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Sie krochen durch Höhlen und entdeckten uraltes Werkzeug: Welche Schätze Ostschweizer Forscher hinterlassen haben

Tagebücher, Skizzen und unzählige Fotos – noch unbekannt und gut hundert Jahre alt: Das sind nur einige Hinterlassenschaften der Ostschweizer Höhlenforscher um Emil Bächler. Zwei Grafiker und eine Archäologin wollen diese nun in einem Buch festhalten.
Janina Gehrig
Emil Bächler untersucht einen Knochen. (Quelle: Stadtarchiv St.Gallen)

Emil Bächler untersucht einen Knochen. (Quelle: Stadtarchiv St.Gallen)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Ordner und Mappen stapeln sich in der Küche des Grafikerateliers an der Unterstrasse in St.Gallen. Laura Prim und Sarah Leib breiten Skizzen und Fotografien auf dem Tisch aus. Darauf zu sehen sind etwa der Schädel eines Höhlenbären, Fundstücke, Pläne. Oder zwei Männer, die bäuchlings auf dem Boden liegen und Knochen wie Trophäen in die Kamera strecken. Es sind Aufnahmen des Ostschweizer Höhlenforschers Emil Bächler. Sie entstanden vor gut hundert Jahren, als der Konservator und Naturwissenschaftler bei der Wildkirchlihöhle von Menschen geschaffene Werkzeuge fand. Damit war der Beweis erbracht, dass in der Altsteinzeit – vor gut 40'000 Jahren – Neandertaler im Alpsteingebirge gelebt und sich die Höhlen als Lagerplätze ausgesucht hatten.

Lehrer Graf und Emil Bächler, Drachenloch, 1903. (Bild: Stadtarchiv SG)
Grundriss Wildenmannlisloch. (Bild: Historisches und Völkerkundemuseum St.Gallen)
Prähistorische Werkzeuge, Fundort: Wildenmannlisloch.
Höhlentagebuch, Drachenloch, Theophil Nigg, 9. August 1917. (Bild: Staatsarchiv Graubünden)
Markasit-Knolle, Fundort: Drachenloch. (Bild: Kantonsarchäologie St.Gallen, 50‘000 Jahre alt ist der älteste Funde des Kantons St.Gallen)
Zähne eines Höhlenbären, Fundort: Wildenmannlisloch
7 Bilder

Die Hinterlassenschaft der Höhlenforscher in Bildern

«Wir haben diese Bilder nicht mehr aus dem Kopf gebracht», sagt Prim. Entdeckt hatte sie diese 2016, als sie zusammen mit ihrem Grafikerkollegen Daniel Weber und der Kuratorin Sarah Leib die Ausstellung 50 Jahre Kantonsarchäologie St.Gallen im Historischen und Völkerkundemuseum konzipierte. Leib sagt:

«Das Material ist so umfangreich, so brillant und präzise dokumentiert, dass wir ihm unmöglich in der Ausstellung gerecht werden konnten.»

So reifte die Idee, ein Buch darüber zu gestalten.

Von der Temperatur über die Luftfeuchtigkeit alles festgehalten

Leib, Weber und Prim verbrachten Stunden in den Archiven, um das Bild- und Schriftmaterial, das zuvor noch niemandem zugänglich gemacht worden war, zu begutachten, zu sortieren und zu fotografieren. Die Fundstücke stammen aus mehreren Häusern, etwa aus dem Stadtarchiv, der Kantonsarchäologie, dem Staatsarchiv Graubünden, dem Naturmuseum und dem Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen. Einige Stücke steuerte Bächlers Enkel bei, der St.Galler Kinderarzt Arnold Bächler.

Darunter sind 25 Tagebücher der Höhlenforscher, Grabungspläne, Skizzen, Briefe, Dokumente über Knochenauswertungen und Erdproben, von Hand gemalte Höhlenprofile und Hunderte Fotografien zu den Ausgrabungen. Leib sagt:

«Die Forscher haben von der Temperatur über die Luftfeuchtigkeit bis zu den Mahlzeiten, die sie einnahmen, alles akribisch festgehalten.»

Zur Aufbewahrung der Knochen und Bärenzähne mussten manchmal auch leere Verpackungen wie Zündholzschächtelchen, Aprikosenkonfektschachteln oder Sprengmunitionskisten herhalten.

Funde aus der Wildkirchlihöhle um 1905/06. (Quelle: HVM St.Gallen)

Funde aus der Wildkirchlihöhle um 1905/06. (Quelle: HVM St.Gallen)

Mit im Gepäck: Schaufel, Tabak und Konservendosen

Allein im Wildkirchli wurden zwischen 1904 und 1908 rund 700 Steingeräte entdeckt. Die Funde verliehen der Höhlenforschung in der Ostschweiz und in ganz Europa Aufschwung. So wurden in der Folge auch das Wildenmannlisloch am Fusse des Seluns und die Drachenlochhöhle oberhalb von Vättis genauer untersucht. Die Forscher, unter ihnen auch Alfred Ziegler und Otto Köberle, verbrachten in mehreren Etappen insgesamt bis zu 200 Tage vor Ort. Meist im Winter, da gerade das Wildkirchli schon damals über die Sommermonate von Touristenströmen heimgesucht wurde. Mit im Gepäck hatten sie Pickel, Schaufeln, Konservendosen, Getreide, Tabak, Karbidlampen. Um die Höhlen nach Gegenständen zu durchsuchen, mussten die Männer kubikmeterweise Schutt, Lehm und Gestein abtragen.

So bestieg etwa der Lehrer Theophil Nigg am 7. Juli 1917 mit seinen Söhnen das Drachenloch auf 2427 Metern über Meer. Auch dort stiessen sie auf Höhlenbärenknochen, die sie noch gleichentags nach St.Gallen schickten, wo sie Emil Bächler untersuchte. Lachend sagt Prim:

«Bächler wies Nigg an, ihm ein Telegramm mit dem Codewort Kartoffel zu senden, falls er Hinweise für prähistorisches Leben in der Höhle finden sollte.»

Etwas skurril mutet auch eine Fotografie Bächlers an. Darauf ist der Forscher mit dem markanten Schnauz zu sehen, wie er an einer Schreibmaschine sitzt und mit dem Adler-System tippt. Oder das Bild, das die Forschertruppe vor dem Drachenloch zeigt. Die Männer tragen Zipfelmützen auf dem Kopf und Pfeifen im Mundwinkel und versammeln sich gerade um einen Holztisch, wo sie bei Tageslicht ihre Fundstücke begutachten.

Im Drachenloch fand man das «älteste Feuerzeug»

Bei den darauffolgenden Ausgrabungen zwischen 1917 und 1923 entdeckten Nigg und Bächler tatsächlich Spuren von altsteinzeitlichen Menschen, zudem 50'000 Jahre alte Feuerstellen und das «älteste Feuerzeug», ein schwefelhaltiges Gestein namens Markasit.

«Die unglaubliche Ästhetik der Aufzeichnungen bis ins letzte Detail hat uns fasziniert. Das findet man in unserer von Computern gesteuerten Welt gar nicht mehr», sagt Prim. Und Leib fügt an:

«Für diese Zeit ist die Dokumentation mit Fotos fortschrittlich. Sie ist für die archäologische Forschung der Ostschweiz, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts einen Aufschwung erlebte, von grosser Bedeutung. Die Forscher haben damit einen Schatz hinterlassen.»

Diesen Schatz wollen die Grafiker und die Archäologin nun einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Nicht als Fachpublikation, sondern als Bildband, rund 250 Seiten dick. Was vorerst fehlte, war das Geld für die Druckkosten. So starteten sie einen Spendenaufruf über die Crowdfunding-Plattform Wemakeit.

Im Sommer soll das Buch der Öffentlichkeit vorgestellt werden

Innert 45 Tage kamen bis Ende Oktober 2018 rund 23'000 Franken zusammen – mehr, als sich die drei erhofft hätten. «Wir haben immer wieder gerungen und gelitten», sagt Leib, die – wie auch Prim und Weber – ehrenamtlich für das Projekt arbeitet. Derzeit ist die Kuratorin daran, die letzten Texte zum Buch zu schreiben. Prim und Weber haben das Layout zum Buch gestaltet. Zudem liessen sich Fachpersonen wie der Direktor des Naturmuseums, Toni Bürgin, oder der Kantonsarchäologe Martin Schindler für Gastbeiträge verpflichte. Zur aktuellen Höhlenforschung verfasst Thomas Stehrenberger von der Ostschweizerischen Gesellschaft für Höhlenforschung einen Beitrag. Spätestens Ende August soll das Buch gedruckt sein und an einer Vernissage vorgestellt werden

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