Zu viel Geld, zu wenig Anfragen: Ostschweizer Stiftung für Volksmusik hofft auf mehr Gesuchsteller

Die Ostschweizer Stiftung für Volksmusik unterstützt Einzelpersonen und Vereine.
Allerdings fehlen ihr Bewerber. Damit ist die Stiftung kein Einzelfall.

Katharina Brenner
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Finanzschwache Familien unterstützt die Ostschweizer Stiftung für Volksmusik zum Beispiel beim Kauf einer neuen Geige. (Bild: Getty)

Finanzschwache Familien unterstützt die Ostschweizer Stiftung für Volksmusik zum Beispiel beim Kauf einer neuen Geige. (Bild: Getty)

Eine Abendunterhaltung oder ein Weihnachtskonzert, Musikunterricht oder ein neues Instrument – das fördert die Ostschweizer Stiftung für Volksmusik. So lange sich die Begünstigten um die schweizerische Volksmusik bemühen, aus den Kantonen St. Gallen, Thurgau, Glarus, Zürich, Graubünden, Schaffhausen oder den beiden Appenzell kommen und ihre finanziellen Verhältnisse eng sind. 20 bis 30 Gesuche unterstütze man pro Jahr, sagt Stiftungsratspräsident Guido Rüegge aus Tägerwilen. «Da ist Luft nach oben.» Wie viel, lässt er offen. Fest steht: Die Ostschweizer Stiftung für Volksmusik hat Geld übrig und zu wenig Gesuchsteller.

Sie existiert seit 13 Jahren. Gründerin Yvonne Kayser war gebürtige Ostschweizerin. Sie lebte später im Saarland und verstarb im Jahr 2010. «Volksmusik und ihre Heimat lagen ihr am Herzen», sagt Rüegge. Daher die Beschränkung auf die Ostschweiz – auch wenn diese mit acht Kantonen weit gefasst ist. Eine solche Eingrenzung ist typisch für hiesige Stiftungen: die meisten erfüllen ihren Zweck innerhalb der Ostschweiz.

Präsident ermutigt Familien und Einzelpersonen

Ziel der Ostschweizer Stiftung für Volksmusik sei keineswegs, Geld anzuhäufen, sagt Rüegge. «Wir wollen vor allem den Nachwuchs unterstützen.» Dieser wird zwar weniger. Die Kantone St. Gallen, Thurgau und die beiden Appenzell haben im Sommer 2017 aber zusammen 202 Blasmusikvereine mit insgesamt 6992 Musikanten gezählt. Darunter dürften auch potenzielle Gesuchsteller für die Ostschweizer Stiftung für Volksmusik sein. Rüegge nennt die grosse Hemmschwelle das Hauptproblem:

«Viele trauen sich nicht, darüber zu sprechen, dass ihnen das Geld für den Musikunterricht fehlt.»

Das sei ein sensibles Thema. Rüegge möchte deshalb betroffene Familien und Einzelpersonen ermutigen, sich zu melden. Hans Saxer, in Ausserrhoden für die Stiftungsaufsicht zuständig, stimmt ihm zu. Auf der Internetseite des Kantons seien die Stiftungen aufgelistet, Gesuchsteller könnten mit diesen oder direkt mit ihm Kontakt aufnehmen.

«Manche Stiftungen sind in ihren Anliegen recht spezifisch und dann auch noch auf eine Gemeinde beschränkt. Da wird es schwierig, Gesuchsteller zu finden.»

Bei älteren Stiftungen komme es vor, dass der Zweck heute nicht mehr relevant sei, sagt Saxer. In Ausserrhoden sei es jedoch eher selten, dass Stiftungen ihre Gelder nicht sprechen könnten. Die Kommunikation unter den Stiftungen und mit der Aufsicht sei gut. Passe ein Gesuch nicht zu einer bestimmten Stiftung, werde eine passende empfohlen.

Steuerbefreiung muss gerechtfertigt sein

«Bestimmt gibt es im Kanton St.Gallen noch Stiftungen, die Gelder zu vergeben haben», meint Stefan Stumpf, Direktor Ostschweizer BVG- und Stiftungsaufsicht. Eine Übersicht habe er aber nicht und die Stiftungen seien in dieser Hinsicht keine Rechenschaft schuldig. Bleiben Gelder übrig, sind gemäss Stumpf zwei Gründe denkbar. Erstens: Wenn es der Zweck der Stiftung schwierig macht, Begünstigte zu finden. Zweitens: Wenn der Stiftungsrat Gelder nur sehr zurückhaltend vergibt, um das Stiftungsvermögen anwachsen zu lassen. Das wäre «problematisch». Geschehe dies zu lange und ohne triftigen Grund, sei die Gemeinnützigkeit der Stiftung nicht mehr gegeben. Die Steuerverwaltung werde dann überprüfen, ob die Steuerbefreiung noch gerechtfertigt sei.

In der Ostschweiz ist Ausserrhoden Stiftungshochburg. Der Kanton hat 107 Stiftungen, darunter die finanzstärksten der Region. Die beiden Appenzell haben mehr Stiftungen als der schweizerische Durchschnitt, die Kantone St.Gallen und Thurgau weniger. 890 Stiftungen mit einem Gesamtvermögen von 2032,7 Millionen Franken zählen die vier Kantone insgesamt. Gemäss Schweizer Stiftungsreport liegen hierzulande 100 Milliarden Franken in gemeinnützigen Stiftungen.

Schulen und Sozialverbände als Vermittler

Georg von Schnurbein, Mitherausgeber des Stiftungsreports, sagt, der Stiftungsrat müsse aktiv werden, wenn der Zweck einer Stiftung erfüllbar ist, aber Gesuche fehlen. Der Stiftungsrat könne Vermittlerorganisationen wie Schulen, Sozialverbände und Behörden einschalten, an die potenzielle Gesuchsteller eher gelangen. Und er könne sich mit anderen Stiftungen austauschen.

«Unsere Stiftung ist nicht bekannt genug», sagt Guido Rüegge und benennt ein weiteres Problem der Ostschweizer Stiftung für Volksmusik. Damit dürfte er recht haben, wie eine Anfrage bei Roland Stillhard zeigt: «Als Präsident Musikkommission St.Galler Blasmusikverband sowie als Musikschulleiter ist mir diese Ostschweizer Stiftung für Volksmusik nicht präsent», sagt er und fügt hinzu:

«In unserem Verbandsgebiet sind wir immer wieder mit Eltern konfrontiert, die Mühe haben, ihren Kindern und Jugendlichen das musikalische Bildungsangebot zu finanzieren.»

Eigentlich keine schlechte Ausgangslage für die Ostschweizer Stiftung für Volksmusik bei der Suche nach Begünstigten.

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