«Ein Haus ins Unerkenntliche verändern geht gar nicht» – eine Weinfelder Architekturfirma ist auf Altbauten spezialisiert

Der Verein IG Altbau verbindet Unternehmen, die sich mit Altbauten beschäftigen und diesen einen Hauch von Neubau schenken.

Janine Bollhalder & Svenja Rimle
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Elektriker Flavio Röthlisberger arbeitet im Keller des Frauenfelder Altbaus. (Bild: Andrea Stalder)

Elektriker Flavio Röthlisberger arbeitet im Keller des Frauenfelder Altbaus. (Bild: Andrea Stalder)

Mit faszinierender Präzision steuert der Gartenbauer den kleinen Bagger, schwenkt die randvolle Schaufel ohne Verlust nach rechts zum Ausleeren. Dann wieder im Leerlauf nach links. Das gleiche Spiel nochmals.

«Ich bin wieder da», sagt Michael Heer und tritt aus dem Haus in den erdigen Garten. Er ist hier nicht nur Architekt, sondern auch Mädchen für alles und Mithelfer bei allem. «Das geht schon. Ich habe während meiner Ausbildung Einblicke in jegliche an einem Bau beteiligten ­Berufe bekommen», sagt er.

Architekt Michael Heer (Bild: Andrea Stalder)

Architekt Michael Heer (Bild: Andrea Stalder)

Nur etwas läuft hier fernab seiner Kontrolle: der Garten. «Je nach Situation plant ein Gartenplaner diesen.» Heer interessiert sich nämlich primär für Häuser. Er arbeitet beim Architekturunternehmen «Projekt 3» in Weinfelden. Im Büro ist er aber nicht oft anzutreffen, Heer besucht seine Projekte täglich.

«Diese Baustellenbesuche können 30 Minuten dauern oder auch zwei Stunden.»

Je nach Besprechungen und Anliegen der Unternehmer. Das Haus in Frauenfeld, in dessen Garten der kleine Bagger nun verstummt ist, wird seit Dezember des vergangenen Jahres saniert. Heer weiss:

«Gemäss Grundbuchauszug ist dieses Haus im Jahr 1931 erstellt und durch diverse Um- und Anbauten über die Jahre ergänzt worden»

An besagtem Haus sind «etwa 20 Arbeitsgruppen» beteiligt. Die Sanierung von Altbauten ist aber etwas, dass nicht nur das Unternehmen «Projekt 3» fasziniert. Genauso wie «vier bis fünf» andere Unternehmen, die an der Sanierung des Altbaus in Frauenfeld arbeiten, ist «Projekt 3» Mitglied beim Verein IG Altbau.

Inspiriert während eines Lehrgangs

Die IG Altbau hat zum Ziel, «Altbauten jung zu halten». Die Idee für den Verein stammt von Kurt Erismann und Martin Stankowski, die sich bei einem Diplomlehrgang zum Thema Architektur in Wallisellen kennen gelernt haben.

Regionalgruppenleiter Marcel Kielholz (Bild: PD)

Regionalgruppenleiter Marcel Kielholz (Bild: PD)

Zu Beginn im Jahr 1996 haben vier Regionalgruppen der IG Altbau angehört, heute sind es schon neun. In der Ostschweiz sind die Regionalgruppen Thurgau und St.Gallen/Appenzell vertreten. Allerdings kann sich nicht jedes beliebige Unternehmen einer Regionalgruppe des Vereins anschliessen. Regionalgruppenleiter Marcel Kielholz von der IG Altbau Thurgau sagt:

«Bevor ein Mitglied aufgenommen wird, nimmt ein Bewerber zuerst etwa ein Jahr einfach so am IG-Altbau-Geschehen teil.»

Während dieser Zeit werde geprüft, ob das Fachwissen und Verständnis für Altbauten vorhanden sind. «Erst dann wird ein Bewerber definitiv als Mitglied aufgenommen.» Um das Wissen über Arbeiten im Bereich Altbauten aufrechtzuerhalten und auch zu maximieren, können die Vereinsmitglieder freiwillig an vier bis fünf Weiterbildungen pro Jahr teilnehmen.

Die Arbeit an Altbauten unterscheidet sich für Heer insofern von jener an Neubauten, als dass «bei der Sanierung älterer Häuser immer etwas Unerwartetes passiert». Auch bei diesem Haus in Frauenfeld sei das so gewesen:

«In der Umbauphase haben wir bemerkt, dass nach den starken Regenfällen im Keller Wasser eingetreten ist. Dieses Problem haben wir erst lösen müssen, bevor wir weiterarbeiten konnten.»

Neubauten seien planbarer. Trotzdem: «Altbauten haben dieses gewisse Flair», sagt Heer. Dieses gewisse Flair der in die Jahre gekommenen Häuser will er weiter erhalten, auch wenn der Rest des Hauses dann auf den ersten Blick einem Neubau sehr ähnlich sieht.

Gewisse Details wie etwa diese Holzkonstruktion bleiben dem Altbau erhalten, andere Sachen werden erneuert. (Bild: Andrea Stalder)

Gewisse Details wie etwa diese Holzkonstruktion bleiben dem Altbau erhalten, andere Sachen werden erneuert. (Bild: Andrea Stalder)

Um den «alten» Charakter eines Hauses zu erhalten, werden gewisse Dinge übernommen. In Frauenfeld beispielsweise hat das Sanierungsteam eine bestehende Holzkonstruktion durch das Entfernen eines Zwischenbodens hervorheben können. Auch kleine Details wie etwa die raue Struktur der Wände oder ein verschnörkelter Türgriff können belassen werden. Aber: Die Trends, Wünsche und Ansprüche an ein Haus ändern sich, und darauf nehmen die Architekten Rücksicht:

«Vor etwa zehn Jahren noch waren die Räume offener, heute möchten die Leute viele Zimmer. Ich denke, diese bieten geschützte Rückzugsorte, ein bisschen Privatsphäre.»

Es gebe allerdings schon auch mal Bauwünsche, die dem Architekten Heer nicht unbedingt gefallen. «Wobei», merkt er an, «die potenziellen Kunden können auf unserer Webseite einen Eindruck gewinnen, in welchem Stil wir bauen, und dadurch einschätzen, ob das zu ihnen passt oder eben nicht.» Und schlussendlich sei es ja das Wichtigste, dass der Bauherr sich in seinem «neuen» Zuhause wohl fühle.

Welche Änderungen an einem ­Altbau aber gar nicht gehen? «Einen Schweinwerfer auf das Haus gerichtet. Mitten in der Stadt», sagt Heer lachend und fügt mit ernsterer Miene an: «Wenn man das Haus von seiner ursprünglichen Form ins Unerkenntliche verändert.» Das sei auch beim Haus in Frauenfeld beachtet worden.

«Die Grundform des Hauses ist beibehalten worden. Die alten Räumlichkeiten der Garage sind als zusätzliche Zimmer in den Wohnungsgrundriss integriert worden.»

Und mit der Aussendämmung sind die heutigen Energiewerte berücksichtigt worden. «Ausserdem haben wir eine freistehende Garage erstellt.» An einem Projekt wie jenem in Frauenfeld arbeitet Heer durchschnittlich während rund eines Jahres. «Ich denke, der Umbau dieses Hauses wird Mitte Dezember fertiggestellt werden können.»

Die Arbeiten am Frauenfelder Haus sollten bis Mitte Dezember fertig werden. (Bild: Andrea Stalder)

Die Arbeiten am Frauenfelder Haus sollten bis Mitte Dezember fertig werden. (Bild: Andrea Stalder)