OSTSCHWEIZER EINKAUFSTOURISTEN: An der Billigfleisch-Front

In Lustenau und Konstanz kostet Fleisch die Hälfte bis einen Drittel von dem, was wenige hundert Meter entfernt auf Schweizer Boden dafür verlangt wird. Ein Augenschein zeigt: Der Konkurrenzkampf ist hart – teils liegen die Nerven blank.

Daniel Walt
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Breites Angebot, günstige Preise: Viele Schweizer kaufen ihr Fleisch im grenznahen Ausland ein. (Bild: Keystone (Symbolbild))

Breites Angebot, günstige Preise: Viele Schweizer kaufen ihr Fleisch im grenznahen Ausland ein. (Bild: Keystone (Symbolbild))

Mit dem Einkaufstourismus ist es wie mit dem Surfen im Internet während der Arbeitszeit. Die meisten tun es - mit dem Namen steht aber praktisch niemand dazu. So auch nicht jener 90-jährige Mann aus Rorschach, der in einem Discounter in Lustenau gerade ein 400-Gramm-Steak für 3.19 Euro in sein Wägeli gelegt hat. "Was glauben Sie denn! Ich muss von der AHV und einer kleinen Pension leben!", schimpft er, als er gefragt wird, weshalb er sein Fleisch über der Grenze einkauft. In der Schweiz könne er sich ein Steak nicht leisten. Deshalb geht er zum Einkaufen regelmässig ins grenznahe Vorarlberg.

Bedenken wegen der Qualität hat der Mann nicht: "In der Schweiz habe ich schon Suppenfleisch gekauft, das zäh wie eine Schuhsohle war. In Österreich ist das Fleisch 50 Prozent billiger und oft besser." Er würde nötigenfalls auch nicht davor zurückschrecken, zu viel davon über die Grenze zu schmuggeln, sagt er. Mit dieser Einstellung ist er nicht alleine, haben die Fleischschmuggel-Fälle in der Ostschweiz in den letzten Jahren doch deutlich zugenommen.

Das Doppelte bis Dreifache
Wie viel Geld sparen Konsumenten, die ihr Fleisch über der Grenze einkaufen, tatsächlich? Ein Augenschein in Lustenau und Konstanz zeigt: Es kommen erkleckliche Beträge zusammen. Ein Kilo Schnitzel beispielsweise kostet bei den Discountern über der Grenze zwischen 7.23 und 7.58 Euro – das entspricht beim aktuellen Kurs zwischen 7.70 und 8.10 Franken. Die Schweizer Ableger derselben Unternehmen verlangen für die gleiche Menge Schnitzel zwischen 17 und 22 Franken, also mehr als das Doppelte – wobei es sich hier um Fleisch Schweizer Herkunft handelt.

Dasselbe Bild präsentiert sich bei Koteletts: Bei den Discountern im Ausland ist das Kilo für umgerechnet 6.40 bis 8.30 Franken zu haben. Sogar in einer Metzgerei im Vorarlberg kostet das Kilo mit umgerechnet 9.50 Franken deutlich weniger als in der Schweiz, wo inländische Koteletts beim Discounter aktuell für 15 Franken pro Kilo zu haben sind. Noch etwas teurer sind sie bei Schweizer Grossverteilern mit Preisen um rund 20 Franken pro Kilo.

Auskünfte gibt es nur anonym
Nicht nur Einkaufstouristen stehen ungern im Licht der Öffentlichkeit. Auch bei einigen Schweizer Metzgern ist das Fremdshoppen ein Reizthema. "Jahrelang haben die Medien Gratiswerbung für den Einkaufstourismus gemacht, und jetzt kommt das grosse Wehklagen. Kein Interesse – suchen Sie sich jemand anderen!", schimpft ein Rheintaler Metzger, mit dem wir über das Thema sprechen wollen.

Nur wenig willkommener ist man bei Metzgern und Angestellten von Supermärkten in Lustenau und Konstanz, den eigentlichen Profiteuren des Einkaufstourismus – im besten Fall gibt es anonyme Auskünfte. Ja, es kämen viele Schweizer, sagt die Verkäuferin einer Metzgerei im Vorarlberg. Ja, es handle sich um aller Sorten Leute, bunt gemischt seien sie. Und nein, sie habe nicht den Eindruck, dass viele Schweizer zu viel Fleisch mit nach Hause nehmen würden. Die Schweizer seien sehr korrekt und akzeptierten nicht einmal zehn Gramm zu viel. Keine Spur also von "Dörfs es bitzli meh sii?" Der Tenor in einem Supermarkt in Konstanz ist ähnlich: Vor allem am Wochenende sei der Ansturm gross, sagt eine Verkäuferin. Auch sie empfindet die Schweizer Kundschaft im Grossen und Ganzen als korrekt, was die eingekauften Fleischmengen betrifft.

"Heimmarkt wird mit Gewalt geschützt"
Ein 75-jähriger Mann aus Kefikon hat bei einem Discounter in Konstanz soeben Kabeljau gekauft. Er kommt alle zwei Wochen zum Shoppen hierher - und hat eine dezidierte Meinung zum Thema Einkaufstourismus. "Jeder entscheidet selbst, wo er sein Geld ausgibt. Hier ist es wesentlich günstiger, die Ware ist einwandfrei und der Service top", sagt er.

Das Argument, das Schweizer Lohnniveau sei höher, deshalb kosteten auch die Lebensmittel mehr, lässt er zwar gelten. "In der Schweiz ist dafür die Produktivität höher und das Kapital günstiger als in den umliegenden Ländern. Und die Unternehmenssteuern sind tiefer. Von daher dürften die Preisunterschiede nicht so gross sein" Für ihn steht fest: Es wird in der Schweiz mit Gewalt versucht, den Heimmarkt zu schützen. Das führe dann unter anderem dazu, dass Fleisch in der Schweiz das Mehrfache wie im Ausland koste. Ein Beispiel, das seine Aussage stützt: Schweinsfilet in Konstanz ist zum Kilopreis von umgerechnet 10.25 Franken zu haben – auf der Schweizer Seite der Grenze liegt der Kilopreis für einheimisches Schweinsfilet bei rund 35 Franken.

Das gleiche Fleisch doppelt so teuer
Bis zu dreimal teurer kommt eine Familie, die auf einheimisches Schweizer Fleisch setzt, anstatt über der Grenze Fleisch aus Deutschland beziehungsweise Österreich zu beziehen. Doch wie gross sind die Preisunterschiede bei ausländischem Fleisch, je nachdem auf welcher Seite der Grenze es verkauft wird? Auch hier zeigt der Direktvergleich markante Differenzen auf. In einem Discounter in Konstanz kostet ein Kilo Poulet-Geschnetzeltes umgerechnet 7.45 Franken. Für das exakt gleiche deutsche Fleisch werden von derselben Kette ein paar hundert Meter weiter auf Schweizer Boden 14 Franken verlangt – also das Doppelte. Bei deutschen Pouletbrust-Filets präsentiert sich die Situation ähnlich: Einem Kilopreis von umgerechnet 6.40 Franken in Konstanz steht ein Preis in der Schweiz von 13.80 Franken gegenüber.

Verzicht zugunsten des Tierwohls
Ursula und René Ritter aus Wäldi sind die einzigen Einkaufstouristen, die sich an diesem Tag uns gegenüber mit Namen zum Thema äussern wollen. Auf den Kauf von Fleisch über der Grenze verzichtet das Ehepaar, seit es vor einigen Jahren auf einen Schweizer Bauernhof aufmerksam geworden ist. "Wenn wir wissen, dass die Qualität stimmt und die Tiere gut gehalten werden, sind wir bereit, mehr zu zahlen", sagt Ursula Ritter. Dieses Geld spart das Paar ein, indem es in Deutschland Bücher, Drogerieartikel sowie im Winter Gemüse einkauft – weil der Gemüseladen in der Schweiz, den sie ansonsten berücksichtigen, dann geschlossen ist.

Mit dem Schmuggel von Lebensmitteln hätten sie nichts am Hut, beteuern beide. "Es lohnt sich einfach nicht. Und: Die Grenzwächter würden es an unseren Nasenspitzen erkennen", sagt Ursula Ritter. Für sie steht aber fest: Aufs Einkaufen im Ausland grundsätzlich verzichten wollen sie nicht. Wenn man nur mit der AHV auskommen müsse und nicht beim Staat um Unterstützung betteln wolle, müsse man darauf achten, wo die Produkte günstiger seien, sagt René Ritter. Seine Frau fügt lapidar an: "Alle älteren Menschen in unserem Freundeskreis denken so."

Schärfere Tierschutz-Richtlinien

Was sagt Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbandes und St.Galler CVP-Nationalrat, dazu, dass viele Menschen ihr Fleisch im grenznahen Ausland kaufen? "Solange das im legalen Rahmen passiert, müssen wir es akzeptieren", antwortet er. Der überwiegenden Mehrheit der Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten sei es aber wichtig, regionale und saisonale Lebensmittel einzukaufen. "Das ist für unsere Bauernfamilien entscheidend", sagt Ritter. Der weitaus grösste Teil der Verbraucher sei sehr sensibel, was beispielsweise das Thema Tierhaltung und Produktionsbedingungen angehe, betont Markus Ritter generell. Skandale um Gammelfleisch im Ausland trügen das Ihre dazu bei, dass viele Menschen bewusst kein Fleisch ennet der Grenze kauften, hält Ritter weiter fest.
Proviande, die Interessenvertretung der Schweizer Fleischwirtschaft, zeigt sich ob des seit Jahren zunehmenden Einkaufstourismus nicht erfreut - nicht nur als Branchenorganisation, sondern ganz allgemein als Teil der Schweizer Wirtschaft. "Damit geht ein wesentlicher Teil unserer Wertschöpfung ins Ausland",sagt Erich Schlumpf, Leiter Kommunikation von Proviande. Im Segment Fleisch/Fisch/Charcuterie haben Herr und Frau Schweizer im Jahr 2015 laut Schlumpf insgesamt 481 Millionen Euro in den Nachbarländern liegen gelassen – Geld, das der hiesigen Fleischindustrie fehlt. Der Gesamtwert aller im Ausland eingekauften Waren belief sich 2015 auf 9,3 Milliarden Franken (ohne Online-Shopping). Der Lebensmittelbereich machte mit 2,41 Milliarden rund einen Viertel davon aus, wie aus Zahlen von Proviande hervorgeht.
"Vieles spricht für den Einkauf von Fleisch in der Schweiz – gerade auch bezüglich Tierwohl", betont Erich Schlumpf von Proviande. Die Branchenorganisation verweist darauf, dass es in diversen EU-Regionen industrielle Tierhaltungen mit Zehntausenden von Schweinen oder Hunderttausenden von Hühnern gibt. Sprecher Schlumpf sagt zudem, dass die Schweiz weltweit eins der strengsten Tierschutzgesetze und das strengste Tiertransportgesetz der Welt habe. "So beschränkt sich die Transportzeit hier auf maximal acht Stunden, während sie in der EU bis zu 24 Stunden betragen kann." Er betont zudem die naturnahe und tiergerechte Nutztierhaltung, die in der Schweiz einen hohen Stellenwert geniesse. So profitierten fast drei Viertel der Nutztiere von einem Programm, das ihnen regelmässigen Auslauf im Freien garantiere. (dwa)