Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Serie

«Messies sind sensibel und kreativ»:
Ostschweizer Psychiaterin im Interview

Messies – Leben im Chaos (2): Die Thurgauer Psychiaterin Karin von Zedtwitz therapiert in ihrer St.Galler Praxis Messies. Sie erklärt, was hinter der Sammelwut steckt und weshalb unsere ganze Gesellschaft Messie-Züge aufweist.
Daniel Walt
Wenn das Chaos regiert: Blick in eine Messie-Wohnung. (Bild: Raph Ribi)

Wenn das Chaos regiert: Blick in eine Messie-Wohnung. (Bild: Raph Ribi)

Karin von Zedtwitz, wie gross muss die Unordnung bei jemandem zu Hause sein, dass er als Messie bezeichnet werden kann?

Im Volksmund ist jemand ein Messie, wenn er Dinge in nicht mehr nachvollziehbarem Ausmass ansammelt oder extrem unordentlich ist, sodass grössere Teile der Wohnung nicht mehr zu nutzen sind. Da ein Messie auch Mühe hat, etwas wegzuwerfen, herrschen in solchen Haushalten oft unappetitliche Zustände. Häufig liegt dem Messie-Syndrom ein ADHS zugrunde.

Messies seien sicher als Kinder schon unordentlich gewesen, lautet ein Vorurteil. Trifft es zu?

Zunächst: Die Natur ist grundsätzlich unordentlich – ein Garten beispielsweise, der nicht gepflegt wird, verwuchert. Deswegen gibt es auch ganz selten Kinder, die von sich aus Ordnung halten. Sie müssen erst dazu erzogen werden. Leiden Kinder unter dem ADHS-Syndrom, welches genetisch bedingt ist, kann die Erziehung zur Ordentlichkeit sehr mühsam sein.

Dann können sich ADHS-Kinder im Lauf ihres Lebens zu Messies entwickeln?

Ja. Entweder lernen Betroffene, mit dem ADHS und dessen Folgen, beispielsweise eben Unordnung, umzugehen, und Strategien zu entwickeln. Oder dann können sie zu Messies werden.

Karin von Zedtwitz, Psychiaterin. (Bild: dwa)

Karin von Zedtwitz, Psychiaterin. (Bild: dwa)

Gibt es weitere Auslöser, weswegen jemand zum Messie wird?

Ja. Wer an einer schweren Depression erkrankt, ist häufig nicht fähig, aktiv zu sein. Dementen Menschen fehlen ebenfalls die Kraft und die Übersicht, im Haushalt das zu erledigen, was zu tun ist. Menschen, die unter Psychosen leiden, leben nicht in der Realität und sind somit handlungsunfähig. Verlusterlebnisse und Selbstwertstörungen können beim Sammeln von Dingen ebenfalls eine Rolle spielen. Genauso wie Sucht und Zwanghaftigkeit – der Betroffene will beziehungsweise muss Dinge anhäufen, die er gerne hat. Er leidet unter einem Kontrollverlust.

Viele Messies werden von ihrem Umfeld als hoch intelligent und hypersensibel wahrgenommen.

Auch dies entspricht dem Wesen von Menschen, die an ADHS leiden. Solche Personen sind sehr sensibel. Sie haben viele Ressourcen, sind dynamisch und kreativ. Deshalb ist es auch nicht per se negativ, wenn jemand ein ADHS-Syndrom hat. Entwickelt er Strategien, wie er seine Ressourcen nutzen kann, wird ein glücklicher, erfolgreicher Mensch aus ihm. Viele berühmte Persönlichkeiten hatten ein ADHS – Einstein beispielsweise oder Da Vinci.

Von den Menschen enttäuscht, den Dingen zugewandt – inwieweit trifft diese Persönlichkeitsstruktur auf Messies zu?

Der Einfluss der Umwelt, insbesondere in der Kindheitsphase, wird überschätzt. Aus meiner Wahrnehmung läuft es genau umgekehrt. Die Messies schämen sich für ihr Problem und verheimlichen es. Ordnungsliebende Menschen sind entsetzt über das Verhalten von Messies. Und diese fühlen sich deswegen noch weniger verstanden, da sie wegen ihres Kontrollverlustes der Problematik hilflos gegenüberstehen.

«Messie zu sein ist ein Fluch, den man nicht wegbringt», sagt eine Betroffene. Einverstanden?

Ja. Sucht und Zwang sind zwei Verhaltensweisen, die man nicht einfach so wegbringt.

Wann haben Sie zum letzten Mal einen Messie betreut?

Ich betreue immer wieder Menschen mit Messie-Verhalten, auch aktuell.

16 Bilder

Einblicke in die Wohnung eines Ostschweizer Messies

Wie therapieren Sie diese Menschen?

Messies suchen wie Suchtkranke meist erst dann Hilfe, wenn sie Probleme mit ihrem Partner, ihrem Vorgesetzten oder mit Behörden haben. Die Therapie richtet sich nach der Störung, die zum Messie-Syndrom geführt hat. Zunächst geht es darum, Vertrauen aufzubauen. Dann wird ein schrittweises Vorgehen vereinbart: Zunächst soll beispielsweise ein Quadratmeter der Wohnung oder ein einziger Schrank aufgeräumt werden. Kommt es zum Erfolgserlebnis, macht man weiter. Verhaltenstherapeutische Strategien sind sehr nützlich.

Welche Strategien im Umgang mit Messies erachten Sie generell als angebracht?

Wichtig sind neben Vertrauen auch Verständnis, Humor und Belohnungen, wenn Ziele erreicht werden. Hilfreich kann es auch sein, Bezugspersonen zu involvieren, die beim Aufräumen helfen: Das kann beispielsweise ein guter Bekannter sein oder auch eine professionell ausgebildete Hilfsperson.

Wie stehen die Erfolgschancen?

Ein Messie wird sich bis an sein Lebensende mit seinem Problem auseinandersetzen müssen. Er muss lernen, bewusst und konsequent damit umzugehen. Und sich Hilfe holen, wenn er die Kontrolle wieder zu verlieren droht.

Wie sollen Familie und Freunde reagieren, wenn sie feststellen, dass jemand zum Messie wird?

Solange der Messie keine Grenzen überschreitet und andere nicht mit seinem Verhalten belästigt, soll er in seinem Messietum glücklich sein – ganz nach dem Motto «Jedem das Seine». Wenn Angehörige ein Problem damit haben, sollen sie den Betroffenen motivieren, sich helfen zu lassen.

Seit Jahren liest man immer wieder von Messie-Wohnungen, die geräumt werden müssen. Täuscht der Eindruck, oder hat das Messie-Problem zugenommen?

Manchmal habe ich das Gefühl, dass unsere ganze Gesellschaft Messie-Züge entwickelt. Schauen Sie sich all die Dinge an, die überall herumliegen – Stichwort Littering! Generell ist das Messietum ein Zeichen unserer Konsumgesellschaft. Vor 150 Jahren gab es nicht so viele Dinge, die man kaufen und ansammeln konnte. Zudem lebten früher mehrere Generationen unter einem Dach – man griff helfend ein, wenn jemand ein Problem hatte. Heute leben viele Menschen allein. Der Messie ist sich selbst überlassen und kann seiner Sucht folgen beziehungsweise seinem Zwang nachgehen.

Serie: Messies – Leben im Chaos

Sie können sich nur schwer von etwas trennen, horten Tausende Dinge, leben in komplett überfüllten Wohnungen, oftmals isoliert von der Aussenwelt: Messies – der Begriff stammt vom englischen Wort «mess» (Unordnung) – gibt es auch in der Ostschweiz. Wie wird man zum Messie? Gibt es Chancen auf Heilung, wenn man am Messie-Syndrom leidet? Und wie gehen Hausbesitzer und Nachbarn damit um, wenn ein Messie in einer Liegenschaft lebt? In einer Serie gehen wir diesen und weiteren Fragen rund ums Thema Messies nach.

Lesen Sie den ersten Beitrag unserer Messie-Serie nach:

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.