«OSTSCHWEIZER HELFEN OSTSCHWEIZERN»
«Beim Spielen kann ich alles um mich herum vergessen»: Mädchen wird wegen ihrer Krankheit gemobbt, am Klavier tankt sie Selbstvertrauen

Die zwölfjährige Chiara wird in der Schule ausgegrenzt, weil sie an ADHS und Dyskalkulie leidet. Als Ausgleich besucht sie den Klavierunterricht. Da die Mutter alleinerziehend und seit einiger Zeit auf Arbeitssuche ist, übernimmt «Ostschweizer helfen Ostschweizern» die nächsten Klavierstunden.

Alain Rutishauser 2 Kommentare
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Chiara besucht den Klavierunterricht bei Georg Neufeld in Rorschach, der nun von «Ostschweizer helfen Ostschweizern» (OhO) übernommen wird.

Chiara besucht den Klavierunterricht bei Georg Neufeld in Rorschach, der nun von «Ostschweizer helfen Ostschweizern» (OhO) übernommen wird.

Bild: Reto Martin

Chiara* hat ADHS und Dyskalkulie. In der Schule kann sie sich meist kaum konzentrieren. Ausserdem hat sie Mühe mit hohen Zahlen und räumlichem Denken. Chiara ist zwölf Jahre alt und besucht die sechste Klasse. Aufgrund ihrer Lernschwäche hat sie in Mathematik eine Lernzielbefreiung erhalten, und ihre Tests werden nicht benotet. Ausserdem wurde mit der Schulleitung abgemacht, dass sie etwas später kommen und früher aus dem Unterricht gehen darf. Weil die Lehrerin dieses Thema aber nie angesprochen hat, und weil Chiara oft verträumt ist, wird sie von ihren Mitschülern ausgegrenzt. «Sie sagen mir, ich sei dumm, ich simuliere und ich könne sowieso nichts.»

Ein Bub an ihrer Schule hatte es besonders auf Chiara abgesehen. «Meine Tochter wurde fast täglich geschlagen, hatte Hämatome am Körper», sagt ihre Mutter. Das sei in der ersten und zweiten Klasse vorgekommen. Als Chiara anfing, sich zu wehren, wurden die Vorfälle seltener. «Früher prügelte mich der Junge blau wie ein Schlumpf, bis ich zurückgab. Dann liess er mich in Ruhe.»

Chiara macht nun bessere Noten und hat ein Gspänli gefunden

Doch die Hänseleien in ihrer Klasse gehen bis heute weiter, und auch der Junge fing ab der fünften Klasse wieder an, verbal gegen Chiara auszuteilen. Doch sie wehrt sich, gibt Beleidigungen zurück und geht Streit auf dem Pausenplatz, den sie nichts angeht, aus dem Weg. Seit Oktober hält sie sich ausserdem wieder an den regulären Stundenplan. «Ich sagte zu mir, das lasse ich nicht mehr mit mir machen. Ich gehe normal zur Schule, ich habe das Recht darauf.» Die Schule macht ihr seither etwas mehr Spass, sie übt öfters und erzielt bessere Noten.

Und sie hat mittlerweile ein Gspänli in ihrer Klasse gefunden, mit dem sie die Pausen verbringt. «Wir sind Banknachbarn und helfen uns gegenseitig, wo wir können. Sie hilft mir beim Englisch und ich ihr im Deutsch», sagt Chiara. Ausserhalb der Schule unternähmen die beiden aber leider nichts zusammen, da das Mädchen etwas weiter weg wohne und oft auf seine kleinen Geschwister aufpassen müsse.

Am Klavier Erfolgserlebnisse sammeln

Doch Chiara hat viele Hobbys, denen sie in ihrer Freizeit nachgeht. Allen voran spielt sie Klavier, hat ein E-Piano zu Hause und besucht am Wochenende Klavierstunden. Dies dient ihr als Ausgleich zur Schule und sie kann am Klavier Erfolgserlebnisse sammeln. «Beim Klavierspielen kann ich mich beruhigen und alles um mich herum vergessen.»

Momentan kommt Chiara aber kaum zum Üben, da in der Schule viele Prüfungen anstehen. Ausserdem hat sie vor kurzem ihren rechten Ellbogen im Turnen verstaucht und musste deshalb zehn Tage eine Schiene tragen. Auch da musste sie das Klavierspielen unterbrechen. «Ich konnte den Arm weder drehen noch bewegen, ohne dass es mir wehtat. Mittlerweile ist die Schiene wieder weg und ich kann mit der rechten Hand wieder schreiben und Klavier spielen.»

Seit kurzem besucht Chiara mit ihrer Mutter das Kangoo Jump. In diesem Training tragen die Teilnehmer spezielle Schuhe, mit denen sie höher hüpfen und verschiedene Übungen machen können. «Zuerst dachte ich, das ist ein Seich. Als ich dann aber selber mitgemacht habe, fand ich es cool», sagt Chiara. Das hohe Tempo der Musik fordert ihr alles ab, sodass sie für einen kurzen Augenblick alles Schlechte vergessen kann.

Sie spielt auch gerne mit ihrer Hündin Mia, versucht ihr Tricks beizubringen. «Das klappt aber noch nicht so gut. Sie kann noch kein Sitz, und wenn ich das Stöckli werfe, schaut sie mich nur fragend an», sagt Chiara und lacht. Manchmal nimmt sie auch mehrere Becher und versteckt Leckerli darunter. Mia muss dann die Belohnung erschnüffeln und versuchen, den Becher mit ihrer Pfote umzustossen.

Chiara möchte Logistikerin werden

Seit dem Zukunftstag hat es Chiara der Beruf Logistikerin angetan. Damals hat sie ihren Bruder an seinem Arbeitsplatz besucht. Er ist Konstrukteur bei einer Firma, die Produkte aus Kunststoff und Metall herstellt. Chiara erhielt eine Führung durch alle Bereiche, ausserdem wurden ihr die verschiedenen Maschinen gezeigt. «Am meisten gefiel mir die Logistik: Bestellungen annehmen, auspacken, sortieren, kontrollieren und wieder verschicken. Das machte Spass», schwärmt Chiara.

Zudem hat sie weitere Ideen, was sie in Zukunft einmal machen möchte. Ihre Mutter leidet an Gluten- und Laktoseintoleranz. «Du musst dich fast schämen oder wirst dumm angeschaut, wenn du nach gluten- oder laktosefreien Menus fragst», sagt sie. Deshalb kam Chiara der Gedanke, ein Restaurant zu eröffnen, das ausschliesslich gluten- und laktosefreie Speisen anbietet. «Ich möchte diesen Menschen helfen, in dem ich ihnen Essen anbiete, bei dem sie sich sicher sein können, dass es gut für sie ist.»

Bald ist Weihnachten. Momentan arbeitet Chiara an einem Sitzkissen, das sie einem Verwandten schenken will. Die Arbeit an der Nähmaschine macht ihr derart Spass, dass sie von ihren Grosseltern eine eigene Nähmaschine bekommen hat, an der sie nun Dinge herstellt. Ausserdem übt sie das spanische Weihnachtslied «Feliz Navidad» auf dem Klavier. An den Festtagen möchte Chiara das Lied ihrer Familie vorspielen. «Doch bis Weihnachten muss ich noch ziemlich üben.»

* Name geändert, der Redaktion bekannt

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2 Kommentare
Marianne Levron

Wie ist es moeglich, dass Kinder mit einem kleinen Handicap an der Schule jahrelang gemobbt und ausgegrenzt werden, ohne dass jemand  gegen  diese widerlichen  Mobber vorgeht? Dieser Mangel an Toleranz  ist unverstaendlich ! Ich wuensche Chiara viel  Mut und Zuversicht und weiterhin viel  Spass am Klavierspiel.