Ostschweizer Schulen wollen leistungsstarke Kinder fördern

Rund jedes fünfte Schulkind ist unterfordert. Nun verlangt der Schweizer Lehrerverband, begabte Schüler flächendeckend zu fördern. Die Politik hat den Handlungsbedarf bereits erkannt. Mehrere Ostschweiz Kantone haben Massnahmen ergriffen.

Ursula Wegstein
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In «Ateliers» können Thurgauer Schülerinnen und Schüler Themen vertiefen. (Bild: Symbolbild: Christian Beutler/KEY)

In «Ateliers» können Thurgauer Schülerinnen und Schüler Themen vertiefen. (Bild: Symbolbild: Christian Beutler/KEY)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Fast jedes fünfte Kind ist zu deutlich mehr fähig, als es tatsächlich in der Schule leistet. Das zeigt die Forschung, so der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. Potenzial und Begabungen bleiben häufig unentdeckt.

Nun fordern die Pädagogen in einem neuen Positionspapier eine flächendeckende Begabtenförderung in allen Bereichen (Ausgabe vom 14.01). Konkret verlangen sie verbindliche Regeln und Strukturen. Da die Förderung der Schüler letztlich vom Engagement der einzelnen Lehrer abhänge, plädiert der Schweizer Lehrerverband für mindestens eine Lehrperson, die in der Begabtenförderung besonders ausgebildet ist – an jeder Schule.

Bisher nur auf Defizite geschaut

Doch das Thema Begabtenförderung steht bereits auf der politischen Agenda. «Die Begabtenförderung braucht hohe Aufmerksamkeit», sagt Monika Knill, Bildungsdirektorin des Kantons Thurgau. «Bislang haben wir nur auf die Defizite geschaut». Dennoch gehe für sie Flexibilität vor Giesskannenprinzip.

Ähnlich sieht man es in Appenzell Ausserrhoden. Bildungsdirektor Alfred Stricker sagt:

«Die Gesellschaft fordert eine personalisierte Förderung. Da gehört auch die Begabtenförderung dazu.»

Die Schulen sollten auch in diesem Bereich über Expertenwissen verfügen.

Was die Anzahl der unterforderten Schüler betrifft, ist man im Kanton St. Gallen anderer Meinung. «Dass pro Klasse rund 20 Prozent der Kinder unterfordert sind, trifft für St. Gallen mit Bestimmtheit nicht zu», sagt Bildungsdirektor und Regierungspräsident Stefan Kölliker.

Thurgau testet Begabtenprogramm

Wie fördert die Ostschweiz derzeit leistungsstarke Schülerinnen und Schüler? Seit einem knappen Jahr sammelt der Thurgau Erfahrungen mit dem neuen «Begabungs- und Begabten-Förderungsprogramm» in Mittelschulen und Berufsfachschulen. «Impulstage» richten sich an Kinder und Jugendliche von der fünften bis zur neunten Klasse. Jeweils an einem Nachmittag können Schüler in Vertiefungskursen in einen Bereich hineinschnuppern. Das Angebot beinhaltet zum Beispiel den Bau eines Dinosauriers aus Metall, eines Dieselmotors oder Bionik, also dem Übertragen von Naturphänomenen auf die Technik.

Für eine kleine Zielgruppe, die besondere Anforderungen erfüllt, sind die «Ateliers». Hierfür müssen sich die Schüler mit einem Motivationsschreiben und einer Empfehlung der Lehrperson bewerben. Die kantonale Koordinationsstelle für Begabungs- und Begabtenförderung wählt die Teilnehmer aus. Die angebotenen Kurse finden an acht bis 14 Nachmittagen statt. Das Angebot reicht von Latein, über das Programmieren von Robotern und Drohnen bis hin zu einer Schreibwerkstatt. Bei der ersten Durchführung 2018 besuchten fast 500 Schüler die zwölf Ateliers und 20 Impulstage zwischen Arbon und Frauenfeld.

In Appenzell Ausserrhoden wird gerade ein neues Konzept fertiggestellt, das das Schulsystem flexibler gestalten soll und auch den Personaleinsatz neu regelt. Bildungsdirektor Stricker:

«Das Miteinander sowie der flexible Einsatz aller Fachkräfte sind dabei wichtige Elemente.»

Für die Beratung und Unterstützung der Schulen soll ein Team aus verschiedenen Fachleuten zum Einsatz kommen – auch mit Expertenwissen zur Begabtenförderung. Das Team soll die Kompetenzen der Lehrpersonen weiterentwickeln. Das neue Konzept gilt ab dem kommenden Sommer für alle Schulen im Kanton Appenzell Ausserrhoden.

Mehr Personen mehr Zeit

In nächster Zukunft möchte man auch im Kanton St. Gallen mehr für begabte Schüler tun. «Das Bildungsdepartment plant, den Schulen in den kommenden zwei Jahren zusätzliche Grundlagen zur Verfügung zu stellen, um die intellektuelle Begabung von Schülern stärker zu unterstützen», sagt Regierungspräsident Stefan Kölliker.

Ist das eine Verbesserung für Schüler mit unentdeckten Begabungen? «Es braucht unbedingt mehr Personen, die Zeit haben, Potenzial zu entdecken und Potenzial auch zu fördern», sagt Anne Varenne, Präsidentin von Bildung Thurgau. In vielen Klassen-Konstellationen sei die Lehrperson derart gefordert, dass schlicht keine Zeit bleibt, Begabungen überhaupt nachzuspüren.

«Dazu müsste die Lehrperson für jedes einzelne Kind mindestens 15 Minuten pro Woche Zeit haben. Zeit für ein Potenzialgespräch.»

Begabungen seien nicht einfach zu erkennen, gerade bei ruhigeren Schülern. «Dafür braucht es eine andere Organisation: für jede Klasse zwei Lehrkräfte. Und zwar permanent», so Varenne.