Ostschweizer Beratungsstellen melden nach dem Lockdown keinen grossen Anstieg bei sexueller und häuslicher Gewalt +++ Mehr Menschen auf grenzwertigen Plattformen

In den Ostschweizer Kantonen werden keine erheblichen Steigerungen der Fallzahlen verzeichnet. Da allerdings mehr Menschen im Homeoffice arbeiten, kommt zu mehr Cyberkriminalität, wie zum Beispiel der Missbrauch von Datingplattformen.

Remo Künzler
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Die Gewalt hält sich nach dem Lockdown in Grenzen.

Die Gewalt hält sich nach dem Lockdown in Grenzen.

Bild: Getty

Der Lockdown stellte von Mitte März bis Ende April das Leben auf den Kopf. Seit dessen Ende sei die Anzahl Hilfesuchender wegen sexueller Gewalt in die Höhe geschnellt — dies ist laut «20 Minuten» zumindest in Zürich der Fall. In den Ostschweizer Kantonen ist dieser Trend nicht zu beobachten.

«Während des Lockdowns musste vermehrt mit Unsicherheiten und Ängsten umgegangen werden», sagt Brigitte Huber, Geschäftsleiterin der Opferhilfe St. Gallen, Appenzell Ausser- und Innerrhoden. Die Menschen seien so vermehrt auf sich selber zurückgeworfen worden. Dies führte dazu, dass gewohnte Lebensmuster, die Halt gegeben haben, weggebrochen seien. «Damit kann das Risiko für psychische Krisen und Gewalthandlungen steigen», sagt Brigitte Huber.

Hilfesuche wegen Homeoffice und Kurzarbeit eingeschränkt

Die Beratungsstelle habe allerdings eine leichte Zunahme verzeichnet. Die Beratungen seien insgesamt gestiegen, da viele Fälle schon vor langer Zeit geschehen seien und erst jetzt gemeldet wurden, so Huber. Auch die Beratungszahlen von häuslicher Gewalt seien nach dem Lockdown leicht angestiegen. In Einzelfällen haben sich Betroffene keine Hilfe holen können, da die Kontrolle durch den Partner wegen vermehrter Anwesenheit durch Homeoffice und Kurzarbeit grösser gewesen sei. Über das Jahr 2020 gesehen verzeichnete die Opferhilfe jedoch, im Vergleich zu den Vorjahren, bei häuslicher Gewalt keine erhebliche Steigerung der Fallzahlen.

Die Fachstelle für Opferhilfe im Thurgau erhielt wegen sexueller Gewalt während des Lockdowns sogar etwas weniger Anfragen. «Aktuell liegen die Zahlen wieder im üblichen Bereich», so Geschäftsleiterin Elisabeth Rietmann.

Mehr Menschen auf grenzwertigen Plattformen unterwegs

Die Fachstelle konnte im Thurgau eine weitere Beobachtung machen: «Wir stellen eine kleine Tendenz zu mehr Cyberkriminalität fest.» Minderjährige würden durch Homeschooling und wegen ausfallender Freizeitaktivitäten mehr Zeit im Internet verbringen. Auch Erwachsene seien im Homeoffice vermehrt am PC. Dies führt laut Rietmann dazu, dass sich mehr Menschen auf grenzwertigen Plattformen bewegen. Weiter sollen auch Datingplattformen missbraucht werden.

Die Beobachtungen der Kantonspolizeien aus den Kantonen St.Gallen, Thurgau, Appenzell Ausser- sowie Innerrhoden stimmen mit den Zahlen der Beratungsstellen überein: «Es kommt zurzeit nicht zu mehr Gewalt», sagt Florian Schneider, Mediensprecher der Kantonspolizei St. Gallen.

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