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Serie

Ostschweizer Tunnels: Röhren, die das Leben verändern

Das Spannendste an unterirdischen Bauten ist nicht die Technik, sondern die Wirkung auf den Menschen und seine Gewohnheiten. Das zeigen grosse und kleine Beispiele im Kanton St.Gallen - vom Ricken bis zur Mühleggbahn.
Jost Auf der Maur
Tunnels verbinden Menschen auf komfortable Weise - und stehen zugleich für soziale Konflikte. (Illustration: Elena Freydl)

Tunnels verbinden Menschen auf komfortable Weise - und stehen zugleich für soziale Konflikte. (Illustration: Elena Freydl)

Die Schweiz ist ein geheimnisvolles Land. Auch, weil vieles hier existent und wirksam, zugleich aber unsichtbar ist. Wir haben uns in 150 Jahren eine Schweiz unter der Schweiz geschaffen, eine Unterwelt, ohne die das Land heute nicht mehr funktionieren könnte. Die Stollen, Tunnels und Kavernen – von ihren Ausmassen her begehbar – ergäben aneinander gereiht eine unterirdische Röhre von 4000 Kilometern Länge, zum Beispiel von St.Gallen bis Ouagadougou in Burkina Faso. Beim Bauen im Untergrund sind wir Weltmeister, in Relation zur Landesfläche. Die Anstrengungen für die Wasserkraft, den Verkehr, den Zivilschutz und die Forschung erweitern die Schweiz in Richtung Erdmittelpunkt beträchtlich. Die Armee, gemeinhin zuerst genannt wenn es ums Eingraben geht, hat daran einen Anteil von lediglich 8 Prozent.

Sommerserie: Im Tunnel

In unserer Sommerserie tauchen wir ab in den Ostschweizer Untergrund und erkunden Tunnel und Durchgänge aller Art – von den Eingeweiden des Kantonsspitals über die unterirdische Verbindung zweier Autobahnraststätten bis zum Eisenbahntunnel.

Aber wer in die Röhre guckt, sieht das Ganze nicht. Das Spannendste an unterirdischen Bauten ist nicht etwa die Technik, sondern ihre Wirkung auf uns. Der Tunnel, dieses eigenartige Bauwerk, verändert die Welt, und zwar nicht so sehr dort im Dunkeln, in das er gehöhlt wurde, sondern vor allem darum herum, am Licht des Tages. Lebensgewohnheiten, das soziale Leben, die Kultur, Verkehrswege, die Zeitbegriffe, das Wirtschaften – der Tunnel verändert die Situation für die Menschen oft grundlegend. Dafür finden sich auch im Kanton St. Gallen gute Beispiele.

Salami, Chianti und Barackendörfer

Als anfangs des 20. Jahrhunderts grosse Projekte verwirklicht werden sollten wie die Eisenbahnlinien Romanshorn–St.Gallen–Wattwil und Wattwil–Uznach, veränderte sich zuerst einmal die Demografie im Kanton schlagartig. Zur Arbeit fanden sich zu Tausenden fremde Menschen ein, sie kamen aus Deutschland, Österreich, Kroatien, der Türkei, vor allem aber kamen sie aus Italien. Mit den Mineuren kamen ihre Frauen und Kinder. Die Barackendörfer vor den Portalen waren zu rund einem Viertel von Frauen bevölkert. Sie erst ermöglichten es den Mineuren, das Berufsleben zu fristen. Für die Einheimischen gab’s dafür Nachhilfe in Völkerkunde, und viele lernten zum ersten Mal Salami und Chianti zu schätzen – beim Tunnelbau waren die Mineure aus Italien erste Wahl.

Der Arzt Daniele Pometta, der beim Bau des Simplontunnels das Arbeiterspital in Brig betreut hatte, begründet das in seiner Dissertation: «Die gesunde und kräftige Konstitution des italienischen Arbeiters, seine Genügsamkeit, die Leichtigkeit, mit welcher er die Tunnelhitze erträgt, und die relativ bescheidenen Lohnansprüche kommen dabei sehr in Betracht. Ist er einmal an der Arbeit, so ist es eine Freude, zuzusehen, wie der Mann sich derselben anpassen kann, und wie das Werk rasch und sicher vorwärts kommt.»

Angelica Balabanoff, eine hochbegabte russische Emigrantin, die in St. Gallen in den Jahren 1902 bis 1904 als politische Aktivistin sehr viel für die italienischen Arbeiter bewirkt hat, schreibt: «Die italienischen Emigranten, die die schwersten, schmutzigsten Arbeiten verrichten, hatten meine tiefste Sympathie und Solidarität geweckt. Sie schienen mir nach dem russischen Volke die Erniedrigtesten, Ausgebeutetsten und deshalb Hilfsbedürftigsten zu sein.»

Der Berg macht reich und arm

Zwischen Romanshorn und Wattwil mussten 85 Brücken und 14 Tunnels gebaut werden. Der grösste Brocken war die Durchquerung des Ricken zwischen dem Toggenburg und der Linthebene; der Tunnel misst 8,6 Kilometer. Die Bauarbeiten begannen im November 1903.

Einen Berg in seinem Frieden zu stören, ist immer ein gewagtes Unterfangen. Es müssen grosse Energien konzentriert werden, um im Berg einen neuen Ort zu schaffen. Es braucht ingeniöse Ideen, Treibstoff, Sprengstoff, Muskelkraft, Geld und festen Willen. Der Berg macht Menschen reich, arm, krank, er produziert Wissen in Geologie und Technik, er bringt Witwen und Waisen hervor und soziale Konflikte. Am Ende aber ist ein neuer Ort da, der die Menschen in wunderbar komfortabler Weise verbindet – ein Fortschritt.

Streik der Mineure rief die Armee auf den Plan

Bis der Ricken befahren werden konnte, war viel Lehrgeld zu bezahlen. In den Baracken, Scheunen und Ställen, in denen die Mineure und ihre Familien zu Wuchermieten untergebracht waren, fehlte es an fast allem. In Wattwil erstickten zehn Italiener beim Brand eines überfüllten, abbruchreifen Hauses. Sechzehn Mineure kamen bei Unfällen im Tunnel ums Leben. Die Mineure streikten, elf Stunden Tunnelarbeit pro Tag waren ihnen zu viel, die Lohnauszahlung alle sechs Wochen zu wenig. Der St. Galler Regierungsrat schickte Truppen der Infanteriebataillone 77 und 80. Der Tunnel wurde 1910 feierlich eingeweiht. Er erlangte aber erst 1926 traurige Berühmtheit, als neun Schweizer Bahnangestellte im Qualm einer im Tunnel stecken gebliebenen Dampflok starben. Wo steht das Denkmal für die Opfer aus Italien?

Der Kanton St.Gallen beherbergt Bauten, die selbst in der an Exoten reichen unterirdischen Schweiz aussergewöhnlich sind. In der Gemeinde Flums etwa, im gnadenlos zähen Kieselkalk der rechten Flanke des Seeztals, verbirgt sich der Versuchsstollen Hagerbach (VSH). Der VSH ist ein Privatunternehmen, das im Berg Räume für Forschung und Entwicklung zur Verfügung stellt. In diesem Labyrinth von insgesamt 5,5 Kilometern Länge werden Rauchgasmelder, Flugabwehrgeschütze, Bauelemente und Sicherheitstüren getestet. Feuerwehren aus Taiwan und Holland haben hier das Löschen brennender Züge im Tunnel trainiert, und die Mitglieder der sogenannten Geheimarmee P-26 wurden im Hagerbachstollen im Umgang mit Schusswaffen, Sprengstoff und Säuren geschult.

Unweit vom Hagerbach, in der Region Sargans, hat die Geschichte riesige Schlachtschiffe im St.Galler Fels zurückgelassen: Die sogenannten Landes-Festungen, östlicher Eckpfeiler des Réduit im Zweiten Weltkrieg. Sie sind heute zum Teil der Öffentlichkeit zugänglich, sie haben museale Bedeutung und sind zugleich Mahnmale. Vieles ist im Originalzustand erhalten, selbst die hölzernen Verschläge der Brieftauben sind noch da. Tauben als letztes Kommunikationsmittel mit der Welt draussen, wenn sonst nichts mehr geht. Auf einem Übersichtsplan von 1943 sind die Flugrouten der Vögel eingezeichnet.

Ein unvergessener Geruch

Eine der charmantesten unterirdischen Einrichtungen – zumindest für den Schreibenden – ist das Mühleggbähnli, das mitten in der Stadt St. Gallen zwischen Klosterbezirk und St. Georgen verkehrt. In der Kindheitserinnerung steht immer noch ein Wagenführer vorne im etwas dusteren Licht und bringt das gemütliche rote Wägelchen über Zahnstangen sicher nach oben zum Mühleggweiher. Unvergessen ist der spezielle Geruch aus Schmierfett, Tunnelmief und braunem Steinachwasser. In der Bergstation hat das kleine Schulgschpändli Vreni im Winter jeweils mittags allein ihr Käsebrot gegessen. Denn ihr Weg vom Hebelschulhaus nach Hause war viel zu weit, und unter der Sitzbank in der Bergstation befand sich eine Heizung.

Der Journalist und Autor Jost Auf der Maur ist der Verfasser des Buches «Die Schweiz unter Tag», erschienen beim Verlag Echtzeit, Basel 2017.

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