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Wegen abstehender Ohren gemobbt: Sechsjähriger Yousef nach Operation wieder glücklich +++ Spendenaktion knackt Marke von zwei Millionen Franken

Yousef Wyss wird im Kindergarten gehänselt, teilweise sogar geschlagen. Der Grund: seine abstehenden Ohren. Seine Eltern sahen als letzten Ausweg eine Operation. «Ostschweizer helfen Ostschweizern» hat der Familie Wyss geholfen, die Operation zu finanzieren. Dank zahlreicher Spenden ist die diesjährige Hilfsaktion auf Rekordkurs.

Alain Rutishauser
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Die Familie Wyss aus Rorschach ist froh, dass Sohn Yousef nun wieder gerne in den Kindergarten geht.

Die Familie Wyss aus Rorschach ist froh, dass Sohn Yousef nun wieder gerne in den Kindergarten geht.

Bild: Michel Canonica

Yousef Wyss kommt ins Wohnzimmer gerannt, springt auf das Sofa, schnappt sich etwas zu Essen vom Tisch, springt wieder vom Sofa herunter — und schon ist der Junge wieder im Nebenzimmer verschwunden. Seine übersprudelnde Energie merkt man ihm sofort an. Seine Eltern, Laurenz und Bouchra Wyss, beobachten den Jungen zufrieden. «Die Energie hatte er schon immer», sagt Bouchra und lacht.

Wegen abstehender Ohren gehänselt

Im Kindergarten war von dieser Energie und Lebensfreude zuletzt nicht mehr viel zu sehen. Yousef wurde von den anderen Kindern wegen seiner stark abstehenden Ohren geplagt.

«Sie hänselten ihn, nannten ihn ‹Affenjunge›. Manchmal schlugen sie sogar auf ihn ein.»

Auch Interventionen der Kindergärtnerin hätten nichts genützt, die Hänseleien seien weitergegangen. Yousef habe kaum Freunde gefunden. «Nächstes Jahr kommt er in die Schule. Wir hatten Angst, dass es dann noch schlimmer wird», sagt seine Mutter.

Mehr als zwei Millionen Franken für Bedürftige

Die Hilfsaktion «Ostschweizer helfen Ostschweizer» kann sich bereits vor den Festtagen über ein unerwartetes Weihnachtsgeschenk freuen. Dank der Solidarität der Ostschweizerinnen und Ostschweizer hat der Spendenstand die Zwei-Millionen-Marke geknackt. Damit ist die diesjährige Hilfsaktion auf Rekordkurs. Im vergangenen Jahr kamen insgesamt 2,3 Millionen Franken zusammen. (red) 

Bereits vor einem Jahr habe man deshalb Abklärungen beim Ohrenarzt gemacht, ob sich die Ohren zurückbilden könnten. Da dies aber nicht der Fall sei und die Hänseleien anhielten, legte ihnen der Arzt eine Operation nahe. «Nun ging es noch ums Finanzielle. Ich bin Lastwagenfahrer und mit vier Kindern machen wir geradeso ebenaus», sagt Laurenz Wyss.

Yousef erhält Diplom für seine Tapferkeit

Die Hälfte der Operationskosten habe die Krankenkasse übernommen. Für einen weiteren finanziellen Zustupf hat Beiständin Brigitte Bischof Haag einen Antrag an «Ostschweizer helfen Ostschweizern» eingereicht. Sie unterstützt Bouchra Wyss bei Erziehungsaufgaben. «Wir konnten unser Glück kaum fassen, als der Bescheid kam, dass der gesamte Rest der Kosten übernommen wird», so Laurenz Wyss. Sobald die Familie ein wenig Geld auf die Seite habe legen können, werde sie auch einmal bei «Ostschweizer helfen Ostschweizern» spenden. «Ich würde für alle, die gespendet haben ein Couscous machen», sagt Bouchra Wyss, die in Marokko aufgewachsen ist.

Yousef kurz vor seiner Operation ...

Yousef kurz vor seiner Operation ...

... und danach.

... und danach.

Bilder: Laurenz Wyss

Yousef sei extrem tapfer gewesen während der Operation, die am 4. Dezember über die Bühne ging. Er hat von der Klinik Stephanshorn sogar ein Tapferkeitsdiplom überreicht bekommen. «Für besonders grossen Mut bei der Behandlung» steht auf dem Diplom. Ob er denn gar keine Angst hatte während der Operation? «Nein, ich habe Sirup bekommen», sagt Yousef. Danach sei auch schon fast alles vorbei gewesen. «Yousef war rund sieben Stunden im Spital, danach durfte er wieder nach Hause», so Laurenz Wyss. Die Eltern sind sehr zufrieden mit dem Ergebnis: «Es ist alles gut gegangen. Die Kinder und die Kindergärtnerin haben ihn kaum wiedererkannt», sagt Bouchra Wyss.

«Aber ich darf im Kindergarten gar nicht draussen spielen. Das finde ich blöd», meldet sich Yousef, dessen Narben hinter dem Ohr nun fünf bis sechs Wochen zum Verheilen brauchen. «Die Kindergärtnerin hat gesagt, die anderen Kinder sollen auf mich aufpassen wegen meinen Ohren», sagt er. Nun habe er auch endlich ein «Gspänli» gefunden, mit dem er jeweils spiele. «Und die anderen Kinder sind nun auch nett zu mir.» Dann hat sich Yousef allerdings genug mit den Erwachsenen unterhalten. Seine Aufmerksamkeit widmet er nun ganz dem Fernseher. Es läuft die Zeichentrickserie «Weihnachtsmann & Co. KG».

«Ostschweizer helfen Ostschweizern»

Die Weihnachtsaktion «Ostschweizer helfen Ostschweizern» (OhO) unterstützt Menschen in der Region. Träger des unabhängigen Vereins sind das «St.Galler Tagblatt» und seine Regionalausgaben sowie das Ostschweizer Fernsehen TVO und Radio FM1. Seit 2005 wird jeweils in der Vorweihnachtszeit Geld gesammelt und, wenn immer möglich, bis Weihnachten überwiesen.

Spenden kann jeder, auch kleine Beträge helfen. OhO will entlasten und eine Freude bereiten. Die Aktion unterstützt sowohl Einzelpersonen als auch Familien aus den Kantonen
St.Gallen, Thurgau und den beiden Appenzell. Jedes Gesuch muss begründet sein und die Notsituation genau dargelegt. Privatpersonen, Sozialämter, Hilfswerke und Anlaufstellen für Menschen in Not können noch bis 30. November Gesuche einreichen.

Der ehrenamtliche Beirat, präsidiert von der ehemaligen Ausserrhoder Regierungsrätin und Frau Landammann Marianne Koller-Bohl, entscheidet in den Monaten November und Dezember über die Spendenvergabe. Dem neutralen Gremium gehören Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik aus allen vier Ostschweizer Kantonen an. (red.)