Immer mehr Ostschweizer pendeln in andere Kantone – St.Gallen lockt die Thurgauer fast ebenso stark wie Zürich

Die Zahl der Pendler nimmt zu. Über 100'000 Ostschweizer haben
ihre Arbeitsstelle ausserhalb des Wohnkantons. Die Gruppe der Thurgauer, die auswärts arbeiten, ist massiv grösser als jene der Auswärtigen, die in den Kanton pendeln. Diese Tendenz hat sich weiter verstärkt. Im Kanton St.Gallen ist es anders. 

Adrian Vögele
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Trotz gut gefüllter Züge zu den Stosszeiten: Die Bahnpendler sind gegenüber den Autopendlern in der Minderheit. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Trotz gut gefüllter Züge zu den Stosszeiten: Die Bahnpendler sind gegenüber den Autopendlern in der Minderheit. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Beim Bevölkerungswachstum in der Ostschweiz hat der Kanton Thurgau die Nase vorn. Er wächst sogar stärker als der deutlich grössere Kanton St.Gallen: 2017 legte der Thurgau um rund 3000 Personen zu, St.Gallen um rund 2000. Umgekehrt sieht die Bilanz der Kantone hingegen bei den Arbeitspendlern aus. Das zeigen Zahlen, die das Bundesamt für Statistik am Dienstag publiziert hat. Der Saldo des Kantons Thurgau ist tief im Minus (siehe Grafik). Das heisst, viele Thurgauer arbeiten in anderen Kantonen ­– ihre Zahl ist viel grösser als jene der Zupendler, die von auswärts in den Thurgau zur Arbeit kommen. Die Tendenz des Thurgaus hin zum Wohnkanton hat sich sogar noch verstärkt. 2017 pendelten rund 45'000 Thurgauerinnen und Thurgauer in andere Kantone zur Arbeit, über 1000 mehr als im Vorjahr. Demgegenüber wurden rund 20'000 Zupendler gezählt, der Anstieg ist hier deutlich schwächer. In der Thurgauer Wohnbevölkerung im Alter ab 15 Jahren pendelt inzwischen jeder Fünfte nach auswärts. Dass nahezu alle Thurgauer Pendler im Raum Zürich arbeiten, ist allerdings ein Gerücht. Knapp 21'000 sind es. Fast genauso viele Thurgauer fahren in den Kanton St.Gallen zur Arbeit.

Da erstaunt es nicht, dass die Pendlerbilanz für den Kanton St.Gallen ganz anders aussieht als für den Thurgau: Sie ist seit Jahren positiv, die Zupendler sind momentan mit rund 3300 Personen in der Überzahl. Insgesamt pendeln rund 53'000 Arbeitskräfte von auswärts in den Kanton St. Gallen, Tendenz steigend. Auf die Thurgauer als grösste Zupendler-Gruppe folgen auf dem zweiten Platz die Ausserrhoder (11'000 Pendler), auf dem dritten die Zürcher (9000).

Nur jede achte Person aus St.Gallen arbeitet auswärts. Mit Abstand das häufigste Ziel der St. Galler Pendler ist der Kanton Zürich (20'000 Personen), gefolgt vom Thurgau (11'000) und Appenzell Ausserrhoden (6700).

Weniger als ein Viertel der Pendler nehmen den ÖV

Auch wenn oft von überfüllten Zügen die Rede ist: Nach wie vor sind die allermeisten Pendlerinnen und Pendler auf der Strasse unterwegs. Von den St. Galler Pendlern – inklusive jenen, die innerhalb des Kantons pendeln – nehmen 57 Prozent das Auto, im Thurgau sind es 64 Prozent. Demgegenüber fahren nur 22 Prozent der St. Galler und 17 Prozent der Thurgauer mit Bahn oder Bus zur Arbeit.

Betrachtet man die Situation innerhalb des Kantons St.Gallen auf Ebene der Wahlkreise, so fällt der Sog der Stadt St.Gallen besonders auf: Der Wahlkreis St.Gallen hat viel mehr Zupendler als Wegpendler – 39 000 gegenüber 16 000.Ebenfalls positiv ist die Bilanz im Wahlkreis Werdenberg, in den anderen Wahlkreisen sind die Wegpendler in der Überzahl. Einheitlich ist das Bild derweil in den Thurgauer Bezirken: Der Saldo ist überall negativ. Dasselbe gilt für Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden: Es gibt mehr Einheimische, die zum Arbeiten wegfahren als Auswärtige, die zum Arbeiten herkommen.

Zahl der Beschäftigten nimmt im Thurgau am wenigsten zu

Dabei hat die Zahl der Beschäftigten gerade in Innerrhoden deutlich zugenommen. 2016 arbeiteten rund 8900 Personen im Kanton, 6,6 Prozent mehr als noch 2011. Innerrhoden liegt damit über dem nationalen Wert – schweizweit nahm die Zahl der Beschäftigten um 5,1 Prozent zu. Der Kanton St.Gallen übertrifft die nationale Entwicklung knapp, mit einem Plus von 5,2 Prozent bei den Beschäftigten. Den geringsten Zuwachs in der Ostschweiz hat der Thurgau: Die Zahl der Personen, die im Kanton arbeiten, ist um 4,7 Prozent gestiegen. Dass der Arbeitsmarkt im Thurgau Nachholbedarf hat, stellt auch die IHK St.Gallen-Appenzell fest. 2015 hatte der Kanton laut einer Auswertung des Wirtschaftsverbandes 50 Beschäftigte pro 100 Einwohner und lag damit schweizweit auf dem drittletzten Platz. St.Gallen befand sich mit 59 Beschäftigten knapp im Durchschnitt. Der Thurgau befindet sich gemäss IHK jedoch auf Aufholjagd – etwa bei der Anzahl Vollzeitstellen.