Klar stell ich mir manchmal die Frage, ob es gescheit ist, dass meine Tochter sowohl eine Kita besucht als auch von den Grosseltern betreut wird. Ich beantworte sie jeweils mit einem inneren Appell an Gelassenheit. Panik ist so überflüssig wie Hamsterkäufe oder der Valentinstag.

Meine Tochter hat keine Angst vor dem Virus (zu Recht, wie Infektiologen sagen), dafür unerklärlicherweise vor anderen Dingen. Ihr grösster Feind ist der Föhn – und zwar nicht das hiesige Wetterphänomen, sondern das Gerät, das Haare trocknet. Hört die Kleine, wie im Badezimmer der Heissluftapparat losbraust, vergisst sie, dass sie laufen kann, schmeisst sich auf alle Viere, kriecht in nie gesehenem Tempo zum nächsten Elternteil, klammert sich an die Beine und zeigt bang in Richtung Badezimmer.

Ein witziges Schauspiel. Doch in letzter Zeit hat ihre Skepsis auch andere Objekte erfasst. Die Türklingel etwa. Der Ankunft von Gästen geht seither ein Blick voraus wie ihn wohl Ministranten aufsetzen, wenn ihnen der Pfarrer mit dem Fegefeuer droht. Umso grösser ist dann die Freude, wenn die Gäste eintreten. Das ist alles halb so wild. Komplexer ist der Umgang mit einer anderen Form der Furcht. Meine 83 Zentimeter grosse Tochter hat nämlich Angst vor der Dusche.

Wahrscheinlich ist es das Rauschen der Brause, das die Kleine verstört. Seit einiger Zeit behagt es ihr gar nicht, wenn ich mich vor der Arbeit waschen will. Das bringt natürlich den so gut wie möglich geplanten morgendlichen Ablauf durcheinander. Denn auf herzzerreissendes Geschrei folgende Beruhigungsmassnahmen verzögern das ganze Prozedere.

Und wer will schon, dass ein ach so niedlich Kind wegen einer Dusche weint? So dusche ich mittlerweile abends, wenn ich immerhin keinen Bus mehr erwischen muss.

Unbehagen löst seit neustem übrigens auch die Melodie unseres Weckers aus. Die Skepsis ist aber vergessen, sobald die Kleine erkennt, woher das Geräusch kommt. Nämlich aus dem sonst so interessanten, farbig leuchtenden, von den Eltern stets viel beachteten Smartphone.

Der Autor

Adrian Lemmenmeier ist seit 13 Monaten Vater einer Tochter. Er wohnt mit seiner Familie in St.Gallen.

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