OSTSCHWEIZER NEULINGE: Vielredner, Wenigredner, Nichtredner

Fünf Ostschweizer haben vor gut einem Jahr den Sprung in den Nationalrat geschafft. Einige sind bereits aufgefallen – mit schrägen Ideen, erfolgreichen Rettungsaktionen und fussballerischen Qualitäten.

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Aus der Ostschweiz sind im vergangenen Jahr fünf Neulinge nach Bern gezogen. (Bild: Keystone)

Aus der Ostschweiz sind im vergangenen Jahr fünf Neulinge nach Bern gezogen. (Bild: Keystone)

Der ungestüme Vollkanton-Vertreter

FRUEHLINGSSESSION, FRUEHJAHRSSESSION, SESSION, (Bild: Keystone)

FRUEHLINGSSESSION, FRUEHJAHRSSESSION, SESSION, (Bild: Keystone)


David Zuberbühler, 37 Jahre alt, SVP-Hardliner aus Appenzell Ausserrhoden, zeigt sich in seinem ersten Amtsjahr engagiert. Der Herisauer, der sich nicht als «Parteisoldat» bezeichnet, will mitwirken – und mischt sich deshalb gerne in die Ratsdebatten ein. Als Mitglied der Sicherheitspolitischen Kommission hat er bereits mehrere Vorstösse eingereicht. Er wagt sich auch an staatspolitische Themen und hat es damit schon in die nationalen Schlagzeilen geschafft: Er will die Halbkantone zu Vollkantonen aufwerten und so seinem Heimatkanton zu einem zweiten Ständeratsitz verhelfen. Die Idee ist nicht neu, Zuberbühlers Vorgänger, der heutige Ständerat Andrea Caroni spielte zu seinen Anfangszeiten im Nationalrat ebenfalls mit dem Gedanken, einen ähnlichen Vorstoss einzureichen. Er tat es nicht. Auch weil er wusste, dass die Idee chancenlos ist. Trotzdem: «Dä Zubi» hat sein Ziel schon jetzt erreicht. Über ihn wird geredet – und das ist für einen neugewählten Parlamentarier einiges. In der SVP gehört er aber nicht zum inneren Zirkel. Noch nicht? (lom)

Der treffsichere Quereinsteiger

FRUEHLINGSSESSION, FRUEHJAHRSSESSION, SESSION, (Bild: Keystone)

FRUEHLINGSSESSION, FRUEHJAHRSSESSION, SESSION, (Bild: Keystone)


Marcel Dobler hat eingeschlagen. Weniger auf der Politbühne, dafür umso mehr auf dem Rasen. Der 36-Jährige aus Jona ist die neue Wunderwaffe des FC Nationalrat. Er ist der Topskorer. In einem einzigen Spiel traf er fünfmal. Politisch ist dem Quereinsteiger, Digitec-Mitgründer und Bobfahrer jedoch noch kein Coup gelungen. Er, der für die FDP den Sprung in den Nationalrat auf Anhieb schaffte, musste bereits zu Beginn seiner Amtszeit einen Dämpfer hinnehmen: Er wollte in die einflussreiche Wirtschaftskommission, musste aber mit der Sicherheitspolitischen Kommission Vorlieb nehmen. Seine Stärken sieht er aber weiterhin in Wirtschaftsthemen. Dies zeigt auch sein Vorstoss, in dem er fordert, dass gewisse Mitarbeitende von Start-up-Firmen ihre Arbeitszeit nicht mehr erfassen müssen. Die Gewerkschaften liefen Sturm. Der Unternehmer interessiert sich auch für Cyber-Sicherheit – ein Thema, von dem im Bundeshaus nur wenige etwas verstehen. Dobler ist ehrgeizig, will etwas bewegen – am liebsten sofort. Dass in der Politik die Mühlen langsamer mahlen als in der Wirtschaft, daran muss er sich noch gewöhnen. (lom)

Der schweigsame Zollstellenretter

EMPFANG, EINFUEHRUNG, RATSMITGLIEDER, NATIONALRAETE, (Bild: Keystone)

EMPFANG, EINFUEHRUNG, RATSMITGLIEDER, NATIONALRAETE, (Bild: Keystone)


Keine Fragen, keine Voten, keine Vorstösse: Die Einjahresbilanz von FDP-Nationalrat Hermann Hess ist ernüchternd. Und trotzdem hat der 64jährige Amriswiler bereits einen grossen Erfolg feiern können. Hess kämpfte an vorderster Front für den Erhalt der Zollstelle in Romanshorn. Der Bund hatte diese sowie die beiden Zollstellen in St. Gallen und Buchs aus Spargründen schliessen wollen. In Romanshorn gefährdete die Schliessung den Fährbetrieb nach Deutschland. Hess, der gleichzeitig Verwaltungsratspräsident und Mitinhaber der Schweizerischen Bodensee-Schifffahrtsgesellschaft AG ist, konnte mit der Zollverwaltung eine Kooperationslösung aushandeln, die den Weiterbestand der Zollstelle und damit des Fährverkehrs sicherte. Während der Debatten in Bundesbern jedoch blieb der Vizepräsident der Thurgauer FDP und ehemalige Kantonsrat bislang unauffällig. Das liegt aber auch daran, dass er in der verschwiegenen Geschäftsprüfungskommission sitzt. Mit Hess’ Wahl in den Nationalrat vor gut einem Jahr holte sich die Thurgauer FDP jenen Sitz zurück, den sie vier Jahre zuvor an die Grünliberalen verloren hatte. (lom)

Die umtriebige Kesb-Kritikerin

WINTERSESSION, (Bild: Keystone)

WINTERSESSION, (Bild: Keystone)


Barbara Keller-Inhelder politisierte 15 Jahre lang im St. Galler Kantonsrat. Während dieser Zeit wechselte die 48-Jährige von der CVP zur SVP. Heute ist sie Vizepräsidentin der Kantonalpartei sowie Präsidentin der Kreispartei See-Gaster. Im eidgenössischen Parlament ist die Nationalrätin aus Rapperswil-Jona noch nicht sonderlich in Erscheinung getreten. Wortmeldungen in den Sessionen blieben aus, zwei Interpellationen reichte sie ein. Künftig dürfte sie aber auch national stärker ins Rampenlicht rücken. Zusammen mit Rats- und Parteikollege Pirmin Schwander präsidiert sie das Initiativkomitee «Kesb – mehr Schutz der Familie». Schwander geriet allerdings in Verruf, als bekannt wurde, dass die Berner Staatsanwaltschaft gegen den Schwyzer wegen «Gehilfenschaft zur Entführung und Entziehung von Minderjährigen» ermittelt. Seither ist es etwas ruhiger geworden um das Komitee und auch um Keller-Inhelder. Die politische Arbeit und die Kritik an der Kesb läuft im Hintergrund aber weiter. Gemeinsam mit dem Rapperswiler Verleger Bruno Hug hat sie ein breites Netzwerk von Kesb-Kritikern aufgebaut, dem unter anderem auch Autorin Julia Onken oder Politologin Regula Stämpfli angehören. (hrt)

Der suchende Routinier

WINTERSESSION, (Bild: Keystone)

WINTERSESSION, (Bild: Keystone)


Der Erfahrenste unter den Neuen ist Thomas Ammann. Der 52-Jährige war beinahe 20 Jahre Gemeindepräsident von Rüthi und sass während 15 Jahren für die CVP im St. Galler Kantonsrat. Ammann kandidierte bereits 2011 für den Nationalrat, jedoch ohne Erfolg. Beim zweiten Anlauf klappte es dann. Der Rheintaler weiss, wie der Politbetrieb funktioniert und hat sich daher in Bundesbern schnell zurecht gefunden. Diesen Vorteil konnte er bislang aber noch zu wenig nutzen. Das liegt auch daran, dass er in seinen Anliegen noch keinen klaren Fokus setzen konnte. In seinem ersten Vorstoss sprach er sich für die Aufhebung des Wolf-schutzes aus. Der zweite betraf die Verkehrspolitik, genauer gesagt den EC-Halt in St. Margrethen, der dritte das Zivilrecht. Ammann sitzt in der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen. Er ist der einzige Ostschweizer Neoparlamentarier, der eine Zutrittsberechtigung zum nichtöffentlichen Bereich im Bundeshaus vergeben hat. Allerdings an eine unverfängliche Adresse: seine Ehefrau. Vor zwei Monaten wurde bei Ammann ein Darmtumor diagnostiziert. Seine Ämter will er weiter ausüben. (lom)