PALLIATIVBETTEN IN DER OSTSCHWEIZ: Mehr Würde auf dem Sterbebett

Dem Kanton St. Gallen kommt im Bereich Palliative Care eine Pionierrolle zu. Diese umfassende Form der Sterbebegleitung hat sich schweizweit als Standard etabliert. Dabei geht es längst nicht mehr nur um die Linderung von Schmerzen.

Roman Hertler, Larissa Flammer
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Palliative Ostschweiz gehören Thurgau, St. Gallen, beide Appenzell, Glarus sowie das Fürstentum Liechtenstein an. (Bild: Urs Bucher)

Palliative Ostschweiz gehören Thurgau, St. Gallen, beide Appenzell, Glarus sowie das Fürstentum Liechtenstein an. (Bild: Urs Bucher)

Roman Hertler, Larissa Flammer

ostschweiz@tagblatt.ch

Am Kantonsspital St. Gallen wurde 1989 die erste Palliativstation der Schweiz eingerichtet. Dem Grundsatz der Palliative Care, also einer umfassenden Sterbe­begleitung, die sich nicht nur auf die ­Linderung körperlicher Symptome ­beschränkt (siehe Kasten), wird in der Ostschweiz seit fast 30 Jahren nachgelebt. 2002 lancierte die Krebsliga St. Gallen-Appenzell den palliativen Brückendienst. Dieser ermöglicht es schwerkranken Menschen, ihre letzte Lebensphase trotz belastender Symptome zu Hause zu verbringen. Die Regierung erklärte zunächst, sie wolle das palliative Angebot nicht auf den ganzen Kanton ausweiten. Zwei Jahre später wurden am Kantonsspital St. Gallen Palliative-Care-Lehrgänge eingerichtet. Im November 2003 entstand das Palliativnetzwerk Ostschweiz (heute Palliative Ostschweiz) mit dem Ziel, die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren und die Vernetzung zu fördern. Nun zog auch der Kanton mit: 2005 lancierte das St. Galler Gesundheitsdepartement eine Weiterbildungsoffensive mit dem Ziel, Palliative Care flächendeckend anzubieten. So entstand in St. Gallen ein Palliativnetzwerk, lange bevor das Thema aufs bundespolitische Tapet kam.

Thurgau liefert erstes kantonales Palliativkonzept

Heute umfasst der Fachverbund Palliative Ostschweiz als Sektion des nationalen Fachverbandes die Kantone St. Gallen, Thurgau, beide Appenzell und Glarus sowie das Fürstentum Liechtenstein. «Unsere Hauptaufgabe ist die Vernetzung aller beteiligten Akteure», sagt die derzeitige Präsidentin Karin Kaspers Elekes, hauptamtlich evangelische Spitalseelsorgerin in Münsterlingen. Gemeint sind damit Hausärzte, Spitäler, Pflegeinstitutionen, Spitex-Vereine, psychologisches und seelsorgerisches Betreuungspersonal sowie in Hospizgruppen organisierte Freiwillige. Im Vordergrund stehe immer der Patient, seine bestmögliche Lebensqualität, aber auch die Angehörigen. Neben der körperlichen sind dabei auch die psychische, soziale und spirituelle Dimension des Menschen im Blick. «Am Lebensende beschäftigen Patienten nicht selten Fragen, die sie sich zuvor nicht gestellt haben.» Auch soziale Fragen sind Teil von Palliative Care: Wer kümmert sich in Zeiten zunehmender Anzahl von Singlehaushalten, oder wenn sonst keine Angehörigen da sind, um die finanziellen Angelegenheiten? «Pallia­tive Care bezieht sich nicht bloss auf die allerletzten Tage des Lebens», sagt Kaspers Elekes. «Sie erstreckt sich über den Zeitraum der letzten Lebensphase von der Diagnose bis zur Trauerarbeit mit den Angehörigen auch nach dem Tod des Patienten.»

Bei der Erarbeitung kantonaler Konzepte war Palliative Ostschweiz massgeblich beteiligt. Das erste Konzept hat der Thurgau 2010 vorgelegt. 2014 folgten Appenzell Innerrhoden, 2015 St. Gallen und zu Beginn dieses Monats Appenzell Ausserrhoden. Zwischen Palliative Ostschweiz und den Kantonen St. Gallen und beiden Appenzell bestehen jeweils Leistungsvereinbarungen. Mit dem Thurgau laufen Verhandlungen.

Freiwillig in St. Gallen – gesetzlich geregelt im Thurgau

«In der Zusammenarbeit mit den Kantonen gilt es, den verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Kulturen gerecht zu werden», sagt Kaspers Elekes. In St. Gallen beispielsweise hat man bisher auf die Strategie zur Verbreitung des Palliativkonzepts «von unten» gesetzt: Möglichst breites, aber auf Freiwilligkeit basierendes Bildungsangebot im ganzen Kanton. Eine gesetzliche Grundlage hierzu ist in St. Gallen derzeit in Erarbeitung. Im Thurgau dagegen wurde das Recht auf Palliative Care aufgrund einer 2009 angenommenen kantonalen Volksinitiative gesetzlich verankert.

«Mit der Erstellung des Konzepts haben wir zugewartet, bis die Strategie des Bundes da war», erklärt Susanna Schuppisser, stellvertretende Chefin des Amts für Gesundheit. Bei der Erarbeitung des Konzepts seien auch Experten aus St. Gallen dabei gewesen und die Palliativstation angesehen worden. «Unser Spezialistenteam ‹Palliative Plus TG› – das Pendant zum St. Galler Brückendienst – soll aber nicht pflegen, sondern die Spitex und Ärzte unterstützen.» Nach der Verankerung des Konzeptes finanzierte der Kanton Thurgau die Fort- und Weiterbildungen für alle Pflegenden, Ärzte und Freiwilligen auf verschiedenen Niveaus. «Die Grundausbildung konnte auch in einem Pflegeheim stattfinden, damit alle Angestellten – auch die Köche – in der Haltung von Palliative Care geschult wurden», sagt Schuppisser. Spitex-Organisationen und Pflegeheime müssen zudem seither für die Betriebsbewilligung ein eigenes Palliativkonzept vorweisen.

Breites Angebot in der Ostschweiz

Zu Beginn hat sich im Thurgau – wie auch in St. Gallen – Widerstand gegen das Palliativkonzept geregt. Vor allem aus dem Bereich der medizinischen Versorgung, wie Susanna Schuppisser sagt. «Es hiess, dass man ja schon immer Menschen bis zum Tod begleitet habe. Das stimmt natürlich.» Der Unterschied sei die interprofessionelle Zusammenarbeit und der Grundsatz des alle Dimensionen umfassenden Mantels. Hier kommt wieder Palliative Ostschweiz ins Spiel: Damit die interprofessionelle Zusammenarbeit funktioniert, braucht es eine noch stärkere Vernetzung. Insbesondere auf kommunaler Ebene. Dazu werden aktuell ­Foren eingerichtet, welche in etwa den Einzugsgebieten der Spitex-Vereine entsprechen. «Mit dem bisherigen Palliativangebot steht die Ostschweiz gut da», sagt Kaspers Elekes. Der Bedarf an Einrichtungen und Abteilungen, die sich dezidiert auf Palliative Care spezialisieren, wird ab 2018 vorerst gedeckt sein, wenn das Hospiz in St. Gallen plangemäss eröffnet werden kann (siehe Karte). Hinzu kommen die vielen ambulanten Palliativspezialisten und jene, die in Spitälern und Institutionen arbeiten, die nicht speziell dafür zertifiziert sind, aber trotzdem über weitreichende Kenntnisse und Kompetenzen verfügen. Nicht zu vergessen sei auch die Freiwilligenarbeit, ohne die eine derart breite Abdeckung an Palliativangeboten undenkbar wäre. Rund 400 Personen sind es alleine in der Ostschweiz. Kaspers Elekes Wunsch ist es, dass die Haltung, die Palliative Care bedeutet, die Gesellschaft bewegen wird, sich insgesamt mehr auf eine «Fürsorgekultur» hin zu entwickeln. Für eine hohe Lebensqualität für alle – auch für das «Leben bis zuletzt».

www.palliative-ostschweiz.ch