Ostschweizer helfen Ostschweizern
Mit dem Verkauf von selbstgemachtem Tee spart sich Rentner Josef Schärli ein GA zusammen – doch dieses Jahr ist alles anders

Ein Leben lang musste Josef Schärli sparsam haushalten. Sein einziger Luxus: ein GA. Dieses Jahr reicht es aber nur dank eines Zustupfs von «Ostschweizer helfen Ostschweizern» (OhO) für das Abo, welches dem 74-Jährigen viel bedeutet.

Christa Kamm-Sager
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Mit dem Zug unterwegs zu sein, bedeutet dem Pensionär Josef Schärli viel.

Mit dem Zug unterwegs zu sein, bedeutet dem Pensionär Josef Schärli viel.

Bild: Arthur Gamsa

Josef Schärli nimmt den Besuch im dritten Stock beim Lift in der Alterssiedlung Mühlegut in Goldach freundlich in Empfang. Vor zwei Jahren ist er vom Hochhaus in diese moderne Alterswohnung umgezogen. Eine Küche, eine Stube mit Balkon, Schlafzimmer und Bad – es gefällt ihm hier und es mangelt ihm an nichts. Und doch ist die Zeit gerade nicht einfach für den 74-jährigen, alleinstehenden Mann.

Kinderlähmung hinterlässt ihre Spuren

Er sei naturverbunden, die Kindheit auf einem Bauernhof im Luzerner Napfgebiet habe ihn geprägt. Sein Leben lang hätte er dort als Angestellter seines ältesten Bruders, der nach dem frühen Tod des Vaters den Hof übernommen hatte, bleiben können. Für den Viertältesten von zehn Geschwistern war das aber kein Lebensplan. «Ich wollte meinen eigenen Weg gehen», sagt Josef Schärli und blickt auf sein Leben zurück. Über 20 Jahre hat er in der Nonfood-Abteilung im St. Galler Migros-Neumarkt gearbeitet. Der freundliche, kommunikative Mann hatte eine gute Stelle trotz seines Handicaps: Seit einer Kinderlähmung, an der er als Säugling litt, kann er seinen rechten Arm nicht vollumfänglich einsetzen, auch seine Wirbelsäule ist stark betroffen.

«Als Jugendlicher verbrachte ich zwei Jahre im Spital, bis man die Spätfolgen der Kinderlähmung einigermassen im Griff hatte.»
Wenn Josef Schärli nicht mit Freunden jassen gehen kann, dann spielt er am Laptop, den er geschenkt bekommen hat.

Wenn Josef Schärli nicht mit Freunden jassen gehen kann, dann spielt er am Laptop, den er geschenkt bekommen hat.

Bild: Christa Kamm-Sager

Heirat mit 40 Jahren – doch die Ehe hält nur kurz

Die Liebe führte ihn schliesslich in die Ostschweiz: Mit 40 Jahren sagte Josef Schärli Ja zu seiner zukünftigen Frau. Doch die Ehe sollte nur ein Jahr halten. Das Aus war ein schwerer Schlag für den Luzerner, der neu in Goldach wohnte. «Damals hatte ich zum ersten Mal eine Depression. Ich habe diese Frau sehr geliebt», sagt er und wird nachdenklich.

Als geselliger und fröhlicher Mensch, der er normalerweise sei, schaffte er es trotzdem gut, sich in Goldach einzuleben und einen Freundeskreis aufzubauen. Beim Jassen und Kegeln erlebte er viele gesellige Stunden, und die Arbeit erfüllte ihn.

Kräuter sammeln und trocknen

Nach dem Arbeitsende in der Migros suchte er sich eine neue, sinnvolle Aufgabe und half deshalb in der «Schüür» in Brunnadern mit, ein Ort, wo sich Menschen mit und ohne Handicap treffen. Zudem entwickelte er eine neue Leidenschaft.

«Weil ich immer schon naturverbunden war, habe ich begonnen, Kräuter zu sammeln und zu trocknen.»

Viele dieser Kräuter sucht er an speziellen Plätzen, etwa im Entlebuech oder auf dem Sörenberg auf seinen Zugreisen quer durch die Schweiz. Einige baut er auch selbst an in seinem Schrebergarten, den er zusammen mit einer Familie pflegt.

Tee und Salbe aus der Kräuterwerkstatt von Josef Schärli.

Tee und Salbe aus der Kräuterwerkstatt von Josef Schärli.

Aus den getrockneten Schafgarben, Salbei oder Ringelblumen und vielen anderen Blumen und Kräutern stellt er in aufwendiger Arbeit in seiner Wohnung verschiedene Teemischungen und Salben her, die er jeweils an Adventsmärkten in Goldach und St. Georgen verkauft.

Grau und leer in seinem Innern

Doch in diesem Jahr ist alles etwas anders. Josef Schärli ist wieder in ärztlicher Behandlung wegen einer Depression, es ist grau und leer in seinem Innern, es fehlt an seiner üblichen Kraft und Energie. Und die Märkte finden wegen der Pandemie nicht alle statt.

Es sah schlecht aus für die Finanzierung seines GA, denn einen Teil kann er jeweils durch den Verkauf seiner Teesäckchen und der Salben finanzieren, den Rest erhält er von vielen Freunden gemeinsam geschenkt. Seit 27 Jahren ist das GA der einzige Luxus für den Senior, der auf Ergänzungsleistungen angewiesen ist. «Es ist für mich auch deshalb sehr wichtig, weil ich so jederzeit meine Verwandten im Napfgebiet besuchen kann.» Dank eines Zustupfs der Aktion «Ostschweizer helfen Ostschweizern» reicht es nun auch ein weiteres Jahr für die Erneuerung des Abos, das für Josef Schärli viel bedeutet.

«Ostschweizer helfen Ostschweizern»

Die Weihnachtsaktion «Ostschweizer helfen Ostschweizern» (OhO) unterstützt Menschen in der Region. Träger des unabhängigen Vereins sind das «St. Galler Tagblatt» und seine Regionalausgaben sowie das Ostschweizer Fernsehen TVO und Radio FM1. Seit 2005 wird jeweils in der Vorweihnachtszeit Geld gesammelt und, wenn immer möglich, bis Weihnachten überwiesen.

Spenden kann jeder, auch kleine Beträge helfen. OhO will entlasten und eine Freude bereiten. Die Aktion unterstützt sowohl Einzelpersonen als auch Familien aus den Kantonen
St. Gallen, Thurgau und den beiden Appenzell. Jedes Gesuch muss begründet sein und die Notsituation genau dargelegt. Privatpersonen, Sozialämter, Hilfswerke und Anlaufstellen für Menschen in Not können noch bis 30. November Gesuche einreichen.

Der ehrenamtliche Beirat, präsidiert von der ehemaligen Ausserrhoder Regierungsrätin und Frau Landammann Marianne Koller-Bohl, entscheidet in den Monaten November und Dezember über die Spendenvergabe. Dem neutralen Gremium gehören Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik aus allen vier Ostschweizer Kantonen an. (red.)

So können Sie spenden: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, «Ostschweizer helfen Ostschweizern» zu unterstützen. Weitere Informationen finden Sie hier.

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