Wörtli fürs Real Life

Herbstferien – eine Gelegenheit für Schüler, ihr Frühenglisch anzuwenden. Fünf bzw. vier Jahre nach dem Start ist man im Kanton St. Gallen und Thurgau optimistisch. Und in Herisau versuchen sich Lehrer in einer anderen Methode.

Diana Bula
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Wörtchen pauken, die es im richtigen Leben braucht: Der moderne Frühenglisch-Unterricht hat flüssiges Reden zum Ziel. Grammatik spielt eine untergeordnete Rolle. (Bild: Reto Martin)

Wörtchen pauken, die es im richtigen Leben braucht: Der moderne Frühenglisch-Unterricht hat flüssiges Reden zum Ziel. Grammatik spielt eine untergeordnete Rolle. (Bild: Reto Martin)

Mit den Ferien sind die Schulprüfungen vorerst vorbei. Für einige Kinder beginnt jedoch eine andere Art Test. Sie fliegen nach London oder New York. Geht es dort darum, einen Scone oder einen Hamburger zu bestellen, halten sich Mutter und Vater im Hintergrund – und beobachten, wie sich der Zögling anstellt. Das Frühenglisch muss doch etwas bewirken, denken sie sich.

Vor etwas mehr als fünf Jahren haben die St. Galler Primarschulen Frühenglisch eingeführt. Die ersten Schülerinnen und Schüler, die in den Genuss des Fachs kamen, besuchen nun die zweite Oberstufenklasse. Der Kanton Thurgau hat ein Jahr später mit dem Sprachunterricht gestartet.

Grammatik ist zweitrangig

Verlässt das Kind in London oder New York den Laden mit Scone oder Hamburger, lächeln die Eltern stolz. Nur die grammatikalischen Fehler, die ihr Bub oder Mädchen macht, irritieren sie wohl etwas. Die Lehrer wären dennoch zufrieden: Das Kind hat erreicht, was es wollte – und der Englischunterricht damit auch. «Generell gilt heute, dass grammatikalische Korrektheit beim freien Sprechen oder Schreiben bis am Ende der Oberstufe eine untergeordnete Rolle spielt», sagt Lukas Bleichenbacher, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Fachdidaktik Sprachen der Pädagogischen Hochschule St. Gallen. Im Vordergrund stehe die geglückte Kommunikation.

Natürlich werden Wortschatz und Grammatik nicht ganz ausgelassen. Einfache Faustregeln – ja. Feste Wendungen lernen – ja. Beides werde aber eher intuitiv trainiert, stets eingebettet in einen Kontext. «Die Didaktik ist näher ans richtige Leben gerückt.» Was sollen die Schüler verstehen? Was ausdrücken können? An diesen Fragen orientieren sich Lehrplan und Lehrer. Viele Buben und Mädchen im Primarschulalter seien noch nicht so weit, dass sie von «komplexen grammatischen Diskussionen profitieren würden». Wäre der Englischunterricht wie in der Vergangenheit von Grammatik- und Vokabeln-Büffeln geprägt: «Die Schüler verlören das Interesse. Das wäre fatal», sagt Bleichenbacher.

«Ein Erfolgsmodell»

Fünf Jahre nach dem Start mit Frühenglisch im Kanton St. Gallen: Für eine fundierte Evaluation sei es noch zu früh, sagt Rolf Rimensberger, Leiter des kantonalen Amts für Volksschule. «In der Primarschule geniesst das Frühenglisch jedoch eine recht hohe Akzeptanz, sowohl bei den Schülern als auch bei den Eltern.» Auch die Rückmeldungen aus der Oberstufe seien positiv. «Die Einführung des Englischunterrichts darf grossmehrheitlich als Erfolgsmodell bezeichnet werden», sagt Rimensberger. Forschungsresultate weisen in die gleiche Richtung, wie Bleichenbacher sagt: «Die Schüler erreichen und übertreffen in den meisten Fällen sogar die Lernziele und behalten dabei ihr Niveau in Deutsch.» Im Thurgau fällt die erste Einschätzung ebenfalls positiv aus.

Noch 2012 aber zeichnete ein Untersuch im Kanton Luzern ein düsteres Bild: 53,9 Prozent von 650 Sechstklässlern erreichten die Lernziele im Hören nicht, das Leseverständnis genügte bei rund zwei Dritteln nicht. Fast alle Kinder (96,8%) waren beim Sprechen hingegen genügend, 74,7 Prozent beim Schreiben. Zwischen den Klassen ergaben sich grosse Unterschiede. «Ob die Heterogenität im Englischunterricht grösser ist als in anderen Fächern, können wir noch nicht beurteilen», sagt der St. Galler Amtsleiter Rimensberger.

Englisch wird von Beginn weg benotet. Das Fach wird mit Deutsch – später auch mit Französisch – zu einer Note verrechnet. Sie muss alle Teilbereiche berücksichtigen. Eben darin besteht die Schwierigkeit, wie Jürg Brühlmann vom Dachverband der Schweizer Lehrer (LCH) sagt: «Grammatik und Wörtchen abzufragen, ist einfach. Aufwendiger ist es, das Sprechen und Hören zu prüfen.» So liege das Schwergewicht in Tests manchmal doch eher auf der Theorie.

Biologie auf Englisch, why not?

Laut Brühlmann gibt es in der Schweiz zwar gut ausgebildete, aber zu wenig Englischlehrer. «Optimal wäre es, wenn der Klassenlehrer die Sprache unterrichtet und nicht eine Fachlehrkraft zweimal in der Woche für eine isolierte Lektion vorbeikommen würde», sagt er. Denn: Der Klassenlehrer kann täglich eine kurze Repetition einstreuen oder andere Fächer in Englisch abhalten. «Es ist erwiesen, dass eine Fremdsprache besser haften bleibt, wenn man sie wöchentlich drei bis viermal und nicht nur zweimal nutzt.» Mit diesem sogenannt immersiven Unterricht habe man auf der Volksschulstufe noch kaum Erfahrung, kontert Rimensberger.

Lego spielen und lernen

Einige Englischlehrer unterrichten nochmal anders: Sie kombinieren das Lehrmittel mit der Birkenbihl-Methode, benannt nach der verstorbenen deutschen Lernforscherin Vera F. Birkenbihl. Vorreiterin in der Schweiz ist die Gossauerin Karin Holenstein, die soeben ihr Buch «Gehirn-gerechtes Sprachenlernen» veröffentlicht hat. Die Birkenbihl-Methode beruht auf einem Vier-Schritte-Prinzip: Auf einem Blatt mit englischen Sätzen und Wort-für-Wort-Übersetzung ins Deutsche markieren die Schüler neue Wörter. Danach trägt die Lehrerin den Text mehrmals laut vor, die Kinder lesen die deutsche Zeile mit. «Beim aktiven Hören erhält das Gehirn Feedback. Das Kind sieht, was das englische Wort auf Deutsch bedeutet. Ein wichtiges Grundbedürfnis des Gehirns», sagt Holenstein, die in Herisau unterrichtet. Die nächste Stufe: passives Hören. Während die Kinder im Schulzimmer Aufgaben lösen oder daheim Memory spielen, läuft im Hintergrund die CD mit englischem Text (von Muttersprachlern gesprochen). «Durch die Wiederholungen bauen sich im Gehirn des Schülers die erforderlichen Nervenbahnen auf, er prägt sich den Text unbewusst ein – und mit ihm Wortschatz, Aussprache und das Gefühl für Grammatik.» Zurück in der Schule wird das Gelernte angewendet. Kein Wörtchenpauken, kein Regelnbüffeln.

Wie das Gehirn es mag?

«Wenn man das Gehirn so benutzt, wie es von Natur aus funktioniert, lernt man leicht.» Das passive Hören etwa bediene sich eines typischen Neuro-Mechanismus: «Wir lernen ständig unbewusst, auch die Abfolge der Läden im Shoppingcenter.» Und ebenfalls die Muttersprache, fügt Holenstein an. Diesen Vergleich lässt ETH-Lernforscherin Elsbeth Stern nicht gelten: «Wir lernen die Muttersprache viel früher als eine Fremdsprache. Und zwar in einem weniger komplexen Lebensabschnitt. In einer Zeit, in der wir noch nicht über abstrakte Dinge reden oder nachdenken.» Ein bedeutender Unterschied, ist Stern überzeugt. Eine Fremdsprache müsse deshalb bewusst und nicht gefühlsmässig erlernt werden. «Beiläufiges Lernen während man spielt – da will ich zuerst wissenschaftliche Belege sehen», sagt Stern. Doch eben die fehlen bisher.

Mehr Chancen rechnet Jürg Brühlmann vom LCH der Birkenbihl-Methode aus: «Im frühen Englischunterricht auf der Primarstufe lernen die Kinder auch eher intuitiv und über das Gehör.» Es gebe viele interessante Lehrmethoden. «Am besten nimmt man jene, mit der man am meisten Erfolg hat – sie muss aber zum Lehrplan passen.»