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Offenes Einfallstor für Pädophile: Jeder dritte Jugendliche wird im Netz sexuell angesprochen

Nichts tun Jugendliche im Internet lieber als chatten. Das wissen auch Pädophile und lauern den Kindern in den Netzwerken auf. Ein Drittel der 12- bis 19-Jährigen wurden im Netz schon gegen ihren Willen sexuell angesprochen.
Kaspar Enz
Kinder und Jugendliche chatten gerne in Chatrooms und sozialen Netzwerken. Das nutzen Pädophile aus. (Bild: Getty)

Kinder und Jugendliche chatten gerne in Chatrooms und sozialen Netzwerken. Das nutzen Pädophile aus. (Bild: Getty)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Ein älterer Mann spricht im Internet-Chat Minderjährige mit sexuellen Absichten an: Solche Fälle wühlen auf. Nicht nur wenn sich – wie letzte Woche – eine öffentliche Person als Täter herausstellt. 97 Prozent aller 12 bis 13-Jährigen besitzen ein Handy, das stellte im November der neueste JAMES-Report der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften fest. Und nichts tun sie damit lieber als zu chatten, über soziale Netzwerke, Chatrooms und Nachrichtendienste. Auch das zeigt der Report, der alle zwei Jahre das Medienverhalten von Kindern und Jugendlichen von 12 bis 19 Jahren erforscht.

Die Täter lauern oft an harmlosen Orten. Ein 12-Jähriger, der 2016 aus dem solothurnischen Gunzgen entführt wurde, lernte den Täter in einem Forum zum Spiel Minecraft kennen, einer Art digitalem Lego. Auch viele beliebte Online-Spiele haben Chat-Funktionen eingebaut.

Sorgen macht ein weiteres Ergebnis des Reports: Ein Drittel der Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren geben an, sie seien im Netz unerwünscht mit sexuellen Absichten angesprochen worden. Das muss nicht jedes Mal eine ältere Person sein, die sich in Chats an Kinder heranmacht. Aber das Thema brennt unter den Nägeln. «Digitale Medien spielen in unseren Fällen immer mehr eine Rolle», sagt André Baeriswyl, Co-Geschäftsführer des Kinderschutzzentrums St.Gallen (KSZSG). Es leitet die Beratungsstelle «In Via» sowie das Schlupfhuus für gewaltbetroffene Jugendliche und führt Präventionsprogramme und Weiterbildungen in Schulen durch. Die Kurse zum Thema «Computer, Handy & Co.» sind für 2019 schon ausgebucht.

Gesunde Vorsicht ist angezeigt

Dort vermitteln die KSZSG-Mitarbeiter, wie man sich sicher im Netz bewegt: Sparsam sein mit persönlichen Angaben, Daten und Fotos, rät Baeriswyl den Kindern. Und den Eltern empfiehlt er, sie nicht allein zu lassen:

«Gehen Sie mit Ihren Kindern ins Internet.»

Mindestens bis zum Alter von 13 Jahren soll man klare Grenzen ziehen. «Die Kinder sollen zeigen, wo sie sich im Netz bewegen, mit wem sie dort kommunizieren.»

Doch das ist oft einfacher gesagt als getan, weiss Baeriswyl. «Für Kinder ist das Netz ein Schlaraffenland.» Hier können sie tun und lassen, was sie wollen. Ohne, dass die Eltern etwas mit bekommen.

«Mit heutigen Spielkonsolen ist man mit dem Internet verbunden. Das wissen viele Eltern nicht.»

So stehen die Einfallstore für Pädophile weit offen. Zumal im Internet Wahrheit und Fiktion verschwimmen: Profilfotos können gefälscht sein, Identitäten erfunden. «Trifft man dort jemanden, heisst er Freund. Aber es sind nur Zufallsbekanntschaften.» Deshalb sollte man sie höchstens öffentlich treffen und nie alleine.

Das Internet birgt noch andere Tücken. «Wir haben mal mit einer Oberstufenklasse über Bilder geredet, die man ins Internet lädt. Auch freizügige», sagt Baeriswyl. «Allen war klar, dass man das nicht tun sollte.» Mit Ausnahmen: Sei man verliebt, dürfe man das, dachten viele. «Sie vergessen: Ist ein Bild im Netz, hat man keine Kontrolle mehr.»

Pädophile sind oft pädagogisch sehr geschickt

Dass Kinder leichte Opfer sind, ist kein Wunder. Die Urteilsfähigkeit entwickelt sich erst im Alter von 11 bis 14 Jahren. Und Jugendliche wollen Freunde haben, dazugehören, cool sein. Pädophile nutzen das aus. «Sie sind oft pädagogisch sehr geschickt. Aber sie nutzen das nicht zum Wohle des Kindes, sondern für ihre eigenen Interessen.»

Oft hätten Kinder kaum eine Chance, zu erkennen, wer sich tatsächlich hinter einem «Freund» verbirgt. Auch wenn sie manchmal Verdacht schöpfen: «Die Täter verraten sich oft mit der Art, wie sie schreiben, wie sie Zeichen oder Worte verwenden», weiss Baeriswyl. Aber auch dann sei es nicht immer leicht, die Reissleine zu ziehen:

«Die Täter umgarnen ihre Opfer regelrecht. Das fühlt sich oft schön an.»

Ausserdem seien Jugendliche in diesem Alter selber neugierig, gerade wenn es um Sexualität geht. «Der Kontakt zu einem älteren Jugendlichen oder Erwachsenen kann da besonders interessant erscheinen.»

Vertrauen und Kontrolle

Dann sei es wichtig, dass die betroffenen Jugendlichen Vertrauenspersonen haben, mit denen sie darüber reden können. Ein heikler Punkt, meint Baeriswyl. «Den meisten Leuten fällt es immer noch schwer, mit ihren Kindern über Sexualität zu reden.» Eine Aufgabe, die die Schule den Eltern nicht abnehmen könne. «Es geht auch hier darum, ein gesundes Vertrauensverhältnis aufzubauen.» Ein Gleichgewicht zu halten zwischen klaren Regeln und Vertrauen, zwischen Kontrolle und dem Eingestehen von Freiräumen. «Eigentlich die Grundfragen jeder Erziehung.»

Dazu gehöre auch, bei einem Fehltritt des Kindes nach vorne zu schauen. Tauche ein Bild im Netz auf, sei der Schaden schon angerichtet. «Vorwürfe im Nachhinein bringen nichts mehr. Es geht darum, wie man damit umgeht.» Auch wenn irritierende Bilder oder Worte das Kind aus der Bahn werfen, brauche es die Unterstützung der Eltern. «Sie sind darauf angewiesen, dass sie von den Eltern aufgefangen werden», sagt Baeriswyl. In solchen Fällen könnten Beratungsstellen wie das Kinderschutzzentrum helfen.

Viele Jugendliche könnten aber mit den Tücken der Chats umgehen. Viele Eltern begleiten ihre Kinder verantwortungsvoll ins Internet. «Nicht jedes Kind, das von so jemandem angesprochen wird, trägt einen Schaden davon.» Manche könnten über seltsame Bilder und Chats lachen, vermutet Baeriswyl. Dafür brauche es aber ein gesundes Selbstvertrauen – und ein gesundes Umfeld.

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